„Ein Funke reicht aus, dann explodiert das hier“: Alarm in Santa Fu

Die Hamburger Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel (JVA), auch „Santa Fu“ genannt.
Die Hamburger Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel (JVA), auch „Santa Fu“ genannt.

Es ist der härteste Knast Hamburgs, nur die schwersten Verbrecher und Gewalttäter sitzen hier. Doch die JVA Fuhlsbüttel („Santa Fu“) kämpft mit Personalmangel. Die Folge: Oft werden ganze Blöcke geschlossen, bei den Insassen macht sich Unmut breit, es herrscht teils Chaos, Konflikte untereinander nehmen zu, so berichten es Häftlinge und Anwälte. In der Kritik steht auch der neue Anstaltsleiter. Viele Bedienstete wollen einfach nur noch weg. Einer sagt: „An manchen Tagen würde der kleinste Funke ausreichen, um eine Explosion der Gewalt auszulösen.“

Das Gefängnis platze aus allen Nähten, so berichten es Menschen, die täglich mit der Anstalt zu tun haben und mit denen die MOPO sprach, ob Externe oder Häftlinge. Auch die Justizbehörde spricht von einem „hohen Niveau“; mit Stand 9. März seien 373 der 384 Haftplätze belegt. Eine Sprecherin: „In den letzten sechs Monaten war die Anstalt nahezu durchgehend voll ausgelastet. Freie Haftplätze werden umgehend nachbelegt.“

Santa Fu: Viele Häftlinge, zu wenig Personal

Viele Häftlinge, aber nicht genügend Personal – die Folge: mehr Arbeit, die auf wenigen Schultern getragen werden muss. Für die, die dort arbeiten, nicht tragbar. „Es ist eine ständige Überforderung, man schafft seine Aufgaben nie“, so ein Bediensteter, der anonym bleiben will. Ein Mitarbeiter sei in der Regel für mindestens 50 Insassen zuständig – oft auch für 100, wenn jemand mal ausfällt. „An eine Arbeit mit den Gefangenen, die ja auch der Resozialisierung dienen soll, ist da gar nicht zu denken.“

Mindestens die Hälfte der jedes Jahr in „Santa Fu“ ausgebildeten Justizvollzugsbeamten wolle nach Aussagen vieler Bediensteter nach kurzer Zeit wieder weg. Würden Versetzungsanträge negativ beschieden oder dauere die Bearbeitung zu lang, würden sie oft „krankheitsbedingt“ ausfallen. Dem widerspricht ein Sprecher der Justizbehörde. Laut seiner Aussage wollen gegenwärtig lediglich vier Bedienstete wechseln.

Viele der Gefangenen bleiben über Jahre eingesperrt.
Viele der Gefangenen bleiben über Jahre eingesperrt.

Tatsächlich werden oft ganze Blöcke aufgrund von Personalmangel geschlossen. Dabei geht es nicht nur um die ohnehin abgetrennte Sicherungsverwahrung, sondern auch um Regelstationen. Häftlinge bekommen oft nur eine Stunde Zeit außerhalb der Zelle („Aufschluss“), obwohl sie eigentlich mehrere Stunden gewohnt sind. In der Zeit müssen sie duschen, kochen, sich um ihre Wäsche kümmern, Post abholen.

Die Justizbehörde räumt den Umstand ein, sagt, dass es zu verschiedenen Aufschlusszeiten kommen kann. „In den Wintermonaten haben auch wir zudem einen höheren Krankenstand als im Sommer“, erklärt die Sprecherin. Freizeit und wichtige Gesprächstermine, zum Beispiel beim psychologischen Dienst, würden aber wie gewohnt angeboten.

„Entweder du wirst im Knast hart und kannst dich wehren, oder du bist labil und willst nicht mehr leben“

Frust und Resignation machen sich offenbar trotzdem unter den Insassen breit. Gewalt und Übergriffe aufs Personal sollen an der Tagesordnung stehen. Auch bei JVA-Bediensteten sollen die Nerven blank liegen. Häftlinge beschweren sich über Drangsalierungen, die oft mit Verschluss in der Zelle oder Fesselungen endeten. Tatsächlich kam es in diesem Jahr schon zu 26 Fällen, in denen Bedienstete eingreifen mussten, nachdem es Ärger mit Insassen gab.

Erst am vergangenen Freitag kam es zu einem Vorfall in „Santa Fu“: Ein junger Häftling, dem die Umstände in der Anstalt offenbar zu schaffen machten, zündete sich in seiner Zelle selbst an. Er zog sich Verbrennungen zu. Ein anderer Insasse bestätigte den Vorfall gegenüber der MOPO. Er sagt: „Entweder du wirst im Knast hart und kannst dich wehren oder du bist labil und willst nicht mehr leben.“

Der Sprecher der Justizbehörde bestätigt diesen Vorfall. Laut seinen Ausführungen waren zwei Mitarbeiter rechtzeitig vor Ort und hätten den Mann aus seiner Zelle gezogen. Die Schwere der Verletzungen des Häftlings beschreibt er mit „leicht verletzt“.

Ein Eingang der JVA in Fuhlsbüttel.
Ein Eingang der JVA in Fuhlsbüttel.

Dass es vermehrt zu Alarmauslösungen in den vergangenen Wochen gekommen sein soll, stimme nicht, sagt die Sprecherin der Justizbehörde. Zudem komme es auch nicht zu Verzögerungen; Insassen beschweren sich, dass wegen des Personalmangels die Bediensteten erst viel später vor Ort seien, als sie eigentlich sollten. „Die Bediensteten reagieren grundsätzlich bei jedem Alarmfall schnell und zuverlässig und sind zeitnah am jeweiligen Einsatzort.“

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Neben aller Widrigkeiten, wird auch die neue Anstaltsleitung von Häftlingen kritisiert. Viele fühlten sich drangsaliert – der neue Chef ist ein Ex-Richter und hat einige der Insassen selbst verurteilt. Seit seiner Einführung müssen nun die Häftlinge Badelatschen bei Besuchen tragen, weil in Schuhen potenziell besser geschmuggelt werden kann. In der Sicherheitsstation dürfen die Insassen nicht mehr ihre eigene Kleidung tragen, sondern nur rote Overalls – alle in Einheitsgröße, ob es passt oder nicht. „Es handelt sich um Anstaltskleidung, die in mehreren Größen vorrätig ist“ – relativierte ein Sprecher.

Welchen Einfluss hat der neue Anstaltsleiter?

Anwälte kritisieren zudem die Bearbeitungszeit von Anträgen von Insassen zur Lockerung von Haftbedingungen und meinen, dahinter ein System zu erkennen: Man bringe den Insassen insgesamt weniger Empathie entgegen, es habe sich etwas verändert. Ob das am Einfluss des neuen Anstaltsleiters liegt, sei unklar.

Auch dass der sich von der JVA-internen Schlosserei einen Zaun für sein Privatgrundstück habe bauen lassen, kritisieren sie. Zu Recht? „Nein“, so die Sprecherin der Justizbehörde. Das sei „üblich und gewünscht“. Die Betriebe der JVA würden Auftragsarbeiten von Firmen und Privatpersonen annehmen, sofern umsetzbar und Kapazitäten bestehen. Alle Kunden seien externe Auftraggeber, die ein Angebot und nach Erfüllung eine Rechnung über die Kasse Hamburg erhalten. Auch der Anstaltsleiter sei als externer Kunde geführt und „entsprechend abgerechnet“ worden.