Vier Thesen zum Elbtower-Murks: Höchste Zeit, Scholz’ Fehler zu korrigieren
Wir können den Pflichtteil zu Beginn abhaken: Der Elbtower, oder besser: seine Entstehungsgeschichte bisher, ist Zeugnis für Politik-Versagen des rot-grünen Senats. Für blindes Vertrauen in einen Investor, dessen Halbseidenheit offensichtlich war. Und ein Bürgermeister, der sich selbst als Kernkompetenzen unbedingte Rationalität zuschrieb, verstieg sich in einen merkwürdigen Ego-Trip. Der gipfelte in dem Satz: „Ich möchte, dass die Hamburger sagen, das hat der Scholz gut gemacht.“ Nee, das sagt natürlich niemand nie. Stattdessen regieren Spott, Häme und Defätismus. Alles Mist? Ja. Dass der Senat seitdem aber so tut, als hätte er mit all dem wenig bis nichts zu tun, wird der Sache nicht gerecht. Deshalb: Jetzt mal frisch ans Werk und lösen, das Ding.
Die Anmeldung des Vorkaufsrechts ist da ein erster richtiger Schritt. Die Lage war ja wie folgt: Stadt verkauft Grundstück für 122 Millionen an Ösi-Investor Benko. Benko baut Zeugs für weitere geschätzt 200 Millionen Euro drauf und geht pleite. Insolvenzverwalter bietet den halben Rohbau zum Verkauf, aber niemand will bisher bezahlen.
Und jetzt ist die Lage aktuell: Stadt meldet pro forma Rückkaufinteresse an und kann nun innerhalb der nächsten neun Monate entscheiden, ob sie davon Gebrauch macht. Zum Beispiel, wenn ein Investor das Ding zu übernehmen droht, der der Stadt nicht passt. Dazu vier Thesen.
1. Hamburg brauchte nie einen Elbtower. Aber jetzt, wo er schon mal halb steht …
Viele Hochhäuser sind schrecklich. Und so ein milliardenteurer Riesen-Eumel, schwitziger Investoren-Traum – da sagen viele: passt nicht zu Hamburg. Aber ich gestehe: Ich finde das Gebäude, wie es mal sein soll, toll. Diese elegante Silhouette!
Die HafenCity ist über weite Strecken ein erschütternd seelenloser Würfelhusten, dieses Gebäude setzt zumindest mal einen Rahmen. Mit Ausrufezeichen! Ein herausragendes Detail im Stadtbild so wie die Elbphilharmonie. Kein Auftakt für einen Hamburg-Umbau zu Dubai. Aber ein schickes Statement. Und in Bezug auf die inzwischen extrem knappen Grundstücke, die in Ottensen, Altona und anderswo oft mit Bürogebäuden und klobigen Klötzen zugetackert werden, eines zumindest sicher: flächeneffizient.
2. Elbtower so lassen oder abreißen? Beides absurd
Viele sagen: Weg mit dem Ding. Das wäre eine Sünde. Allein schon angesichts der gigantischen Menge an Beton, die bereits verbaut wurde. Andere sagen: auf der Höhe lassen, Deckel drauf und fertig machen. Da würde das Star-Architekten-Büro Chipperfield sicher nicht mitspielen. Und zwar zu Recht, denn dann wäre der Anblick an einem der meistfrequentierten Orte der Stadt für immer ein klobiges Menetekel für allgemeines Versagen. Denn gekürzt bleibt das Gebäude mehr plumper Klumpen als elegante Nadel.
3. Zeit, es anzuerkennen: Wirtschaftlich lässt sich das nicht mehr umsetzen
Die gesamte Planung und Finanzierung wirkt heute wie aus der Zeit gefallen. Vor allem aber die maximal fade inhaltliche Konzeption. 122.000 Quadratmeter – und der Großteil sind … Büroflächen! Im Zeitalter des Homeoffice! Große Firmen schaffen es nicht mal mit dem Elektroschocker mehr, ihre Mitarbeiter dauerhaft in die Büros zu treiben. Selbst bei top-modernen „New Work“-Buden mit Rundum-Bespaßung und Feelgood-Managern stehen die Flächen leer. Wer soll da all die Quadratmeter bevölkern – und vor allem bezahlen?
Dazu ein Hotel. Ein Gym. Luxus-Shopping. Der übliche großstädtische stilistische Verwahrlosungsmix, also. Nichts davon braucht irgendjemand noch mehr, als es eh schon da ist. Eine Dachterrasse ist hier bisher dann schon der Gipfel der Kreativität.
4. Deswegen: Die Stadt muss gestaltend eingreifen!
Die Position der Stadt nach den Dicke-Hose-Aussagen des damaligen Bürgermeisters und jetzigen Kanzlers: leise schämen und wegducken. „Privatwirtschaftliches Projekt.“ „Haben wir keine Aktien drin.“ Bloß nicht den Kopf rausstrecken. Die Vorkaufsrecht-Anmeldung: eine reine Formalie. Investoren sollen’s regeln. Grundsätzlich verständlich, denn natürlich hängen da allerhand Risiken dran. Andererseits klingt der Rückkaufs-Deal gar nicht so schlecht: Die Stadt würde die 122 Millionen Kaufpreis fürs Grundstück zurückzahlen und bekäme den Rohbau obendrauf – gratis. Und: Man könnte gestalten und Fehler korrigieren!
Das könnte Sie auch interessieren: Große Wagenknecht-Show am Fischmarkt – so reagiert das Publikum
Was können kreative, zeitgemäße Nutzungen für ein solches Gebäude sein? Am besten solche, die die Bürger mit dem langen Eumel versöhnen. Warum soll da eigentlich niemand drin wohnen können? Laut ist es schließlich auch anderswo. Wollte Multimilliardär Kühne nicht zig Millionen raushauen, um eine Oper zu bauen? Für welches kulturelle Engagement könnte man ihn im Rahmen dieses Bauwerks begeistern? Was haben die kreativen Menschen der Stadt für Ideen für das Ding? Und was brauchen die seriösen solventen Unternehmer, um sich zu beteiligen?
Wenn irgendwann mal jemand sagen soll: „Das hat der Tschentscher gut gemacht“, dann muss der Bürgermeister jetzt loslegen. Öffentliche Planwerkstatt. Transparenter Prozess. Alle an einen Tisch. Ideen entwickeln, Businesspläne erstellen, Genehmigungen vorbereiten. Neun Monate sind schnell rum. Und eine Ruine am Eingang zur Stadt – das soll ja wohl nicht Tschentschers Vermächtnis werden…