Neue Gewaltwelle: Drogen, Rocker, Schüsse – in Hamburg fliegen wieder Kugeln
Feuer frei auf Hamburgs Straßen? Am Montagabend wurde ein mutmaßlicher Rocker-Boss in Farmsen-Berne angeschossen. Der 41-Jährige überlebte nur knapp. Nicht das einzige Schuss-Opfer zuletzt: Seit Anfang Mai gab es zahlreiche solcher besorgniserregender Vorfälle in der Stadt.
Pfingstmontag, gegen 19.30 Uhr, es ist noch taghell, da fallen plötzlich Schüsse im Osten Hamburgs. Ein 41-Jähriger wird vor einem Mehrfamilienhaus im Bullskamp angeschossen, lebensgefährlich verletzt. Der oder die Täter fliehen. Die Polizei ist sofort vor Ort, sperrt das Gebiet ab und leitet eine Großfahndung ein – vergeblich.
Opfer aus Farmsen-Berne soll Rocker-Boss Philipp S. sein
Das Opfer muss noch auf dem Weg ins Krankenhaus reanimiert werden. Der Mann wird notoperiert und ist laut Polizei inzwischen außer Lebensgefahr – zumindest was seinen Gesundheitszustand angeht. Denn bei dem Mann handelt es sich nach MOPO-Informationen um Philipp S., ein hochrangiges Mitglied der dänischen Rocker-Bande „Comanches MC“.
Ein Nachbar erinnert sich an den breitschultrigen Mann mit den Gesichts-Tattoos, der erst vor wenigen Wochen eingezogen sein soll: „So richtig hat der hier nicht in die ruhige Wohngegend gepasst.“ Nicht nur Philipp S., sondern auch der „Comanches MC“ insgesamt soll zurzeit wohl versuchen, in Hamburg Fuß zu fassen. Startet hier gerade ein neuer Bandenkrieg?
Seit Anfang Mai gab es diverse Schießereien in Hamburg
Tatsächlich häuften sich zuletzt die Schießereien: 2. Mai, zwei junge Männer werden nach einem Streit in einem Park in Billstedt angeschossen. 4. Mai, ein 35-Jähriger erleidet auf dem Kiez lebensbedrohliche Schussverletzungen. 9. Mai, ein 49-Jähriger wird in Jenfeld auf offener Straße niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. In derselben Nacht feuern Unbekannte auf einen Supermarkt im angrenzenden Stadtteil Rahlstedt. 11. und 13. Mai, der Betreiber einer Shisha-Bar in Bramfeld entdeckt morgens Einschusslöcher in seiner Fassade. 1. Juni, Unbekannte geben rund 30 Schüsse auf ein Tattoo-Studio in Uhlenhorst ab – nur einen Tag nach der Eröffnung. 10. Juni, der mutmaßliche Rocker-Boss wird beinahe erschossen.
Polizei: Die Taten müssen nicht zusammenhängen
„Jede dieser Taten ist eine zu viel!“, sagt Polizeipressesprecher Florian Abbenseth. Dennoch müsse jede Tat individuell betrachtet werden, solange die Ermittlungen andauern. „Die verzeichneten Fälle sind auch nicht pauschal als Auseinandersetzungen im Drogenmilieu zu bewerten, auch um einen ‚Rockerkrieg‘ handelt es sich hier nicht.“, so Abbenseth.
Zumindest zwischen den beiden jüngsten Taten soll nach MOPO-Informationen allerdings doch ein Zusammenhang bestehen. Anwohner der Hartwicusstraße, wo am 1. Juni Schüsse fielen, berichten dass Philipp S. auch Besitzer dieses Tattoo-Studios ist. Am Tag nach den Schüssen soll es bereits einen Zwischenfall gegeben haben: „Er war gerade dabei, im Laden aufzuräumen, und trug einen durchlöcherten Kühlschrank heraus, als ein Wagen mit quietschenden Reifen vorfuhr“, so ein Nachbar. „Aus dem Fenster wurde irgendwas gerufen, es klang bedrohlich.“
Politik und Polizei haben sich mit Schusswaffen-Problematik abgefunden
Jan Reinecke, Hamburger Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) zeigt sich angesichts dieser bedrohlichen Lage alarmiert: „Der Senat und die Polizeiführung haben sich offenkundig damit abgefunden, dass hier täglich Auseinandersetzungen mit Schusswaffen auf offener Straße ausgetragen werden.“
Die Szene der Rauschgiftkriminellen sei inzwischen durchweg bewaffnet. „Aufgrund der Personalnot im Landeskriminalamt findet nur noch wenig Abschreckung im Milieu statt“, sagt er. Auch die vollkommene Überlastung der Staatsanwaltschaft habe dazu beigetragen, dass der Handel und Besitz illegaler Waffen so aus dem Ruder gelaufen seien.
Der Fall am Steindamm – Schießerei innerhalb der Drogenmafia?
Die Staatsanwaltschaft ist mit den besonders schwerwiegenden Straftaten meist monatelang beschäftigt. Einer dieser Fälle wird aktuell vor Gericht verhandelt: Im Januar schoss ein 15-Jähriger in einem Restaurant am Steindamm auf einen Mann und floh. Sein 49-jähriges Opfer und seine Begleiter verfolgten ihn bis in ein Lokal am Hansaplatz.
Dort schlugen und traten sie auf den Jungen ein, bevor sie ihm laut Anklage zweimal durch den Oberschenkel schossen. In diesem Fall scheint inzwischen klar: Es handelte sich um eine Auseinandersetzung innerhalb der Rauschgiftszene, zwischen der tschetschenischen Mafia und der niederländischen Mocro-Mafia.
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„Wir haben das Problem, dass es inzwischen kriminelle Gruppierungen gibt, die augenscheinlich deutlich schneller bereit sind, zur Schusswaffe zu greifen“, erklärt Lars Osburg, Vize-Chef der Gewerkschaft der Polizei Hamburg. Es bräuchte mehr Personal, mehr Befugnisse im Bereich der künstlichen Intelligenz, inklusive biometrischer Gesichtserkennung. Solange sich daran nichts ändert, werde sich auch auf Hamburgs Straßen nichts ändern. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis auf das nächste Opfer gezielt wird.