Hamburg
Elterntaxis: Hamburgs großes Schul-Problem wird immer schlimmer
Elterntaxis sollen Kinder sicher zur Schule bringen – dabei machen sie den Schulweg erst unsicher, wie nicht nur das jüngste Beispiel in Blankenese zeigt.
Es ist 7.50 Uhr an der Gorch-Fock-Schule in Blankenese. In zehn Minuten ist Unterrichtsbeginn. Kinder springen aus den Elterntaxis, verabschieden sich, eilen ins Schulgebäude. Dann kommt es zum Unglück: Eine 75-Jährige, die wohl ihre Enkelkinder an der Schule absetzen wollte, gibt plötzlich Gas, rast durch eine Hecke in einen Metallzaun. Mehrere Kinder werden verletzt. Und wieder einmal steht die Frage im Raum: Wann ist Schluss mit den Elterntaxis?
Jedes dritte Kind wird in Hamburg mit dem Auto zur Schule gefahren. Häufig liegt diesem Verhalten der Eltern das Bedürfnis nach Sicherheit zugrunde. Was, wenn meinem Kind auf dem Schulweg etwas passiert? Ich fahre es lieber hin. Doch beim Rangieren vor dem Schulgelände sitzt die Gefahr plötzlich hinter dem Steuer. Der Verkehr staut sich, in der Hektik werden Kinder übersehen und Fehler gemacht – genau wie bei dem Unfall an der Gorch-Fock-Schule.
Nach Unfall in Blankenese – Kind mit Armbruch im Krankenhaus
Laut Angaben eines Reporters vor Ort wollte auch die 75-jährige Fahrerin nur ihre Enkel sicher zur Schule bringen. Beim Ein- oder Ausparken gab sie dabei offenbar unbeabsichtigt Gas. Zwei Kinder im Alter von sieben und zehn Jahren wurden mit einem Armbruch und einer Brustkorbverletzung ins Krankenhaus gebracht. Ein weiteres Kind (10) konnte noch vor Ort entlassen werden.
Der Schulleiter Karsten Wandtke-Rumpf teilte nach dem Unfall mit, er sei „sehr erleichtert“, dass es den Kindern den Umständen entsprechend gut geht. Der Vorfall sei in allen Klassen altersgerecht besprochen worden, auch für die Erwachsenen habe es Ansprechpartner vor der Schule gegeben.
Erst am Vortag hatte es laut Wandtke-Rumpf zuletzt ein Gespräch zwischen Elternrat und Schulleitung bezüglich der Bring- und Abholsituation gegeben. Das Problem mit den Elterntaxis ist an der Schule bekannt – wie wohl an jeder anderen Hamburger Schule.
Elterntaxis sorgen für Dauerdiskussionen
Seit Jahren wird über das Thema diskutiert: die Sicherheit der eigenen Kinder auf der einen Seite, das Verkehrschaos und die Gefahr für alle anderen Kinder auf der anderen. Gesetze, die Elterntaxis verbieten, gibt es aktuell nicht.
Auch eine eigene Statistik über die Unfälle führt die Polizei nicht. Klar ist aber: Die Zahl der Schulwegunfälle ist in Hamburg zuletzt deutlich gestiegen – von 93 Fällen im Jahr 2024 auf 130 Fälle im Jahr 2025 – das entspricht einem Plus von rund 40 Prozent.
In etwa der Hälfte der Fälle waren die Kinder selbst die Unfallverursacher, aber auch die Elterntaxis sind Teil des Problems: „Ein verringerter Autoverkehr rund um die Schule erhöht signifikant die Sicherheit der Kinder“, sagt Polizeisprecher Thilo Marxsen. Daher appelliert die Polizei immer wieder: „Wenn möglich, lassen Sie das Auto stehen oder parken Sie etwas entfernt zur Schule.“
Grundschule in Lokstedt führt „Schulexpress“ gegen Elterntaxis ein
Einige Schulen versuchen auch mit eigenen Maßnahmen, den Verkehr vor den Gebäuden zu entschärfen: An der Schule Max-Eichholz-Ring in Bergedorf gilt direkt vor dem Mensagebäude ein absolutes Halteverbot – auch für das kurze Aussteigenlassen. Eltern sollen stattdessen die „Kiss&Drop-Zone“ in der Nähe nutzen.
Die Grundschule Vizelinstraße in Lokstedt hat einen „Schulexpress“ eingeführt. Kinder treffen sich hierfür an acht verschiedenen „Haltestellen“ und laufen gemeinsam zur Schule. Und an der Grundschule Rellinger Straße in Eimsbüttel ist eine Schulstraße geplant: Der Bereich vor der Schule soll im Laufe des Jahres für Autos gesperrt werden – und somit sicherer für Kinder zu Fuß und auf dem Rad sein.
Behörde: Mehrere Vorteile bei dem Schulweg zu Fuß
Auch die Schulbehörde plädiert für den Gehweg. „Die Kinder werden selbstständig und ihre Bewegungsfreude wird gestärkt. Außerdem werden soziale Kontakte gefördert und die Sinne der Kinder geschult. Studien belegen, dass Kinder ihren Schulweg zu Fuß viel bewusster wahrnehmen“, so eine Sprecherin zur MOPO.
Weiter verweist sie auf die Verkehrssicherheitsaktion „Rücksicht auf Kinder – 10 Tage ohne Elterntaxi“, die die Bildungsbehörde seit 2018 gemeinsam mit der Polizei und den Partnern des Forums für Verkehrssicherheit durchführt. Dabei werden Eltern direkt angesprochen und gebeten, ihren Kindern möglichst einen autofreien Schulweg zu ermöglichen. Für mehr Sicherheit – sowohl im Straßenverkehr als auch für die Kinder selbst.
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