Mal clever, mal verwirrend: Der große Wahlplakate-Check

Plakat mit einem Auge
Ein Wahlplakat erinnert gar an eine Optikerwerbung.

Ist es in Zeiten von Social Media überhaupt noch zeitgemäß, die Innenstädte mit Wahlplakaten zuzupflastern? Ja, sagt der Hamburger Politikberater Bendix Hügelmann, der Parteien eigentlich zu gelungenen TikTok-Auftritten verhilft: „Anders als Werbeanzeigen auf Social Media können Plakate nicht weggeklickt werden.“ Und die Aufsteller an den Straßenrändern hätten eine wichtige Funktion jenseits der Werbung für einzelne Parteien: „Sie sind der Hinweis für die Bevölkerung: Achtung, es sind wieder Wahlen.“ Für die WochenMOPO hat der Kommunikationsexperte sich die verschiedenen Kampagnen der Parteien einmal genauer angesehen und erklärt, welches Motiv solide funktioniert, welches von Mut zeugt – und welches den uneingeweihten Betrachter eher ratlos zurücklässt.

SPD: „Ikonisch“

„Ein mutiges Plakat! Hier wird der Bürgermeister ikonografisch und parteiübergreifend inszeniert. Das Motiv birgt aber auch die Gefahr, dass es nicht verstanden wird und nicht in ein Wahlverhalten mündet. Wir haben keinen Namen, keine Partei, nichts. Darin kann man auch eine strategische Distanzierung der Hamburger SPD von der Bundes-SPD sehen. Die Botschaft ist: Peter Tschentscher macht seine Sache als Bürgermeister gut, da ist die Partei gar nicht so wichtig. So wie damals ,Willy wählen‘“.

Grüne: „Gefühlig“

Plakat mit doppeltem Frauenporträt
Die Grünen versprechen Herz, Verstand und Fegebank.

„Katharina Fegebank wurde toll fotografiert, dazu dieser Dreiklang ,Herz.Verstand.Fegebank‘, der ist nicht inhaltsschwer, aber gelungen. Das ist ein hyperpersonalisiertes, gefühliges Plakat, das nicht einmal unterschwellig Inhalte transportieren will. Das meine ich nicht abwertend, das ist Ausdruck des Zeitgeistes. Von der Denkschule her ist das schon nahe am Tschentscher-Plakat: Das Motiv richtet sich an Menschen, die stärker mit ihrer Person sympathisieren als mit der Partei.“

CDU: „Solide“

CDU Plakat: Sicheres Hamburg
Die CDU setzt auf das klassische Motiv „Spitzenkandidat hört jemandem aufmerksam zu“.

„Das ist solides Handwerk. Wir sehen ein Wahlplakat in Anlehnung an die Bundes-CDU, das einen Markenkern der Union ins Schaufenster stellt. Innere Sicherheit ist ja auch das Thema, mit dem die Hamburger CDU sich in den letzten Jahren konsequent beschäftigt hat, manchmal auch in etwas schrillerer Form. In diesem Motiv sieht man, dass Dennis Thering klar auf Seriosität setzt. Auffällig: Der Störer, der sich auf das komplizierte Hamburger Wahlrecht mit den zehn Stimmen bezieht. Die Hoffnung: In der Wahlkabine sollen verwirrte Wähler sich daran erinnern: ,Alle Stimmen für die CDU‘.“

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FDP: „Clever“

FDP Plakat mit lächelnder Frau
Die FDP Hamburg unter der Spitzenkandidatin Katarina Blume macht und tut.

„Hier sehen wir auf den ersten Blick ein cleveres Wortspiel, das ist ganz typisch für FDP-Kampagnen. Und auf den zweiten Blick kommt sogar noch ein zweites Wortspiel mit dem Claim „Die Blume macht das“ – und das wird dann auch visuell übertragen: Neben Frau Blume ist die Form einer Blüte zu sehen. Die Headline ist gut getextet, die Kandidatin kommt sympathisch rüber, da ist es egal, dass mich persönlich die Idee mit dem ,Kandidat XY macht das‘ nicht so anspricht.“

AfD: „Überraschend“

AfD-Plakat mit Spitzenkandidat Dirk Nockemann
Die AfD zeigt sich mit ihrem Wahlplakat überraschend selbstironisch.

„Verglichen mit vergangenen Wahlkämpfen hat die Partei bei der grafischen Gestaltung ihrer Kampagne einen sichtbaren Schritt Richtung mehr Modernität gemacht. Dazu fällt eine für die AfD überraschende Selbstironie und ein verspielter Umgang mit Sprache auf. Der Claim ist gut getextet und appelliert an das Empfinden vieler Menschen, ohne dass dabei eine politische Forderung laut werden muss.“

Linken-Plakat: Zwei Frauen und der Slogan: Wir mit euch
Wie aus dem Plakat gehüpft: Die Linken-Spitzenkandidatinnen Cansu Özdemir (l.) und Heike Sudmann.

„Das ist ein Plakat, das für Linke überraschend stark auf Personen setzt. Wir erfahren sogar, wo man die Spitzenkandidatinnen auf dem Wahlzettel finden kann. Dazu der Claim ,Wir mit euch‘, der auf den urlinken Topos der Gemeinschaft setzt. Die beiden Kandidatinnen sind so fotografiert, dass Linke-Wähler sich davon angesprochen fühlen. Frau Özdemir und Frau Sudmann tragen auf dem Plakat offenbar ihre ganz normale Alltagskleidung, das sorgt für eine hohe Identifikation.“

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Volt: „Rätselhaft“

Wahlplakat der Partei Volt
Das Wahlplakat von Volt gibt Rätsel auf.

„Bei dem Plakat habe ich nach dem Betrachten mehr Fragen als vorher: Wer ist Britta? Warum tritt sie ohne Nachnamen auf? Findet man sie überhaupt auf dem Wahlzettel? Das Plakat liefert keine Inhalte, mit denen Volt sich etwa von den Grünen unterscheidet. Oder von der FDP. Im digitalen Raum macht die Partei das ganz anders. Was das Plakat signalisiert, ist Urbanität und Modernität. Das Motiv richtet sich eher an die Stammwähler, als dass es viele Wechselwähler anderer Parteien zu Volt holen soll.“