Polizei
Nach Razzia: Das große Geschäft mit Prostituierten aus Südamerika
Polizei nimmt 54-Jährigen wegen des Verdachts auf Menschenhandel fest – so funktioniert das perfide System der Ausbeutung
Vermummte Polizisten führen einen Mann aus einem Haus an der Chateauneufstraße (Hamm). Hände in Handschellen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen – sein Blick ist gesenkt, als er vergangene Woche in einen Polizeitransporter steigt. Im Haus bleiben 20.000 Euro Bargeld und Luxusuhren zurück – mutmaßliche Erträge eines Geschäfts mit Schleusungen und Zwangsprostitution. Ein System der Abhängigkeit, das seit Jahrzehnten besteht.
Als die Betroffenen aus Venezuela, Kolumbien und der Dominikanischen Republik in den Schengenraum einreisten, gaben sie sich als Touristinnen aus. Ihr Ziel: Hamburg. Hier soll der 54-jährige Italiener ihnen Wohnungen für Prostitution vermittelt und gegen Bezahlung für ihre Dienste geworben haben. Ihm werden 101 Taten vorgeworfen. Er soll sich an den Frauen bereichert haben, die in solchen Fällen üblicherweise kaum einen Ausweg sehen.
In der Hamburger Kriminalstatistik wurden im vergangenen Jahr 24 Fälle von Menschenhandel erfasst, 23 davon betrafen Zwangsprostitution. Bundesweit schlossen die Behörden 391 Ermittlungsverfahren wegen sexueller Ausbeutung ab – ein neuer Zehnjahres-Höchststand. Betroffen waren 574 Personen – fast ein Viertel mehr als im Vorjahr. Besonders stark stieg die Zahl der Opfer aus Südamerika: von 38 auf 128. Allein 92 kamen aus Kolumbien – die hohe Zahl erklärt sich durch zwei Großverfahren.
Zwangsprostitution in Hamburg: Die Methoden der Täter
Die Methoden ähneln sich: Betroffene werden mit der Aussicht auf ein besseres Leben nach Deutschland gelockt, oft mithilfe sozialer Medien. Ihnen werden Jobs in der Hotel- oder Gastronomiebranche versprochen. Sobald sie ankommen, werden ihnen dann angebliche Schulden präsentiert, die durch Arbeits- und Wohnungsvermittlung entstanden seien und durch Prostitution abgearbeitet werden müssten.
„Die Hilflosigkeit der Opfer wird ausgenutzt“
„Opfer werden massiv unter Druck gesetzt, um nach der erfolgreichen Anwerbung in der Ausbeutung gehalten zu werden, mit psychischer und physischer Gewalt oder der Drohung, der Familie von der Prostitution zu erzählen“, so das BKA. „Die Hilflosigkeit der Opfer wird ausgenutzt.“ Auch das Vortäuschen von Liebesbeziehungen spielt laut Polizei oft eine Rolle. So wird neben der finanziellen auch eine emotionale Abhängigkeit erzeugt – von der oft niemand etwas mitbekommt.
Immer häufiger findet die Zwangsprostitution in Privatwohnungen statt, nicht in Bordellen. Diese „Modellwohnungen“ sind oft nicht als Prostitutionsstätten angemeldet und daher schwer zu kontrollieren. Ende der 1990er-Jahre zählte die Hamburger Polizei schätzungsweise 900 solcher Wohnungen, in denen etwa 2500 Frauen arbeiteten. Nach verstärkten Kontrollen und Ermittlungen sank die Zahl deutlich. Verschwunden ist das Geschäft jedoch nie. Auch heute gehen Ermittler von einem großen Dunkelfeld in Privatwohnungen aus.
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Um eben solche Räume ging es auch bei der Hamburger Razzia am 23. Juli. Insgesamt wurden acht Adressen mit mutmaßlichen Modellwohnungen in Hamburg-Nord, -Mitte und westlich der Alster durchsucht. Gegen den 54-Jährigen wurde inzwischen Haftbefehl erlassen. Die Auswertung der sichergestellten Beweismittel soll nun zeigen, wie weit sein Geschäft reichte.
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