Polizei
Betrüger stehlen ihre Identität – Hamburgerin lebt seit einem Jahr in großer Angst
Unfassbare Masche: Seit Monaten missbrauchen Kriminelle ihren Namen für illegale Geschäfte – immer wieder muss Julia Z. beweisen, dass sie unschuldig und auch selbst nur Opfer ist.
Für Julia Z. ist 2025 ein Jahr, das sie am liebsten aus ihrem Leben streichen würde. Erst verunglückt die Hamburgerin in den Dolomiten schwer mit einem Skimobil – dass sie heute wieder laufen kann, grenzt an ein Wunder. Dann trifft sie der nächste Schlag: Sie wird von Unbekannten bestohlen. Aber es ist nicht das Bankkonto, das geplündert wird, oder die Wohnung, die ausgeräumt wird. Es geht um etwas, das sich viel schwerer zurückholen lässt: die Identität.
Täter eröffnen Bankkonten, legen falsche Profile an, benutzen gefälschte Dokumente, nehmen Geld für Waren, die nie geliefert werden, und bringen sogar gestohlene Fahrzeuge in Umlauf. Immer wieder wird dabei der Name von Julia Z. missbraucht. Immer wieder muss sie erklären, dass sie mit all dem nichts zu tun hat.
Identität von Hamburgerin für illegale Geschäfte gestohlen
Der erste Hinweis, dass etwas vor sich geht, kommt über Instagram. Ein Fremder fragt sie, ob sie jene Julia Z. sei, die auf Kleinanzeigen Holzkohlegrills der Marke Skotti verkaufe. Die 38-jährige Außenhandelskauffrau aus der Neustadt ist irritiert. Nein, sagt sie, wie er darauf komme? Kurz darauf begreift sie: Jemand hat auf ihren Namen ein Konto bei Kleinanzeigen eingerichtet und kassiert Geld für Waren, bei denen er nie die Absicht hatte, sie zu liefern.
„Mir ist angst und bange geworden“, sagt Julia Z. „Ich hatte Angst, dass irgendwann die Opfer vor meiner Tür stehen und mir auf den Pelz rücken. Ich habe mich abends immer zweimal umgesehen, wenn ich nach Hause gekommen bin.“
Sie erfährt, dass die geprellten Käufer ihr Geld auf ein Konto bei der Revolut-Bank mit Sitz in Vilnius/Litauen überwiesen haben – das auf ihren Namen läuft. Julia Z. will der Sache auf den Grund gehen, unternimmt den Versuch, sich dort online einzuloggen. Da sie sich mit ihrem Ausweis legitimieren kann, gelingt es ihr.
Plötzlich sieht sie die Umsätze eines Kontos, das ihren Namen trägt, aber nicht von ihr eingerichtet worden ist. Um die Geschädigten zu warnen, überweist sie mehreren Betroffenen jeweils einen Cent, schreibt in den Verwendungszweck ihre Telefonnummer und bittet um einen Rückruf, damit sie gemeinsam mit den Opfern gegen die Betrüger vorgehen kann.
Die Gangster mieten mit einem gefälschten Ausweis ein Wohnmobil und verkaufen es
Der Grill-Betrug ist nur der Anfang. Der nächste Coup hat mit dem Wohnmobil-Vermietungs-Portal PaulCamper zu tun. Die Betrüger mieten dort unter dem Namen von Julia Z. ein Wohnmobil, legen sogar einen falschen Führerschein vor, der auf den Namen der Hamburgerin ausgestellt ist. Statt das Fahrzeug wieder zurückzugeben, verkaufen sie es in Kroatien an einen ahnungslosen Käufer.
Die Serie will nicht abreißen. Als Nächstes bekommt sie einen Brief, in dem DHL ihr bestätigt, dass sie sich für eine Packstation registriert habe – was nicht der Fall ist. Dann erfährt sie, dass neben ihrem eigenen PayPal-Konto ein weiteres existiert, das auf ihren Namen läuft, das sie aber nicht eingerichtet hat. Vor wenigen Tagen schließlich die nächste Hiobsbotschaft: Die Polizei teilt ihr mit, ein gestohlener VW-Bus sei von Unbekannten bei Kleinanzeigen verkauft worden. Bei einer Durchsuchung des Fahrzeugs haben Beamte einen Fahrzeugschein gefunden. Julia Z.: „Raten Sie mal, welcher Name darin stand.“
Seit fast einem Jahr geht das so. Immer wieder taucht die Identität von Julia Z. in neuen Vorgängen auf. Immer wieder fürchtet sie, dass der nächste Brief, der nächste Anruf, der nächste Polizeikontakt kommt. „Ich bin mit den Nerven fertig“, sagt sie. „Ich frage mich, wie lange das noch weitergeht und was als Nächstes passiert.“
Julia Z. bekommt Ärger mit der Staatsanwaltschaft: Strafbefehl über 900 Euro
Inzwischen hat die Sache für Julia Z. sogar strafrechtliche Folgen. Weil ihr Name bei einem der Betrugsfälle auftaucht, bekommt sie einen Strafbefehl: 900 Euro, zahlbar in 40 Tagessätzen. Für eine Tat, von der sie sagt, dass sie sie nicht begangen hat. Aus dem Opfer wird auf dem Papier plötzlich eine Beschuldigte.
Wie konnten die Täter an ihre Daten kommen? Julia Z. hat einen Verdacht. Im vergangenen Jahr benötigte sie einen Kredit und verglich über Check24 Konditionen der Banken. „Kurz darauf bekam ich eine WhatsApp-Nachricht. Jemand bot mir einen Kredit zu besonders günstigen Konditionen an.“ Julia Z. sollte Einkommensnachweise schicken, ein Foto von sich und eine Kopie ihres Personalausweises. Sie tat es. Wenig später war die Nummer nicht mehr erreichbar.
Seither verbringt sie einen Teil ihrer Freizeit damit, Strafanzeigen zu erstatten, Plattformen zu informieren und falsche Konten sperren zu lassen. Das LKA Hamburg bestätigt, dass im Zusammenhang mit dem gefälschten Kleinanzeigen-Account gegen Unbekannt wegen Betrugs ermittelt wird. Für den Fall des gestohlenen Wohnmobils sind die Polizeiinspektion Harburg in Niedersachsen und die Staatsanwaltschaft Stade zuständig. Grund: Der Geschädigte, also der Besitzer des Wohnmobils, lebt in der Nähe von Buchholz in der Nordheide.
Eine Spur führt nach Heimfeld: In einem Restaurant haben die Täter häufig verkehrt
Ob die Täter, die Julia Z. das angetan haben, je erwischt werden? Vielleicht. Denn aus den Bewegungen auf dem Revolut-Bankkonto ergeben sich Hinweise, denen die Ermittler nun nachgehen können: eine Adresse in Harburg, außerdem Zahlungen in einem Restaurant in Heimfeld. Ob diese Spuren tatsächlich zu den Drahtziehern führen, müssen die Ermittlungen zeigen.
Für Julia Z. bleibt vorerst vor allem eines: die Angst, dass ihr Name erneut irgendwo auftaucht – auf einem Konto, einem Vertrag, einem Ausweis, einem Fahrzeugschein. Und dass sie wieder beweisen muss, dass sie nicht die Täterin ist, sondern das Opfer.
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