Neuer Chef der Davidwache: So will er den Kiez sicherer machen

Kay Strassberg ist neuer Leiter der weltberühmten Davidwache in Hamburg-St. Pauli.
Kay Strassberg ist neuer Leiter der weltberühmten Davidwache in Hamburg-St. Pauli.

Das bekannteste und zugleich kleinste Polizeirevier Europas hat einen neuen Leiter – Kay Strasberg ist seit April Chef der berühmten Davidwache auf St. Pauli. Und auf dem Kiez gibt es immer was zu tun: Der MOPO erklärt er, was sein größtes Ziel ist, welche Rolle das Rotlicht spielt und wie Kioske das Viertel verändern.

Er ist ein großer, kräftiger Mann mit freundlicher Ausstrahlung und Charme. Einer, dem man Stress auch in turbulenten Situationen nicht anmerkt. Und davon gab es einige in seinem Berufsleben. „Strassi“, wie der 53-Jährige von den meisten seiner Kollegen genannt wird, hat bei der Polizei schon viel erlebt: Anfang der 90er-Jahre beginnt er die Ausbildung im mittleren Dienst, fährt Streife, ist anschließend etliche Jahre bei der Bereitschaftspolizei auf Demos unterwegs, bevor er mit der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) und dem Mobilen Einsatzkommando (MEK) auch Spezialeinheiten durchläuft. „Strassi“ ist unter anderem an der Festnahme des Bruders des Reemtsma-Entführers Thomas Drach beteiligt. Der hatte einen Drogenring aufgebaut.

Strasberg in den 90er Jahren bei einer Demo: Ein Foto aus seiner Anfangszeit bei der Polizei.
Strasberg in den 90er Jahren bei einer Demo: Ein Foto aus seiner Anfangszeit bei der Polizei.

Er schafft es in den höheren Dienst, leitet Wachen, darunter das PK25 in Bahrenfeld, das auch für Einsätze in den Arenen im Volkspark zuständig ist. Etwas, das dem Fußball-Fan Strasberg besonders gefiel: „Nur die Aufstiegsfeier durfte ich nicht mehr miterleben.“

G20 in Hamburg war einer seiner härtesten Einsätze

Hängengeblieben sei auch der G20-Einsatz, den er als Führer der zweiten Hundertschaft miterlebte – an vorderster Front, zwischen Randalierern und Flaschenwerfern inmitten der brennenden Schanze. Nie vergessen werde er, wie er am Mittelweg in Rotherbaum vorbeifuhr und Leute am Straßenrand Beifall klatschten. „Wir haben alles für die Sicherheit der Menschen gegeben, die Leute wussten das“, erinnert er sich. „Ein besonderes Gefühl, wertschätzend für alle von uns.“

Strasberg als Einsatzleiter einer Hundertschaft beim G20-Gipfel in Hamburg.
Strasberg als Einsatzleiter einer Hundertschaft beim G20-Gipfel in Hamburg.

Nun ist er auf St. Pauli gelandet. „Völlig unerwartet“, wie er erzählt. Er habe einen Anruf bekommen und sei gefragt worden, ob er sich die Leitung der Davidwache vorstellen könne. „Ich war zunächst überrascht und erfreut und habe dann natürlich zugesagt.“

Die größte Aufgabe im rund einen Quadratkilometer großen Revier: die Einsätze an den Wochenenden. Strasberg sieht ein anderes Partyverhalten als noch in den 90er-Jahren. Damals habe sich mehr drin in den Clubs abgespielt. Doch weil es immer mehr Kioske gibt und die Partygänger deshalb leichter an Alkohol kommen, spielt sich heute vieles draußen ab, sagt er. Er habe zudem auch das Gefühl, dass das Partypublikum jünger werde. Wenn es Ärger gebe, dann draußen und seltener in den Clubs.

Eingreifen bei Kiez-Einsätzen, wann immer es nötig wird

Obwohl auf dem Kiez ein Glasflaschenverbot herrscht, komme es immer wieder dazu, dass sie als Waffe eingesetzt werden. Einige Kioske verkauften Glasflaschen teils unter der Hand, der Alkohol sei wesentlich günstiger als in den Clubs. Der Konsum fördere dann oft die Bereitschaft, Straftaten zu begehen, so der Polizist.

„Hinweisschilder an den Zugängen zum Kiez und Piktogramme auf den Gehwegen weisen jede Besucherin und jeden Besucher auf die Verbote von Glasbehältnissen und Waffen hin“, so Strasberg. „Meine Kolleginnen und Kollegen von der Davidwache und auch von der Bereitschaftspolizei kontrollieren die Einhaltung der Regeln mit dem nötigen Augenmaß.“

Das Rotlicht-Geschäft, das St. Pauli über Jahrzehnte ausgemacht hat, hat sich gewandelt. Weg von Bordellen, hin zu Wohnungen in anderen Stadtteilen, in denen Frauen eigenständig ohne Zuhälter arbeiten. Ganz weg sei das Rotlicht vom Kiez aber nicht. Die Beteiligten seien Strasberg zufolge jünger geworden, seine Fahnder von der Wache hätten „kommunikativen Zugang“ zu Prostituierten und Zuhältern. „Aber sie machen natürlich nicht immer, was wir wollen und was wir sagen.“ Federführend bei Rotlicht-Ermittlungen sei die zuständige Kripo-Abteilung (LKA 65). Die Davidwache unterstütze bei Maßnahmen.

Körperverletzungen und Betrug an Freiern

Womit die 130 Beamten der kleinsten Wache Europas immer wieder konfrontiert werden, sind Betrugsdelikte gegen Freier, denen etwa Bankkarten samt PIN-Nummern und viel Geld gestohlen werden. Strasberg: „Wir kennen nur die Zahlen im Hellfeld, das Dunkelfeld dürfte allerdings größer sein, weil sich viele, vermutlich aus Scham, nicht bei der Polizei melden.“ Oft würden den Opfern Tausende Euro gestohlen. Es komme auch wiederholt zu körperlicher Gewalt.

Lange Zeit war Strasberg bei der Bereitschaftspolizei bei Demos in Hamburg im Einsatz.
Lange Zeit war Strasberg bei der Bereitschaftspolizei bei Demos in Hamburg im Einsatz.

Doch was ist Strasbergs oberstes Ziel als neuer Leiter der berühmtesten Wache Deutschlands? „Wir wollen für die Besucher weiterhin ein sicheres Veranstaltungserlebnis. Das bedeutet: keine gewalttätigen Auseinandersetzungen. Das gelingt gut mit Kommunikation auf Augenhöhe und sichtbarer Präsenz. Die Vernetzung zum Bezirksamt ist sehr gut, wir arbeiten Hand in Hand.“

Der Familienvater Strasberg kocht gern selbst. Am liebsten Soljanka und Königsberger Klopse.
Der Familienvater Strasberg kocht gern selbst. Am liebsten Soljanka und Königsberger Klopse.

Nach langen Jahren als ausführende Kraft ist er nun der Lenker am Schreibtisch. Ob ihm die Straße fehle? „Nein“, versichert er, „alles hat seine Zeit. Jede Aufgabe schenkt dir eine neue Herausforderung.“

Ob er sich freue auf die neue Aufgabe? „Auf jeden Fall! Ich hatte es nie auf meiner Agenda, aber es ist besonders hier und fühlt sich richtig gut an. Der Kiez ist der Kiez.“

Das bekannteste und zugleich kleinste Polizeirevier Europas hat einen neuen Leiter – Kay Strasberg ist seit April Chef der berühmten Davidwache auf St. Pauli. Und auf dem Kiez gibt es immer was zu tun: Der MOPO erklärt er, was sein größtes Ziel ist, welche Rolle das Rotlicht spielt und wie Kioske das Viertel verändern.