Nach Mord an Studentin (22): Darum werden Menschen zu Stalkern

Blumen liegen vor der Haustür des Mehrfamilienhauses in Ottensen, in dem Antonia-Luisa H. lebte.
Blumen liegen vor der Haustür des Mehrfamilienhauses in Ottensen, in dem Antonia-Luisa H. lebte.

Antonia-Luisa H. war 22 Jahre alt und träumte von einer Karriere als Musical-Darstellerin. Der gleichaltrige Kim W. hat ihr nach Erkenntnissen der Hamburger Polizei und Staatsanwaltschaft diesen Traum genommen: Er erschoss erst sie, dann sich selbst. Über Monate soll er der Frau nachgestellt haben, erzählt ihre Mutter. Doch wie werden Menschen zu Stalkern? Bei welchen Anzeichen sollte das Umfeld hellhörig werden?

Stalking sei ein vielschichtiges Phänomen, erklärt Claas Lammers. Er ist Chefarzt an der Asklepios-Klinik Nord und betreut Patienten in der Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Es gebe Menschen, die ganz deutlich Psychosen haben. Wahnhafte Verkennungen. „Sie verlieren den Kontakt zur Realität“, sagt er.

Darum werden Menschen zu Stalkern

Andere verfielen in einen Liebeswahn: Menschen, die sich sonst ganz normal verhalten, aber in Bezug auf den vermeintlichen Liebespartner wahnhaft sind. Lammers: „Eine Patientin dachte, Paul McCartney wäre in sie verliebt, auf Konzerten gebe er ihr heimlich Zeichen.“ Aber eine Gefahr gehe von diesen Menschen nicht aus.

Anders sieht es bei Menschen aus, die mit verschmähter „Liebe“ und deren Folgen kämpfen. Lammers sagt: „Sie sind am gefährlichsten. Ex-Partner und Menschen, die versuchen, die Beziehung zu reaktiveren oder zu aktivieren und sich gleichzeitig rächen wollen.“ So etwas komme oft bei Menschen vor, die bereits eine auffällige Persönlichkeit haben, oft gehe es mit Narzissmus einher. „Diese Menschen fühlen sich in der Eigenliebe gekränkt, sind oft impulsiv und neigen zu Aggressionen. Sie können das Verlassen-werden nicht ertragen, denken, sie seien wertlos“, sagt Lammers. „Dieses Schamgefühl wandeln sie in Aggressivität um. Und nicht selten fangen sie das Stalken an, anfangs noch, um klärende Gespräche zu suchen.“

Claas Lammers ist Chefarzt der Asklepios Klinik Nord.
Claas Lammers ist Chefarzt der Asklepios-Klinik Nord.

Die Tötung könne dabei im Affekt passieren: Der Betroffene fühlt sich im Gespräch mit der Person, die seine „Liebe“ nicht erwidert, plötzlich beschämt.

„Es gibt aber auch Stalker, die ganz gezielt das Tötungsdelikt planen“, so Lammers. Strafrechtlich gesehen seien Menschen, die an einer Psychose leiden, in der Regel schuldunfähig. Sie lebten in einer anderen Welt und fühlten sich bedroht. „Menschen mit Persönlichkeitsstörungen dagegen sind eigentlich immer schuldfähig, weil sie Zugang zur Realität hatten und abwägen konnten“, erklärt Claas Lammers.

Wenn Menschen eine sehr narzisstische Natur aufweisen, extrem leicht gekränkt und sehr impulsiv sind, dann sind das erste Anzeigen, so der Arzt. Er rät: „Wenn sie dann zu Gewalt neigen, zusätzlich übermäßig Drogen und Alkohol konsumieren, sollte man aufpassen.“

Hamburger Chefarzt: So wird Stalking-Patienten geholfen

Und wie hilft man Erkrankten? Bei einer Psychose würde man in erster Linie mit Medikamenten arbeiten: Betroffene fühlten sich dann vollständig distanziert von ihrem Wahn. Liebeswahn-Patienten seien schwer zu therapieren. „Häufig ist es so, dass ein gerichtlicher Beschluss oder eine Weisung hilfreich sein können“, sagt Lammers. Betroffene seien „ganz schwer von ihren Überzeugungen runterzubringen“. Menschen mit Persönlichkeitsstörungen helfe nur eine lange Psychotherapie, in der es darum geht, dass „sie sich mit ihrem verletzen Kern auseinandersetzen und diesen begreifen“. Wichtig: Strategien entwickeln, nicht gleich mit Wut zu reagieren.

Antonia-Luisa H. war 22 Jahre alt und träumte von einer Karriere als Musical-Darstellerin. Der gleichaltrige Kim W. hat ihr nach Erkenntnissen der Hamburger Polizei und Staatsanwaltschaft diesen Traum genommen: Er erschoss erst sie, dann sich selbst. Über Monate soll er der Frau nachgestellt haben, erzählt ihre Mutter. Doch wie werden Menschen zu Stalkern? Bei welchen Anzeichen sollte das Umfeld hellhörig werden?