Hamburg
Trumps Deal mit den Mullahs: Was denken Hamburgs Exil-Iraner?
Das Abkommen der USA mit dem Iran sorgt für große Empörung: Hamburger Stimmen warnen vor einer Stärkung Teherans – und vor einem Schlag ins Gesicht der Protestbewegung.
300 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau, ein Ende der Sanktionen, freigegebene Gelder – und dafür Teherans Versprechen, keine Atomwaffen zu bauen: Das Abkommen zwischen den USA und dem Iran sorgt international für heftigen Streit: Das Mullah-Regime stehe stärker da als vor dem Krieg, so die einhellige Meinung. Was sagen Iranerinnen und Iraner in Hamburg dazu?
Maryam Atamajori: „Die bittere Botschaft lautet: Eure Toten zählen nicht“
Die Projektmanagerin Maryam Atamajori (45) lebt seit ihrer Kindheit in Hamburg. Ihre Eltern flohen aus dem Iran, weil sie politisch verfolgt wurden: „Wenn Sie heute mit Menschen im Iran sprechen, hören Sie nicht Hoffnung. Sie hören Wut, Trauer und tiefe Verzweiflung. Vor allem aber hören Sie das Gefühl, verraten worden zu sein. Millionen Menschen gingen im Januar 2026 auf die Straßen. Viele wurden getötet, verhaftet oder verschwanden. Bis heute trauern Familien um ihre Kinder, Geschwister und Angehörigen. Nach den militärischen Angriffen der USA und Israels gegen die Machtzentren der Islamischen Republik glaubten viele, dass das Ende dieser Herrschaft begonnen habe. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten schien Freiheit greifbar.“
„Genau deshalb empfinden viele Iraner diesen Deal als Schock. Für viele fühlt es sich an, als sei in einem einzigen Moment das gesamte Gebäude ihrer Hoffnungen eingestürzt: die Hoffnung auf Freiheit, auf Gerechtigkeit, auf das Ende der Islamischen Republik, auf ein normales Leben und eine Zukunft für ihre Kinder.“
„Stattdessen bleibt das Gefühl zurück, erneut geopfert worden zu sein. Aus Sicht vieler Menschen sind wieder einmal Öl, Geld, Handelswege, die Straße von Hormus und milliardenschwere Geschäfte wichtiger als Menschenleben. Die bittere Botschaft lautet: Eure Toten zählen nicht. Eure Gefangenen zählen nicht. Eure Familien zählen nicht. Eure Hoffnung zählt nicht. Wichtig sind geopolitische Interessen. Hauptsache, die Tanker fahren wieder. Hauptsache, die Märkte sind stabil. Hauptsache, die Geschäfte laufen.“
Hourvash Pourkian: „Der Wille des Volkes wird siegen“
Hourvash Pourkian (68), 1958 in Teheran geboren, ist deutsch-iranische Unternehmerin und Frauenrechtlerin: „Ich verfolge seit vielen Jahren als iranische Regimegegnerin die Beziehungen zwischen den USA und dem Iran. Aus meiner Sicht geht es den USA derzeit vor allem um strategische Ziele: um das iranische Atomprogramm und die Kontrolle über hoch angereichertes Uran. Das Mullah-Regime versucht die Verhandlungen im eigenen Land als Sieg zu verkaufen. Die Propaganda behauptet, die USA hätten kapituliert. Das entspricht nicht meiner Wahrnehmung.“
„Viele westliche Medien betrachten die Lage im Iran zu oberflächlich. Oft entsteht der Eindruck, internationale Spannungen hätten das Regime gestärkt. Nach meiner Einschätzung ist das Gegenteil der Fall. Die wirtschaftliche Lage ist dramatisch. Millionen Menschen leiden unter Inflation, Kaufkraftverlust und Perspektivlosigkeit. Obwohl der Iran über gewaltige Öl- und Gasreserven verfügt, müssen Bürger teils stundenlang an Tankstellen warten. Für viele Iraner ist das ein Symbol für das Versagen der Führung.“
„Entscheidend ist nicht, was Washington, Jerusalem oder Teheran beschließen. Entscheidend ist, was das iranische Volk will. Die Menschen haben immer wieder gezeigt, dass sie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und politische Mitsprache fordern. Das Regime demonstriert Stärke. Hinter dieser Fassade zeigen sich wirtschaftliche Schwäche, gesellschaftliche Unzufriedenheit und politische Spannungen. Deshalb bin ich überzeugt: Die Zukunft des Irans wird vom Willen des Volkes bestimmt.“
Danial Ilkhanipour spricht von einem „Offenbarungseid des Westens“
Danial Ilkhanipour (44), SPD-Bürgerschaftsabgeordneter mit iranischen Wurzeln, sagt: „Wenn dieser Deal so umgesetzt wird, gleicht das einem Offenbarungseid des Westens und ist an Kurzsichtigkeit nicht zu überbieten. Man stabilisiert ein Regime – das für jeden mit Binnensicht erkennbar ins Wanken gekommen ist.“
„Für die Menschen im Iran ist es eine Katastrophe, das Morden wird sich beschleunigen. Unsere Werte hätten wir verraten und realpolitisch ist es auch unklug. Wir hätten unsere Erpressbarkeit manifestiert. Sicherheitspolitische Risiken, Terrorfinanzierung (auch auf deutschem Boden), Fluchtursachen werden zunehmen. Und in zwei Jahren werden wir an der gleichen Stelle vor einem wieder aufgerüsteten Regime stehen.“
Nazanin Shayegan: „Vor allem das Mullah-Regime profitiert“
„Ich betrachte Trumps Iran-Abkommen sehr kritisch“, sagt Nazanin Shayegan (47), 2010 als politisch Verfolgte aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet. „Viele Menschen im Iran hatten die Hoffnung, dass internationaler Druck zu echten Veränderungen führen könnte. Trumps Ankündigungen wurden als Zeichen verstanden, dass Unterstützung für die Bevölkerung auf dem Weg sei.“
„Stattdessen entsteht nun der Eindruck, dass vor allem das Regime von dem Abkommen profitiert. Wenn Sanktionen gelockert oder wirtschaftliche Zugeständnisse gemacht werden, stärkt das zunächst die Machtstrukturen in Teheran. Ob Aufhebungen von Sanktionen der Bevölkerung zugutekommen, ist völlig offen.“
„Was mich an dem Abkommen besonders stört: Es findet sich kein ernsthaftes Bekenntnis zum Schutz der Menschen im Iran. Während über wirtschaftliche Interessen verhandelt wird, sitzen weiterhin politische Gefangene nach unfairen Verfahren in den Gefängnissen.“
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