Hamburg
Neues Alkoholverbot: Ist St. Georg jetzt wirklich trockengelegt?
Seit 1. August gilt rund um Hansaplatz, Steindamm und ZOB ein Alkoholverbot. Was Anwohner, Polizei und Händler in St. Georg beobachten.
Ein Polizeitransporter fährt im Schritttempo um den Hansaplatz. Dabei übersehen die Beamten den Mann, der mit einer Bierflasche in einem Hauseingang sitzt. Vor dem Brunnen steht eine leere Jägermeisterflasche. Spuren eines Konsums, der den Platz seit Langem prägt – und verboten ist. Seit Samstag gilt in Teilen St. Georgs ein Alkoholkonsumverbot im öffentlichen Raum. Wird das Viertel jetzt trocken?
Der halbe Kiosk ist gefüllt mit Alkohol: links am Eingang Sekt und Wein, dahinter Schnaps. In der Mitte stehen ein paar Kästen Bier, der Rest lagert rechts im Kühlschrank. Im Hinterzimmer stapeln sich die Dosen. Die teuren Flaschen sind hinter der Theke verschlossen.
Als der Laden am Steindamm sich plötzlich füllt, weist der Mitarbeiter hinter dem Tresen seinen Kollegen an: „Passt Du mal eben auf, bitte?“ Unauffällig stellt er sich neben die Kühlschränke und beobachtet die Kunden. Bestseller um 12.30 Uhr: Bier. Ein Mann stellt sechs Dosen „Carlsberg Elephant“ auf die Theke, „extra strong“. Der Nächste kauft eine Flasche „Oettinger“, ein weiterer Kunde eine Zitronenlimonade – und „Jägermeister“-Kräuterschnaps.
Alkoholkonsumverbot gilt seit 1. August
Der Kiosk darf weiter Alkohol verkaufen, die Kunden dürfen ihn kaufen – solange die Flaschen verschlossen bleiben. Verboten ist nur der Konsum im öffentlichen Raum rund um Hansaplatz, Steindamm und ZOB; Restaurants und Bars sind ausgenommen. Die Regelung gilt seit dem 1. August, zunächst für ein Jahr.
Die Menschen sollen zunächst auf das Verbot aufmerksam gemacht werden. Bei einer ersten Verwarnung drohen 40 Euro Bußgeld, später sogar 200 Euro und ein Platzverweis. Aus Behördenkreisen heißt es, das Verbot sei in den ersten Tagen bereits gut angenommen worden. Es habe sich herumgesprochen, der Konsum sei in der kurzen Zeit gesunken.
St. Georg: Hohe Belastung für Anwohner
Die Belastung für die Anwohnenden sei hoch, erklärte Polizeipräsident Falk Schnabel am Montag. Mit der Ausweitung solle das Wohnquartier entlastet und konsequenter gegen Störer vorgegangen werden.
Bezirksamtsleiter Ralf Neubauer sprach von einer „sorgfältig abgewogenen Entscheidung“. Das Verbot ist zunächst auf ein Jahr befristet und soll fortlaufend auf seine Wirksamkeit und mögliche Verlagerungseffekte überprüft werden. Zugleich müsse suchtkranken Menschen geholfen werden: „Wir helfen suchtkranken Menschen, auch mit Angeboten vor Ort, schulden aber auch den Anwohnenden unsere Unterstützung.“
Die Meinung der Anwohnenden ist gespalten: Der Alkoholkonsum sei in St. Georg seit Langem weitverbreitet und ein Verbot entsprechend schwer durchzusetzen, sagt einer von ihnen. Vanessa (24) hält es nach unangenehmen Erfahrungen mit Betrunkenen dennoch für hilfreich. Mara Wiebe (63) befürchtet dagegen, dass sich das Problem lediglich verlagert.
Alkoholkonsumverbot am Hauptbahnhof gilt seit 2024
Am Hauptbahnhof gilt bereits seit April 2024 ein Alkoholverbot. Innensenator Andy Grote (SPD) erklärte bei der Einführung, jedes dritte Gewaltdelikt werde dort unter Alkoholeinfluss begangen. Die Zahl der Gewaltdelikte sank nach der Einführung um etwa 24 Prozent von 720 (2023) auf 546 im Jahr 2024. Im gesamten Viertel stieg sie hingegen: von 1207 Fällen auf 1474 Fälle (+ 22%).
Das erleben auch die Mitarbeiter in einem Imbiss am ZOB jeden Tag. Die Kunden sind vor allem Touristen. „Es kann jede Sekunde etwas passieren“, sagt einer von ihnen und zeigt auf zwei Frauen, die an einem Tisch sitzen und essen, die Koffer achtlos neben sich abgestellt. „Aber die ahnen das gar nicht, sie gucken nicht einmal.“ Jeden Tag gebe es Diebstähle, Überfälle und Festnahmen, aber die Leute würden eine Stunde später wieder woanders auftauchen.
Kioskmitarbeiter: Nicht Alkohol, sondern andere Drogen sind das Problem
Der Kioskmitarbeiter sagt, 90 Prozent der Probleme im Laden kämen nicht durch Alkohol, sondern durch andere Drogen. Kurz darauf betritt eine knochige, junge Frau mit pinkfarbenem Anglerhut den Laden. Sie bestellt eine Pfeife, einen Bunsenbrenner und einen Löffel, kramt einen Umschlag aus einer Tasche mit Pfandflaschen hervor und zahlt bar.
„Es ist Anfang des Monats, da haben sie noch Geld“, erklärt der Mitarbeiter. Im Laufe des Monats eskaliere es dann immer öfter.
Statt immer mehr Kontrollen und Verbote, bräuchte es mehr Hilfsprogramme und Alternativen. „Da wird das Geld mal wieder an der falschen Stelle investiert“, sagt er. „Es wird verdammt noch mal Zeit, wirklich was zu ändern: für Anwohner, Ladenbesitzer und Touristen!“
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