Polizei in Sorge: Hamburg hat ein neues Waffenproblem
Es geht um Drogen, illegale Geschäfte oder verletzte Ehre. Immer häufiger eskalieren Konflikte im Hamburger Milieu mit scharfen Schüssen. Die Bilanz: zahlreiche Verletzte – und immer wieder auch Tote. Die Waffen kommen über verschiedene Wege nach Hamburg. Und ein neues Problem bereitet den Ermittlern Sorgen: Immer mehr Kriminelle stellen sich ihre Waffen selbst her.
Nie war es offenbar so einfach wie heute, an eine scharfe Pistole zu kommen. Im Darknet lassen sich Waffen relativ unkompliziert bestellen. Doch Ermittler sehen noch ein weiteres Problem: Immer häufiger werden aufgebohrte Gaspistolen als Tatwaffen sichergestellt. Und inzwischen tauchen auch Waffen auf, die komplett aus dem 3D-Drucker stammen.
Viele Kriminelle in Hamburg bewaffnet
Kaum ein Monat vergeht in Hamburg, in dem bei Auseinandersetzungen eine Schusswaffe im Spiel ist. In den vergangenen Monaten musste die Polizei immer wieder zu entsprechenden Einsätzen ausrücken. Oft blieb es bei Drohungen. Doch nicht selten wurde auch abgedrückt – Kontrahenten wurden niedergeschossen oder sogar tödlich verletzt. „Man könnte den Eindruck gewinnen, dass nahezu jeder Kriminelle in Hamburg bewaffnet ist“, sagt ein Polizist zur MOPO. Tatsächlich stellen Ermittler bei Durchsuchungen und Razzien immer wieder scharfe Schusswaffen sicher.
Ein Teil dieser Waffen gelangt über internationale Schmuggelrouten nach Hamburg – etwa aus Kriegsgebieten. Zuletzt wurde immer wieder die Ukraine als möglicher Ursprung genannt. In vielen anderen Fällen handelt es sich jedoch um umgebaute Gaspistolen. Dabei wird die Sperre im Lauf einfach herausgebohrt, sodass scharfe Munition abgefeuert werden kann.
Für die Schützen ist das allerdings selbst riskant. Diese Waffen sind eigentlich nicht für scharfe Munition gebaut – der Stahl kann bersten. Häufig ist die Pistole schon nach dem ersten Schuss unbrauchbar. Ein relativ neues Phänomen bereitet den Ermittlern zusätzlich Sorgen: selbst hergestellte, funktionstüchtige Schusswaffen aus dem 3D-Drucker. Das Problem wurde zunächst in Berlin beobachtet.
Diese Waffen haben keine Vergangenheit – sie wurden vorher nie registriert oder benutzt. Genau das erschwert den Ermittlern die Arbeit, etwa bei der Auswertung von Spuren. Und: Nur der Besitz einer solchen Waffe ist strafbar. Das Verbreiten der Baupläne oder der Software unterliegt bislang keiner Beschränkung.
„Bekämpfung organisierter Kriminalität findet in Hamburg nicht mehr wirklich statt“
In Berlin wurden bei Durchsuchungen bereits mehrere dieser Waffen entdeckt und sichergestellt. Auch in Hamburg haben die Ermittler das Phänomen inzwischen auf dem Radar. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) informierte das Bundesinnenministerium bereits im Oktober vergangenen Jahres über entsprechende Erkenntnisse und warnte vor der Entwicklung.
Illegale Waffen – darunter auch Modelle aus dem 3D-Drucker – tauchen häufig im Umfeld der organisierten Kriminalität auf. Doch genau dort geraten die Ermittler zunehmend unter Druck. Personaleinsparungen und fehlende Ressourcen erschweren die Arbeit der Spezialabteilungen. „Die Bekämpfung der organisierten Kriminalität findet in Hamburg nicht mehr wirklich statt“, sagt Jan Reinecke, Landesvorsitzender des BDK in Hamburg, zur MOPO.
Offiziell jedoch sind die Waffendelikte in Hamburg rückläufig. Polizeipräsident Falk Schnabel verkündete bei der Vorstellung der Kriminalstatistik für 2025 im Februar dieses Jahres entsprechende Zahlen. Demnach wurden 2025 insgesamt 262 Delikte bearbeitet, bei denen eine Schusswaffe im Spiel war.
Die Gewerkschaft weist allerdings darauf hin, dass diese Statistik nur einen Teil der Realität abbildet. Wie viele illegale Waffen tatsächlich in den Händen von Kriminellen in Hamburg sind, lasse sich daraus nicht ableiten – die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen. Hinzu kommt: Die Aufklärungsarbeit leidet nach Ansicht vieler Ermittler unter Sparmaßnahmen des Senats. Personalengpässe erschweren die Ermittlungen – selbst bei schweren Gewaltverbrechen.
So konnte die Kripo etwa nach einem brutalen Tötungsdelikt in der Neustadt im Oktober 2024 bislang keinen entscheidenden Ermittlungserfolg vermelden. Dort war ein Mann im Treppenhaus mit mehreren Schüssen regelrecht hingerichtet worden.
Auch im Ermittlungskomplex rund um eine Auseinandersetzung in einer Shisha-Bar in Hohenfelde und einen Mord im September 2025 kommen die Beamten kaum voran. Dort wurde ein 33-Jähriger durch ein Toilettenfenster erschossen. Eine Aufklärung der Tat scheint bislang in weiter Ferne.
Weniger Polizisten und Ermittler kann Hamburg sich nicht leisten
Vor dem Hintergrund, dass Hamburgs Innensenator auch für 2026 weiteren Sparzwängen unterliegt, wächst bei vielen Beamten die Sorge. „Jede gestrichene Stelle bedeutet weniger Polizei auf den Straßen und weniger Ermittler für die Tataufklärung. Das kann sich Hamburg sicherheitspolitisch nicht leisten“, sagt Lars Osburg von der Gewerkschaft der Polizei (GdP).