Mit den Kiez-Cops auf Streife: Auf der Reeperbahn nachts um halb sechs…
Ende September stellten St. Paulis Clubbesitzer eine Sicherheitskampagne vor, weil die Zustände auf dem Kiez mittlerweile untragbar seien. Die Polizisten René Fernolendt und Golo Schneyer kämpfen dort jedes Wochenende aufs Neue gegen Diebe, Schläger und Dealer. Die MOPO hat sie eine Nacht lang begleitet.
„Schlägerei mit Glasflaschen am Bahnhof St. Pauli!“ Kaum ist die Information durchgegeben, fährt der erste Streifenwagen vor der Davidwache los. Innen haben fünf Polizisten auf großen Monitoren die Überwachungsaufnahmen der Reeperbahn im Blick. Zwei Minuten später sind die Beamten vor Ort – kurze Wege, im kleinsten Revier Deutschlands.
22 Uhr, kurz nach Schichtbeginn. Polizeiobermeister Golo Schneyer (32) und Hauptkommissar René Fernolendt (44) greifen nach Mütze, Jacke, Funkgerät – und dem letzten Schluck Kaffee. Dann geht es raus in die Kälte: „Erst mal einen Überblick verschaffen, was heute so los ist“, erklären sie gelassen.
Der Polizeitransporter rollt im Schritttempo zum Beatles-Platz, nur Zentimeter von feiernden Menschen entfernt, die plötzlich zwischen Autos auftauchen. Zu Fuß geht es weiter über die Große Freiheit, vorbei an Club-Schlangen, bis zur Schmuckstraße.
Wildpinkler an der Schmuckstraße: „Junge, pack ein“
Zwischen Zaun und Stromkasten lehnt ein Mann mit offener Hose. Es riecht nach Urin und Alkohol. Die Beamten nähern sich. „Junge, pack ein, dann können wir reden“, sagt Fernolendt schmunzelnd.
Der Mann dreht sich wankend um und beginnt kaum ansprechbar mit den Beamten zu diskutieren. Ruhig, aber bestimmt erteilen die Polizisten ein Aufenthaltsverbot und zeigen den Weg zum Bus. Als der Mann immer noch nicht geht, wird Fernolendt deutlich: „Raus aus meinem Kiez!“ Der Wildpinkler zieht ab – vorerst.
Kriminalität hat sich auf die südliche Seite der Reeperbahn verlagert
„Wenn die schon so mit uns diskutieren, werden sie früher oder später selbst zum Opfer“, sagt Fernolendt, während er die Talstraße hinaufläuft – früher ein Brennpunkt, heute haben sich die Probleme auf die südliche Seite der Reeperbahn verlagert. Schneyer zeigt auf einer Gruppe junger Erwachsener, die in einem Hauseingang steht und eine Flasche Sekt herumreicht. Ein kurzes Nicken von Fernolendt, dann klären sie die Besucher über das Glasverbot auf, das seit 2009 gilt. „Wir wussten das nicht“, sagen sie, wie so viele. Etwa 180 Verstöße werden heute insgesamt gezählt, jeder kostet 60 Euro. „Wir haben hier jedes Wochenende Schlägereien mit Glasflaschen, mit schwersten Verletzungen“, klärt Fernolendt auf.
Ein paar Meter weiter steht ein Jugendlicher in Kapuzenjacke. Er sieht jung aus, zu jung. Während die Polizisten ihn kontrollieren und mithilfe einer Übersetzer-App versuchen, ihm zu erklären, dass er jetzt nach Hause fahren muss, weil er noch nicht volljährig ist, drängeln sich zwei Betrunkene vorbei.
„Warum schubst du mich?“, ranzt der eine Fernolendt an. „Ich zeig’ dich an!“, grölt er weiter. In dem Moment taucht auch der Wildpinkler aus der Schmuckstraße wieder auf. „Wir brauchen Unterstützung, Reeperbahn/Ecke Talstraße“, diktiert Schneyer in sein Funkgerät. Kurz darauf fährt ein Wagen der Bereitschaftspolizei vor, die an diesem Abend ebenfalls vor Ort ist.
Unter Protest wird der Wildpinkler auf die Wache gebracht, vorbei an der Menschentraube, die vor der „Wodka Bombe“ bis auf die Straße steht. Sie stürzen den Inhalt ihrer Plastikbecher hinunter: ein halber Liter Wodka-Energy für vier Euro. Der Andrang ist groß, ein Zeichen dafür, dass der Kiez gut besucht ist. Etwa 12.000 Besucher schätzt die Polizei heute.
Clubbesitzer kritisierten Sicherheitslage
Zuletzt hatten Clubbesitzer die Sicherheitslage kritisiert. Der Kiez sei „kein Ort mehr für junge Frauen“, die Gewalt und Respektlosigkeit der Männer habe massiv zugenommen. St. Pauli ist hinter St. Georg der Stadtteil mit den meisten Straftaten. Besonders Raub, Körperverletzung und schwere Gewalttaten sind ein Problem, allerdings nicht erst seit Kurzem. Die Fallzahlen steigen seit 2021 an, liegen im Durchschnitt aber weiterhin unter dem Vor-Corona-Niveau.
Fernolendt und Schneyer begleiten ihre Kollegen auf die Wache. Es gibt heißen Kaffee aus dem Vollautomaten gegen die Müdigkeit. Die Tasse dampft noch, da knackt das Funkgerät schon wieder: „Die kloppen sich beim ‚Blauen Peter‘!“ Als Schneyer und Fernolendt am Hamburger Berg ankommen, liegt ein junger Mann bereits in Handschellen auf dem Boden, ein Schuh fehlt. Die Menschen in dem Laden bekommen von dem Tumult draußen offenbar nichts mit: gedrängtes Tanzen auf der Fensterbank, beschlagene Scheiben, 2010er-Hits, die bis auf die Straße dröhnen. Zwei Beamte ziehen den Mann hoch, er humpelt auf pinker Socke zum Transporter, der ihn auf die Davidwache bringt. Ausnüchtern statt ausgelassen feiern.
Nächste Schlägerei am Beatles-Platz – Immer dasselbe Muster
Der Kiez füllt sich, der Alkoholpegel steigt – und mit ihm die Zahl der Einsätze. Schon wird die nächste Schlägerei durchgegeben, jetzt am Beatles-Platz. Auch diesmal wurden die Männer bereits von der Bereitschaftspolizei getrennt. Einer stützt sich an einem Baum ab, Blut tropft aus der Nase, das Auge lila. Immer wieder dasselbe Muster: trinken, diskutieren, zuschlagen. Jedes Wochenende aufs Neue. Für Schneyer und Fernolendt ist dieser Wahnsinn Alltag. Revier wechseln kommt trotzdem nicht infrage. „Ich mag die Herausforderung und die Geschwindigkeit, mit der hier alles passiert“, sagt Fernolendt.
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Gegen halb sechs kehren auch die letzten Polizisten auf die Davidwache zurück. Auf einem Bildschirm sind die Zellen zu sehen – alle belegt. Die beiden Männer von der Prügelei am Beatles-Platz nüchtern getrennt voneinander aus. Der blonde Mann vom „Blauen Peter“ liegt zusammengerollt auf seinem Holzbett. Der Wildpinkler aus der Schmuckstraße drückt im Sekundentakt die Notfallklingel, um sich zu beschweren: „Warum wurde ich hier eingesperrt?“, fragt er immer wieder. „Sie haben ein Aufenthaltsverbot nicht eingehalten. Jetzt legen Sie sich bitte hin“, antwortet eine Polizistin. Schlafenszeit auf der Davidwache, Feierabend für Fernolendt und Schneyer. Bis der Kiez am nächsten Abend wieder erwacht.