„Cybertrading-Fraud“: Darum ist Hamburg das begehrte Jagdrevier der Online-Betrüger
Traum-Renditen, utopische Gewinnmaximierungen, Investments, die zu schön sind, um wahr zu sein. Und doch fallen immer mehr Menschen auf die Online-Wirtschaftsbetrügereien rein. „Cybertrading Fraud“ (CTF) nennt sich das, Opfern werden hohe Gewinne durch Fake-Investitionen in Kryptowährungen versprochen. Die Programme sind oft KI-basiert, deren Aufmachung, teils durch Prominente beworben, die nichts davon wissen, täuschend echt. Hamburg ist besonders beliebt bei den Betrügern. MOPO-Recherchen zeigen, wie horrend hoch die Schäden ausfallen, wer die Opfer sind – und warum an den meisten Fällen nicht gearbeitet wird.
Die Anwerbung läuft über Anzeigen im Internet, teils mit Prominenten als Werbefiguren, um Seriosität vorzugaukeln. Doch die Investments sind gefälscht, die Renditen reiner Gauner-Zauber. Manchmal wird mit kleinen vermeintlichen Gewinnausschüttungen Vertrauenswürdigkeit suggeriert, was im weiteren Verlauf gnadenlos ausgenutzt wird, wenn plötzlich „Transaktionspauschalen“ entrichtet werden müssen, um das Krypto-Geld aufs Bankkonto transferieren zu können.
Schaden von mehr als 30 Millionen Euro
Zielopfer sind Menschen aller Schichten, aber besonders gerne zocken die Betrüger natürlich Wohlhabende ab – reiche Kaufleute, Ärzte, aber auch Prominente, die ein Vermögen ins Leere investieren. Die Liste der aktuellen Verfahren, die die MOPO einsah, ist kaum zu glauben: Die Opfer investieren pro Fall häufig mehrere Hunderttausend Euro, nur in seltenen Fällen sind es einfache Arbeiter oder Angestellte, die ihr Erspartes verlieren. Hamburg, die Stadt mit den meisten Millionären Deutschlands, ist besonders begehrt bei den Online-Betrügern.
Auf die vergangenen drei Jahre gesehen beläuft sich die Schadensumme auf mehr als 30 Millionen Euro. 637 Verfahren sind allein im Jahr 2025 angezeigt worden. Hinzu kommen viele weitere Verfahren aus den Vorjahren, die auf den Tischen der Ermittler liegen.
„Krypto-Kompetenz und Expertise“
Offiziell spricht der Hamburger Senat von 159 Verfahren, die aktuell beim LKA 51 (Wirtschaftskriminalität) und LKA 1B (stadtweite und allgemeine Kriminalitätsbekämpfung) in Bearbeitung sind. Die Wahrheit ist, dass die Verfahren, zusätzlich zu den anderen, zurückgestellt werden und auf Halde liegen, weil die Ermittler noch immer priorisiert an Corona-Betrugsverfahren arbeiten. „Es ist nicht so, dass die Ermittler CTF-Verfahren nicht bearbeiten wollen, sie haben einfach zu viele andere Aufgaben und kommen mit den Ermittlungen nicht hinterher“, erklärt Jan Reinecke, Landesvorsitzender des Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK).
Man bräuchte eine gesonderte Zuständigkeit, zum Beispiel als ein Sachgebiet innerhalb des LKA 51, die sich nur mit CTF befasse, so Reinecke weiter. „Und mehr Kompetenzen in Sachen Finanzermittlungen und Krypto-Expertise.“
Das könnte Sie auch interessieren: Neue Zahlen: So gefährlich sind Hamburgs Bahnhöfe
Bewegung gibt es dagegen bei der Hamburger Staatsanwaltschaft: Ab 1. Januar wird es die Abteilung 35 geben, die sich nur um CTF-Delikte kümmern wird, in Absprache mit dem LKA, aber auch anderen Länderpolizeien. Fokus soll dabei auf Fällen liegen, bei denen noch die Chance besteht, Vermögenswerte zu sichern. Bisher bleiben Opfer oftmals auf ihren Schäden sitzen, es bleibt nur der mühsame und wenig erfolgversprechende zivilrechtliche Weg.
Reinecke begrüßt die Einführung der neuen Staatsanwaltschafts-Abteilung 35 und fordert gleichzeitig, dass es auf Polizei-Seite ebenfalls eine solide Struktur geben müsse, die das auffangen kann, was geplant sei. „Dass es geht, zeigt uns Bayern.“ Dort, bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg, gibt es die international vernetzte Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB). Die sei mit gezieltem Fokus, gebündelter Personalkraft aus Polizei und Staatsanwaltschaft und IT-Expertise besonders erfolgreich bei der Bearbeitung und Aufklärung von CTF-Fällen. Ob eine derartige Zentralstelle indes auch in Hamburg Sinn ergebe, sei Gegenstand einer laufenden Prüfung, so der Hamburger Senat.
„Sie würde Sinn ergeben“, so Reinecke, da die Täter, die in Hamburg auf Beutezug gehen, in der Regel nicht aus der Stadt kämen. Man müsse zusammenarbeiten und nicht jede Polizei, jede Staatsanwaltschaft für sich. Vor allem müsste aber Reinecke zufolge der gesetzliche Rahmen für die Bekämpfung von Cyber-Straftaten deutlich verbessert werden. Internetprovider beispielsweise sollten dazu verpflichtet werden, zu prüfen, wer verantwortlich ist für welchen Inhalt auf ihrer Seite, ähnlich wie bei Kinderporno-Verdachtsfällen.
Wirtschaftskriminalität – so hoch liegt die Schadenssumme
Aber Deutschland schaffe es aus Datenschutzbedenken nicht einmal, ein Gesetz zur langfristigen Speicherung von Verkehrsdaten durchzubringen, während andere europäische Länder moderne Überwachungstechniken entwickelten, um Cyber-Kriminalität zu begegnen, so Reinecke: „Cyber-Kriminelle wissen das. Sie nutzen die Überwachungslücken, um vogelfrei zu agieren und fortgesetzt ungestört und unüberwacht schwerste Straftaten zu begehen.“ Entferne man eine CTF-Täterbande vom Markt, bewahre das nicht nur zahlreiche Bürger davor, Opfer zu werden. „Es schreckt auch andere Banden ab, in Deutschland Straftaten zu begehen.“
Die Entwicklung im CTF-Bereich allein zeigt, wie ernst die Situation ist: War es 2023 noch ein niedriger einstelliger Millionenbetrag, explodierte die erfasste Schadensumme 2024 auf 15 Millionen, 2025 könnte gar die 20-Millionen-Marke geknackt werden. Ebenfalls ein deutlicher Anstieg: Die Gesamt-Schadensumme im Bereich Wirtschaftskriminalität lag 2024 bei 27 Millionen Euro – 2025 sind es fast 57 Millionen. Ein Anstieg um mehr als 100 Prozent. Und ein Drittel des Gesamtschadens basiert auf Gewinnen aus CTF-Fällen.