„Die Fahrraddiebe ließen nur meinen Rahmen zurück“

MOPO-Ressortleiter Julian König am Tatort mit dem Rest seines Gravelbikes.
MOPO-Ressortleiter Julian König am Tatort mit dem Rest seines Gravelbikes.

„Ach, du Scheiße!“, sagte der Polizist. „Sehr ärgerlich. Gleich kommt ein Kollege und nimmt Ihren Fall auf.“ Freitagabend, PK 16 in der Lerchenstraße. Ich setzte mich in einen kleinen Raum. Genervt. Wütend. In der Hand den kläglichen Rest meines Fahrrads, mit dem ich einige Wochen zuvor noch durch die Berge der Toskana geradelt war. Die Mistkerle hatten es kurz zuvor geplündert. Und alles, wirklich alles mitgenommen, was sich abschrauben ließ. Sogar die Pedale. Gesamtwert: 2500 Euro.

Mein Rad war ein Gravelbike der Marke Canyon aus Koblenz. Ein Hersteller, der auch Räder für die Tour de France baut. Nicht das absolute Highend-Modell, aber schon ein schmuckes Ding – mit unschlagbarer Optik. Farbe: Sencha. Ein Rad für Männer in den 40ern, etwas untersetzt, die sich am Waseberg an ihrer Midlife-Crisis abarbeiten.

Hier ist das grüne Gravelbike des MOPO-Mitarbeiters noch vollständig.
Hier ist das grüne Gravelbike des MOPO-Mitarbeiters noch vollständig.

Rahmen: Aluminium

Gabel: Carbon

Gewicht: 10,2 Kilogramm

Mit einer Schaltgruppe der italienischen Edelfirma Campagnolo. Ein Sondermodell. Alles in allem ein Fahrrad, das auffällt und das man auch fest angeschlossen nicht draußen stehen lassen sollte. Hatte ich aber. An einem im Boden verankerten Bügel, mit einem sehr teuren Schloss, direkt vor einer Bar im Karoviertel. Publikumsverkehr. Halligalli. Den Dieben offenbar vollkommen schnurz. Sie ließen nur den angeschlossenen Rahmen zurück, das hintere Schutzblech und zwei Trinkflaschenhalter. Keine drei Stunden stand das Rad dort.

Fahrraddiebstahl: So gehen die Täter vor

In Hamburg wurden in den ersten drei Quartalen 2025 laut Polizei 7699 Fahrräder geklaut. Ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahr mit 9281 Diebstählen. Vor allem die Bezirke Mitte, Nord und Altona waren betroffen, dort, wo die Leute viel mit dem Rad unterwegs sind, pendeln, es mehr Gelegenheiten gibt. Während ich dachte, dass eine Bar mit Draußenpublikum abschreckend wäre, ist es in Wahrheit eine Einladung. Trubel bedeutet Schutz der Masse. In meinem Fall auch noch mit Fluchtweganbindung, denn der U-Bahnhof Feldstraße ist keine 30 Wegrennsekunden entfernt.

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Mein Schloss schreckte auch nicht ab. „Bei Falt- oder Bügelschlössern kommen erfahrungsgemäß Akkuwinkelschleifer oder stumpfe Gewalt zum Einsatz“, so ein Sprecher der Polizei. „Bei Kabel-, Spiral- oder Kettenschlössern werden in wenigen Fällen auch Bolzenschneider oder kleinere Kneifwerkzeuge eingesetzt.“ Meins wurde gar nicht erst bearbeitet. Die Diebe hatten offenbar schnell gemerkt, dass sie sich lieber auf die Einzelteile konzentrieren sollten. Die Kabel wurden abgetrennt, die Laufräder und das Cockpit, also der Lenker mit allem Drum und Dran, abmontiert, Pedale und Schaltung, Kassette, alles weg, alles war festmontiert, aber Profis sind eben Profis.

Fahrräder in Hamburg im Wert von 14 Millionen Euro geklaut

Und man muss es so sagen, wie es ist: Fahrraddiebstahl lohnt sich. Fahrräder werden immer teurer, gerade durch die hohe Beliebtheit von E-Bikes. Die Räder kosten teilweise so viel wie ein Kleinstwagen. Auch die ohne Motor. Nachvollziehbar, dass bereits der Diebstahl der Einzelteile lukrativ ist.

„Für ein Schaltwerk kann man durchaus 900 Euro ausgeben“, sagt Henrik Stange. Der 27-Jährige ist Fahrradmechatroniker bei „Suicycle“ in St. Pauli, eine der besten Fachwerkstätten der Stadt. Er kauft die Einzelteile, die er verbaut, nur bei Händlern. Stange: „Bei Kleinanzeigen kann man nicht erkennen, ob etwas gestohlen wurde oder nicht.“ Ich erfahre: Die Leute, die Räder wie meins klauen, haben Ahnung, schlagen gezielt zu.

„Suicycle“ in St. Pauli gehört zu den besten Adresse für Fahrrad-Werkstätten in Hamburg.
„Suicycle“ in St. Pauli gehört zu den besten Adresse für Fahrrad-Werkstätten in Hamburg.

2019, also vor Corona, wurden in Hamburg rund 12.000 Fahrraddiebstähle angezeigt, 2024 waren es knapp über 11.000. Der Gesamtschaden hat sich allerdings mehr als verdoppelt: 2019 betrug er rund 6,5 Millionen Euro, 2024 lag er bei knapp unter 14 Millionen! Die Aufklärungsquote ist mit drei und vier Prozent ein überschaubares Risiko für die Täter.

Experte rät: So sichern Sie Ihr Fahrrad vor Diebstählen

Stange empfiehlt, das Fahrrad nicht draußen stehen zu lassen. So banal das auch klingen mag, es sei der wirkungsvollste Schutz vor Diebstahl. Außerdem sollte man sich nicht nur die Rahmennummer, sondern auch die Seriennummern der verbauten Teile notieren. „Die meisten Leute machen das aber nicht“, so der 27-Jährige.

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In den Folgetagen schaute ich bei Kleinanzeigen und anderen Kaufbörsen, ob irgendwer mein Cockpit oder die Laufräder zum Verkauf anbietet. Pustekuchen. Ich erwähnte es: Profis. Mittlerweile habe ich ein neues Rad. Und ein zweites Schloss bestellt. Bislang war ich damit noch nicht unterwegs, es steht bei mir im Keller. Sicher ist sicher.