Weniger Zulauf als anderswo: Warum die AfD in Hamburg so schwach ist

Demo AfD
Demo gegen eine AfD-Kundgebung am 15. Februar: Selten gab es so viele Demonstrationen während eines Wahlkampfes.

„Wir leben auf einer Insel der Glückseligen“, sagte Bürgermeister Peter Tschentscher kürzlich und meinte damit das Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl. 10,9 Prozent der Hamburger haben ihre Stimme der in Teilen rechtsextremen Partei gegeben, bei der Bürgerschaftswahl ist es sogar noch weniger. Damit ist die AfD in Hamburg weit entfernt von den 20 Prozent, die sie im Rest Deutschlands erreichen. Die MOPO sprach mit dem Politologen Rolf Frankenberger, Leiter des Instituts für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen, über liberale Handelsstädte, die Bedeutung von Unis und Reichtum – und erfuhr, warum Populisten es in Westfalen auch nicht leicht haben.

MOPO: Warum hat die AfD in Hamburg so viel weniger Zulauf als im Rest des Landes?

Rolf Frankenberger: Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Wir sehen ähnliche Muster auch in anderen urbanen Räumen, etwa Berlin, Kiel, Stuttgart, München. Das hat viel mit Urbanität und Internationalität zu tun und mit Differenzerfahrungen: Menschen in urbanen Räumen sind an Austausch mit anderen Kulturen gewöhnt. Unterschiedlichkeit wird weniger als Bedrohung wahrgenommen. Dazu kommt ein Hamburg spezifischer Grund.

Was meinen Sie damit?

Hamburg hat als freie Hansestadt eine über Jahrhunderte gewachsene liberale Kultur als globales Handelszentrum. Hier wurden schon immer Fremde aufgenommen, das macht eine Gesellschaft resilient gegen Populismus.

Lächelnder Mann mit grauem Bart
Politologe Dr. Rolf Frankenberger, Leiter des Instituts für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen

Spielt der Reichtum der Stadt eine Rolle?

Der Reichtum und die Kaufkraft einer Kommune spielen statistisch eine Rolle, aber die ist recht schwach. Bremen etwa ist nicht gerade reich und die AfD ist trotzdem schwach. Was sich aber statistisch bemerkbar macht, ist eine Universität.

Ist diese Widerstandskraft gegen Populismus in den Städten stabil, oder könnte das durch weitere Ereignisse auch kippen?

Diese Muster sind stabil. Wir haben das 2021 bei der Bundestagswahl gesehen, letztes Jahr bei der Europawahl. Wir sehen, dass sich der Westen bei der Zustimmung für die AfD dem Osten annähert. Eine große Ausnahme ist übrigens Westfalen von Bielefeld über Münster bis hin zur niederländischen Grenze.

Westfalen?

Das ist ein ländlicher Raum, aber relativ resilient.

Wie kommt’s?

Dort spielt die katholische Kirche eine große Rolle, aber auch Unistädte wie Münster. Auch eine starke protestantisch-lutherische Kirche kann schützen, wie man etwa rund um Weimar und Jena sieht, wo die AfD schlechtere Werte hat als im Rest Thüringens. Wo Freikirchen stark sind, passiert übrigens eher das Gegenteil.

Interessant. Wie erklären Sie das?

Die haben starke Anschlussstellen mit der AfD, mit dem traditionellen Familienbild etwa oder mit der Homophobie.

Müssen wir uns eigentlich auf deutlich mehr Stimmen für die AfD einstellen, weil viele Sympathisanten bei Umfragen nicht die Wahrheit sagen?

Das hat sich stark verändert. Die Normalisierung ist so weit fortgeschritten, dass sich kaum mehr jemand schämt, weil er die AfD wählt. Wenn wir etwa die Umfragen zur Europawahl ansehen, die waren ziemlich exakt.