Polizistensohn aus den Niederlanden: Wie Mike F. (15) in Hamburg zum Attentäter wurde

Polizistensohn schießt auf Tschetschenen und wird danach selbst Opfer
Mike F. schoss in einem Lokal am Steindamm auf einen 49-jährigen Tschetschenen und wurde danach selbst Opfer einer brutalen Attacke.

Zwei Schüsse mitten in Hamburg: Am 12. Januar wird ein 49-Jähriger im Stadtteil St. Georg angeschossen. Der Täter flüchtet – doch das Opfer und seine Begleiter verfolgen ihn. Minuten später kommt es zur brutalen Gegenattacke. Als die Polizei eintrifft, liegt der Attentäter schwer verletzt am Boden: Mike F., ein 15-Jähriger aus den Niederlanden. Seine Eltern – eine Polizistin und ein Käsehändler. Wie konnte es so weit kommen?

Eine Gruppe Tschetschenen sitzt im Lokal „Back-Lava“ am Steindamm. Eine vermummte Gestalt betritt den Laden, die Hände in den Taschen. Dann zückt sie plötzlich eine Waffe. Und schießt. Zwei Kugeln bohren sich durch die Oberschenkel von Rizvan A. Der Schütze stürmt nach draußen, das Opfer und seine Begleiter hinterher. Sie verfolgen ihn bis in das „Café Curiousa“ am Hansaplatz. Dort prügeln und treten sie auf ihn ein, schießen ihm durch beide Oberschenkel. Überwachungskameras haben genau dokumentiert, was am 12. Januar in St. Georg passierte.

Bei Gegenattacke brutal verletzt: „I’m gonna die“

Auf den Videos ist auch zu sehen, wie der erste Schütze während des Gegenangriffs demaskiert wird. Unter der Kapuze kommt kein Mann zum Vorschein, sondern ein hagerer Junge mit blonden Locken: Mike F., aus den Niederlanden, gerade einmal 15 Jahre alt.

„I’m gonna die“, ich werde sterben, soll er laut einem Polizeibericht immer wieder gesagt haben, als die ersten Polizisten eintrafen und den Schwerverletzten versorgten. Mike F. kam mit zwei Oberschenkeldurchschüssen und einer gebrochenen Nase in ein Hamburger Krankenhaus – über 300 Kilometer entfernt von seinem Zuhause, der niederländischen Stadt Hoorn.

Dort soll der inzwischen 16-Jährige als Sohn einer Polizistin und eines Käsehändlers aufgewachsen sein. Als die beiden sich scheiden ließen, sei er in kriminelle Strukturen abgerutscht. In den Niederlanden soll er schon mehrfach mit der Polizei zu tun gehabt haben, heißt es aus Ermittlerkreisen. Er habe unter psychischen Problemen gelitten und soll zuletzt in einer Jugendeinrichtung gelebt haben, bis er dann nach Hamburg geschickt wurde.

Immer häufiger werden Jugendliche für Straftaten rekrutiert

Wer Mike F. beauftragte? Unklar. Doch im Bereich Organisierte Kriminalität kommt es oft vor, dass gezielt sehr junge Leute für Straftaten engagiert werden. „Den Jugendlichen werden schnelles Geld und materieller Gewinn versprochen und kriminelle Karrierechancen in Aussicht gestellt“, sagt Jan Reinecke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK).

Lokal Back-Lava am Steindamm.
Polizisten stehen vor dem Lokal Back-Lava am Steindamm, nachdem dort auf einen 49-Jährigen geschossen wurde. (Archivbild)

Das Phänomen nimmt europaweit zu. Europol gründete dafür 2025 sogar eine eigene Einsatzsgruppe. „Jugendliche werden nicht mehr als nicht vertrauenswürdig und unzuverlässig wahrgenommen, sondern vielmehr als nützlich und so werden sie immer häufiger eingesetzt“, so Reinecke.

Die Jugendlichen sind nützlich, aber verzichtbar, ein Mittel zum Zweck. Wer nicht mehr gebraucht wird, endet wie Mike F.: schwer verletzt, allein in Untersuchungshaft.

Mike F. soll zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden sein

Im Prozess gegen ihn ist laut einer Staatsanwältin inzwischen das Urteil gefallen. Nach MOPO-Informationen soll er zwei Jahre auf Bewährung bekommen haben. Auch im Prozess gegen seine Angreifer wurde der erste Angeklagte inzwischen verurteilt. Ebenfalls zu einer Bewährungsstrafe, weil er Mike F. lediglich festhielt und seinen Fehler vor Gericht einräumte. Im Falle der anderen beiden – Rizvan A. und Adam N. – steht ein Urteil noch aus.

Laut einer der Verteidigerinnen, Christiane Yüksel, soll die Manipulation von Boxkämpfen der Grund für das Attentat gewesen sein. Vor dem Angriff am Steindamm sollen Unbekannte bereits mehrfach versucht haben, Rizvan A. zu töten.

Wahrer Hintergrund soll ein Angriff auf eine Rotlicht-Größe sein

Wie die MOPO erfuhr, soll der wahre Hintergrund eine Auseinandersetzung in einer Shisha-Bar in der Lübecker Straße sein.

Rollkommando stürmt Shisha-Bar an der Lübecker Straße und verletzt Rotlicht-Größe
Polizisten kurz nach der Tat vor der Shisha-Bar. Bei dem Überfall wurde eine Rotlicht-Größe (Foto) verletzt.

Am 6. Dezember soll eine Gruppe Tschetschenen dort die Hamburger Rotlicht-Größe Omid F. brutal zusammengeschlagen haben. Der Tatort, dieselbe Bar, in der auch Terry S. im Juli 2022 mit einer Maschinenpistole hingerichtet wurde. Auftraggeber soll damals Mansour Ismail gewesen sein, der wohl meistgesuchte Verbrecher Hamburgs.

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Das jüngste Opfer Omid F. ist selbst mehrfach vorbestraft wegen Körperverletzung und Zuhälterei. Medienberichten zufolge soll er ein Bordell von Sefadin L. übernommen haben – dem sogenannten Kiez-Paten. Kurz vor Weihnachten 2023 wurde auch auf ihn ein Anschlag verübt, bei dem sein Bruder mit einem Messer schwer verletzt worden sein soll.

Ermittlerin vor Gericht: Zusammenhänge lassen sich nicht endgültig beweisen

Mitte Juni sagte eine Ermittlerin im Steindamm-Prozess vor Gericht aus. Sie berichtete von verschiedenen Taten, die in Zusammenhang mit dem Attentat im Januar stehen sollen, darunter der Angriff auf den Kiez-Paten. Sie erklärte aber auch, dass diese Zusammenhänge sich aktuell nicht endgültig beweisen ließen.

Am selben Tag war auch Mike F. als Zeuge geladen. Zögernd betrat er damals den Gerichtssaal, schmächtig, blass und unscheinbar. Dasselbe Gesicht, das auf den Überwachungsaufnahmen unter der Kapuze zum Vorschein kam. Die Wunden sind inzwischen verheilt. Er soll nach seinem Urteil wieder in die Niederlande gebracht werden. Zurück nach Hause, zurück zu seiner Familie – zurück an den Ort, an dem alles begann, als Unbekannte ihn für ein Attentat nach Hamburg schickten.