Crash-Tour mit Rettungswagen: Hat die Feuerwehr es dem Dieb besonders leicht gemacht?

Die Verfolgungsfahrt endete in Kiel an einem Geländer einer Treppe. Der Fahrer wurde festgenommen.
Die Verfolgungsfahrt endete in Kiel am Geländer einer Treppe. Der Fahrer wurde festgenommen.

Der Fall sorgte bundesweit für Schlagzeilen: Ein Mann (29) klaut in Hamburg einen Rettungswagen, es folgt eine Verfolgungsjagd über Autobahn und Landstraßen bis nach Kiel. Zwischendurch droht der Flüchtige, sich und andere in die Luft zu sprengen, erst unfreiwillige Kollisionen mit einem zivilen Streifenwagen und einem Geländer stoppen ihn. Was bislang nicht bekannt war: Die Feuerwehr hat es dem Dieb offenbar denkbar einfach gemacht – die Sicherheitsvorkehrungen an der Wache waren nach MOPO-Informationen zweifelhaft, der Code für die Zugangstür denkbar einfach zu erraten.

Rückblick: Am 18. November um 0.43 Uhr alarmiert die Rettungsleitstelle der Feuerwehr Hamburg den Rettungswagen (RTW) mit der Kennung 11F. Das Fahrzeug, stationiert an der Glacischaussee (St. Pauli), soll eigentlich in der dortigen Wache stehen. Allerdings meldet die Besatzung wenige Momente später: Das Auto ist weg! Andere Kollegen müssen den Notfall übernehmen. Zeitgleich versucht der Lagedienstführer der Feuerwehr zu klären, wo der RTW 11F steckt.

Wilde Verfolgungsjagd: Rettungswagen-Dieb in Kiel festgenommen

Eine Ortung des Einsatzfahrzeugs ergibt: Der Wagen ist auf der A7 in Richtung Norden unterwegs! Mehrere Streifenwagen nehmen die Verfolgung auf. Während der Fahrt droht der Mann laut Polizei mehrfach, sich und andere in die Luft zu sprengen. In Großenaspe verlässt er die Autobahn, rast über Neumünster und Bordesholm bis nach Kiel. Dort rammt er erst einen zivilen Streifenwagen, verletzt zwei Beamte, und knallt dann gegen einen Brückenpfeiler und ein Geländer. Drei Stunden nach Beginn des Einsatzes nehmen Spezialkräfte den Mann fest.

Eine Frage aber blieb unbeantwortet: Wie konnte der Mann überhaupt an die Schlüssel des Rettungswagens kommen? Die Antwort fällt offenbar denkbar ungünstig für die Verantwortlichen der Feuerwehr aus. Die MOPO sprach mit mehreren Einsatzkräften, darunter internen Kräften der Feuerwehr sowie externen Dienstleistern. Alle berichten übereinstimmend, dass Sicherheitsmängel zum Diebstahl des Rettungswagens beigetragen haben sollen. Unter anderem wurde als Sicherheitscode für die Eingangstür eine äußerst einfache Zahlenkombination gewählt: 1-2-3-4 und schon öffnete sich die Tür. Nach 0-0-0-0 dürfte das die erste Kombination sein, die ein Einbrecher ausprobieren würde.

An dieser Rettungswache an der Holstenglacis wurde in der Nacht ein Rettungswagen gestohlen. Inzwischen steht dort ein Ersatzfahrzeug.
An dieser Rettungswache an der Glacischaussee wurde in der Nacht ein Rettungswagen gestohlen. Inzwischen steht dort ein Ersatzfahrzeug.

Womöglich war die Tür aber nicht mal zu. Denn offenbar hatte diese schon seit längerem einen Defekt und fiel nur schwer ins Schloss. Einsatzkräfte wurden nach MOPO-Informationen vermehrt darauf hingewiesen, dass man die Tür händisch „in das Schloss ziehen/drücken muss“. Auch eine zusätzliche Verifizierung durch einen Dienstausweis, wie es an anderen Wachen Standard ist, war an der Rettungswache an der Glacischaussee demnach nicht nötig.

Sicherheitsmängel an der Hamburger Rettungswache

Führten also eklatante Sicherheitsmängel zu dem Diebstahl? Die Feuerwehr Hamburg will sich dazu gegenüber der MOPO nicht äußern. Auf die Nachfrage, weshalb der Türcode der Wache so simpel war und warum man die Eingangstür händisch „ins Schloss ziehen musste“, schweigt die Behörde. Karsten Jahn, Pressesprecher der Feuerwehr: „Die Umstände des Tathergangs sind derzeit Gegenstand eines polizeilichen Ermittlungsverfahrens. Aus diesem Grund kann die Feuerwehr dazu keine Stellung nehmen.“

Auch die Staatsanwaltschaft Kiel, die für diesen Fall zuständig ist, konnte auf MOPO-Nachfrage keine Auskünfte geben. Oberstaatsanwalt Michael Bimler vom Landgericht Kiel verwies – ebenso wie die Feuerwehr – auf laufende Ermittlungen. Auf die Frage nach dem Türcode erklärte Bimler: „Die Nummer des Türcodes ist der Staatsanwaltschaft derzeit ebenfalls nicht bekannt.“

Unklar bleibt, warum keiner der Einsatzkräfte den ungebetenen Gast in der Wache bemerkte. Bereits am 17. Oktober 2024 hatte die MOPO die Feuerwehr Hamburg gefragt, wie die Sicherheit in den Wachen gewährleistet wird – damals im Zusammenhang mit fehlenden Rauchmeldern an vielen Wachen. Frank Reschreiter, Leiter der Pressestelle, antwortete darauf: „In den Feuer- und Rettungswachen erfolgt ein Dienstbetrieb rund um die Uhr. Brandereignisse würden innerhalb kürzester Zeit entdeckt.“

Immerhin: Die Feuerwehr Hamburg scheint zu reagieren und rüstet an der Rettungswache an der Glacischaussee einen Kartenleser für die Zugangskontrolle nach, wie ein Feuerwehrmann der MOPO berichtet.