Polizei
Kokstaxi-Schwemme: Polizei ist scheinbar machtlos – warum?
Ein Fahrer wird gestoppt, der nächste rückt nach: Hinter Kokain-Taxis stehen organisierte Netzwerke — die für die Polizei nur schwer zu fassen sind.
Das Geschäft mit den Koks-Taxis ist bequem, für den Dealer wie für den Konsumenten: Ein kurzer Anruf, eine kleine Textnachricht, ein gescannter QR-Code und das Kokain wird direkt vor die Haustür geliefert, oft in Minutenschnelle. Das Koks-Taxi ist für den Kunden nur einen Klick entfernt – warum nicht auch für die Polizei?
Um 14 Uhr begannen die Zivilfahnder mit der Arbeit – acht Stunden später hatten sie elf mutmaßliche Kokainhändler gefasst. Dazu beschlagnahmten sie Schreckschusswaffen, Messer, 8900 Euro Bargeld, 190 Gramm Marihuana, 20 Gramm Haschisch und 12 Gramm Kokain. Die beschlagnahmten Mengen waren vergleichsweise gering. Ermittler vermuten, dass viele Kuriere bewusst nur kleine Mengen transportieren. Und so kamen die Verdächtigen nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen zunächst wieder auf freien Fuß.
Ein Fahrer weg, der nächste rückt nach
Der Einsatz am vergangenen Donnerstag in Hamburg zeigt: Die Fahnder werden durchaus fündig. Eine offizielle Statistik zur Überprüfung der Drogentaxis gibt es nicht. Doch Fahnder berichten, dass sie jeden Tag Drogenlieferanten erwischen. Das Problem ist nicht, einzelne Kuriere zu fassen, das Problem ist die Masse: Ein Fahrer wird aus dem Verkehr gezogen, dahinter warten die nächsten und rücken nach – genau wie am Taxistand.
„Wer Drogentaxis bekämpfen will, muss die Hintermänner treffen – nicht nur die Fahrer“, sagt Jan Reinecke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK).
Die Drogentaxi-Syndikate sind streng hierarchisch organisiert, jeder hat seine eigene Rolle: Der Lieferant; der Callcenter-Agent, der Bestellungen annimmt; der „Bunkerverantwortliche“, der die Drogen an geheimen Orten lagert; der Bestücker, der die Taxis volllädt. Und der Kopf der Organisation, der sich häufig im Ausland versteckt. Je direkter seine Verbindung zum Hafen, je weniger Zwischenhändler, desto höher ist die Gewinnmarge.
Organisierte Kriminalität im Schichtbetrieb
Die Kuriere sollen bis zu 4000 Euro pro Monat verdienen, dazu acht bis zehn Euro pro abgeschlossenem Deal. Nicht nur der Konsum ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, auch der Handel. Laut Reinecke ist es längst nicht mehr ungewöhnlich, dass Studenten, Familienväter und -mütter hinterm Steuer sitzen. In der Regel wissen sie nicht einmal, für wen sie genau arbeiten. Für die Hintermänner ist entscheidend, dass sie leicht austauschbar sind und keine Informationen weitergeben können.
Wenn die Fahrer erwischt werden und der Fall vor Gericht landet, kommen sie in vielen Fällen mit Bewährungsstrafen davon. Der Abschreckungseffekt ist gering, sagt Reinecke. Inzwischen wird auch auf der Straße offen für Drogentaxis geworben. Immer wieder tauchen Sticker mit QR-Codes auf und Emojis, die eindeutig auf die Ware hinweisen: Brokkoli für Cannabis, Schneeflocken für Kokain.
QR-Codes, Emojis und kaum Angst vor Strafe
„Hier verschwimmen die Grenzen zwischen illegalem Handel und scheinbarer Normalität“, sagt Reinecke. „Die Täter haben kaum noch Angst vor Entdeckung und Strafverfolgung.“ Die Polizei bräuchte seiner Ansicht nach mehr Personal, mehr technische Möglichkeiten und Befugnisse, um gegen die Kokainflut anzukommen.
Auch die Nachfrage bleibt: Abwassermessungen zeigen, dass der Konsum in Hamburg konstant auf hohem Niveau bleibt. Den Ergebnissen zufolge wurde im vergangenen Jahr bundesweit nur in Frankfurt mehr gekokst.
Ohne Konsumenten keine Koks-Taxis
„Der wichtigste Investor der Drogenmafia ist der Konsument“, sagt Reinecke. „Wer Kokain, Crystal Meth und Ecstasy konsumiert, sollte sich bewusst machen, dass hinter diesem Geschäft Gewalt, Ausbeutung und oftmals auch Blutvergießen stehen.“
So bequem der Kauf wirkt, so brutal ist das Geschäft dahinter. Ein Geschäft, gegen das die Ermittler trotz kurzfristiger Erfolge kaum ankommen: Sie ziehen einen Fahrer aus dem Verkehr – oder elf. Aber die nächsten stehen schon Schlange.