Massenschlägereien, Überfälle, Tote: Ist das wirklich „grundsätzlich unauffällig“?

Massenschlägerei Wilstorf
3. April – Auf der Wilstorfer Straße prügeln sich 20 bis 40 Männer u.a. mit Tischen, Stühlen und Latten. Beamte sperren mit Maschinenpistolen die Straße, nehmen mehrere junge Männer in Gewahrsam. Einem Polizisten wird die Hand gebrochen.

Die Situation im Zentrum des Bezirks Harburg ist schon länger brenzlig. Im April erreichten die Ausschreitungen aber ein neues Ausmaß: Gleich vier Mal kam es zu Massenschlägereien im berüchtigten Phoenixviertel und im nahen Stadtteilzentrum, Polizisten mit Maschinenpistolen sperrten Straßen. Im nahen Heimfeld stürmte ein Rollkommando einen Kulturverein. Und am 14. April stürzte ein 15-Jähriger aus einem Hochhaus am Soltauer Ring und starb. Viele Anwohner, die nachts von Sirenen, Schreien und Schüssen wach werden, fühlen sich nicht mehr sicher. Doch was macht die Stadt, um die Probleme vor Ort in den Griff zu kriegen? Die Politik wirkt ratlos – und die Polizei überrascht mit ihrer Einschätzung zur Problemlage vor Ort.

Die Wilstorfer Straße im Phoenixviertel nahe dem S-Bahnhof Harburg: Genau hier fanden seit Anfang April zwei Massenschlägereien statt. Vor einem Restaurant gingen am 3. April Dutzende Männer aufeinander los, mit Stühlen, Tischen und Holzlatten. Sieben Russen, ein Georgier und ein Deutscher landeten in Gewahrsam. Zehn Tage später genau das gleiche Szenario.

Massenschlägereien und Balkonsturz – Extremsituation in Harburg

Am 15. April griffen dann mehrere Männer im nahegelegenen Heimfeld einen Kulturverein an, Benzin wurde verschüttet, es kam zu einer wilden Schlägerei auf der Straße. Und am 22. April rückte die Polizei mit einem Großaufgebot in die nahe gelegene Lüneburger Straße im Zentrum Harburgs aus: Massenklopperei in einem „Barber-Shop“. Einen Tag später prügelten sich 20 Jugendliche auf der Wilstorfer Straße.

Ein Jugendlicher fällt in der Nacht vom Balkon eines Hochhauses in Hamburg in den Tod.
14. April – Ein Junge stürzt aus dem 8. Stock eines Hochhauses an der Soltauer Straße und stirbt. Zuvor soll eine Gruppe gewaltsam eine Wohnung gestürmt haben. Die Ermittlungen laufen.

Der wohl schockierendste Fall ereignete sich am 14. April, nur einen Hügel hinterm Phoenixviertel: Ein 15-Jähriger starb auf der Flucht vor Eindringlingen, als er aus dem 8. Stock eines Hochhauses am Soltauer Ring stürzte. Sieben Syrer wurden festgenommen, die Ermittlungen dauern an.

„Abends vermeide ich es, alleine unterwegs zu sein“

Die jüngste Serie an Gewalttaten ist nur die Spitze des Eisbergs: Seit Jahren berichtet die MOPO über schwerste Gewaltkriminalität vor allem im Phoenixviertel, mehrfach wurden Menschen dort angeschossen. Doch am Dienstagmittag nach Ostern ist es an der Wilstorfer Straße ganz friedlich. Passanten tummeln sich zwischen Restaurants, Friseurläden und Kiosken. Eine von ihnen ist die 22-jährige Kaya, sie wohnt seit vier Jahren hier. Ob sie sich sicher fühlt, hängt von der Tageszeit ab. „Solange es hell ist, ist es hier wie überall sonst. Abends vermeide ich es, alleine unterwegs zu sein.“ Die Nachrichten der letzten Wochen haben ihr zu schaffen gemacht: „Natürlich bekommt man das alles mit, die Schlägereien, der Tod des Jungen.“

Kaya aus Harburg
Kaya (22) wohnt seit vier Jahren im Phoenixviertel. Tagsüber fühlt sie sich sicher, nachts vermeidet sie es, alleine unterwegs zu sein.

Andere berichten Ähnliches: „Seitdem das hier mit dem Jungen war, fühlen wir uns überhaupt nicht mehr sicher“, erzählen eine Mutter und ihre Tochter. „Es wird jeden Tag schlimmer.“ Von der Polizei fühle sie sich nicht geschützt: „Es kommt einem vor, als würde die das gar nicht interessieren. Es passiert etwas vor ihren Augen und sie fahren einfach dran vorbei und machen nichts.“

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„Man sollte Auseinandersetzungen hier besser meiden“

Ihre Namen wollen die beiden nicht nennen, ein Foto machen erst recht nicht. Aus Angst vor Angriffen, weil irgendwem nicht gefällt, was sie zu sagen haben. Damit sind sie nicht alleine: Viele trauen sich nicht vor die Kamera, erzählen aber, dass sie nachts häufig Sirenen, Schreie und Schüsse hören und sich im Dunkeln alleine nicht mehr vor die Tür wagen.

Maurice aus Harburg
Maurice (19) ist in Harburg aufgewachsen. Er fühlt sich grundsätzlich sicher. Sagt aber auch: „Auseinandersetzungen sollte man hier besser meiden.“

Einige Männer sehen die Situation gelassener, so auch der 19-jährige Maurice, der in Harburg aufgewachsen ist. „Ich fühle mich hier sicher“, sagt er. Die Schlägereien würden zu einer Großstadt dazugehören. Aber er sagt auch: „Man sollte Auseinandersetzungen hier besser meiden.“ Ein Dönerverkäufer, der das Treiben aus seinem Imbiss verfolgt, meint: „Hier wird immer was passieren, weil hier immer was aufhat.“ Er arbeite seit 30 Jahren hier. In den letzten zwei Jahren habe sich die Polizeipräsenz seiner Wahrnehmung nach etwas erhöht.

Polizei sieht Sicherheitslage als „grundsätzlich unauffällig“

Am Dienstagmittag sind einige Verkehrspolizisten zu sehen, die Falschparker kontrollieren. Auch eine Fahrradstreife fährt die Wilstorfer Straße entlang. Noch ist es hell, noch gibt es hier nichts zu sehen oder zu befürchten.

Polizei Harburg
15. April – Am Montagabend stürmt eine Männergruppe einen Kulturverein an der Meyerstraße. Es kommt zu einer wilden Schlägerei, Benzin wird verschüttet, aber nicht angezündet.

Fragt man die Polizei nach ihrer Einschätzung, erhält man eine überraschende Antwort: Die Sicherheitslage sei „grundsätzlich unauffällig“, das Wort „Massenschlägerei“ finde man unpassend – selbst wenn sich Dutzende mit Latten und Stühlen prügeln. Im Übrigen würden Gefährderansprachen geführt, Aufenthaltsverbote erlassen und regelmäßig Schwerpunkteinsätze etwa gegen illegales Glücksspiel durchgeführt.

„Im Bereich Betreuung und Beratung gibt es viele Angebote“

„Wir haben die repressiven Maßnahmen dort deutlich ausgeweitet“, sagt auch Frank Richter, Fraktionschef der SPD Harburg, und meint damit die Razzien von Polizei, Zoll und Bezirk in Kulturvereinen und illegalen Kneipen. Ob eine Ausweitung noch mehr helfe? „Man kann nie alles verhindern. Aber was hier zuletzt passiert ist, das ist eine Ballung, die nicht geht.“

Richter erinnert daran, dass es bereits viele Ansätze gab, das Phoenixviertel aufzuwerten. „Die Stadt hat schon zweimal ein soziales Stadtentwicklungsgebiet eingerichtet.“ Das letzte wurde 2015 beendet, entstanden ist dabei etwa das Quartierszentrum Feuervogel mit Stadtteilschule, Jugendzentrum, Elternschule und Veranstaltungssaal. Gemeinsam mit dem Löwenhaus und anderen Einrichtungen sollte das Gebiet von dort aus stabilisiert werden. „Hinzugekommen ist 2022 noch ein Quartiersmanagement und auch der Stadtteilbeirat wird finanziell unterstützt“, zählt Richter auf. „Im Bereich Beratung und Betreuung gibt es hier viele Angebote.“

Das Phoenixviertel – Krisenherd mit Wohlfühlpotential

Die Potenziale des Viertels sind eigentlich groß. Das Gebiet grenzt an die Harburger City. Auf der einen Seite das Einkaufscenter, auf der anderen die Volkshochschule mit ihrem Kursangebot, eine größere Stadtteil-Bücherhalle und die große Parkfläche des Alten Friedhofs. Und es gibt viele hübsche Altbauten. Trotzdem ist das Quartier äußerst problematisch. Was schon mit der Bausubstanz losgeht: Viele Häuser sind marode, im Dezember starben drei Menschen bei einem Gasaustritt. Doch die Häuser gehören oftmals einzelnen Eigentümern, denen das Geld oder der Wille fehlt, um große Sanierungen in Angriff zu nehmen.

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„Das wäre alles leichter, wenn die SAGA oder eine Genossenschaft einen großen Bestand hätte“, sagt Richter. Die könnten in großem Maßstab sanieren und steuern, wer in einem Mietshaus wohnt. Aktuell sind viele Wohnungen überbelegt, die meisten Bewohner haben Migrationshintergrund, die Armutsquote ist extrem hoch. Selbst ganze Familien sind teils nicht gemeldet. Der Versuch, Studierende über Fördergelder ins Viertel zu holen, hat laut Richter nicht funktioniert. „Die Gelder wurden gar nicht abgerufen.“