Hamburger Seenotretter festgesetzt: „Wir sitzen hier – die Menschen ertrinken“

Das Segelschiff „Nadir“ der Hamburger Organisation Resqship hat im Mittelmeer 25 Menschen von einem Holzboot gerettet.
Das Segelschiff „Nadir“ der Hamburger Organisation Resqship während eines Rettungseinsatzes im Mittelmeer

112 Menschen auf einem winzigen Boot – und plötzlich Verantwortung für alle. Leon Salner (29) aus Wilhelmsburg, unterwegs mit der Hilfsorganisation „Resqship“, sitzt seit dem 8. Juni in Italien fest. Die siebenköpfige Crew ist mit dem Beobachtungsschiff „Nadir“ im Mittelmeer unterwegs, als sie am 5. Juni ein überfülltes Holzboot entdecken: 112 Menschen auf wenigen Metern Länge. Die Crew nimmt die Menschen an Bord. In Lampedusa dann der Rückschlag: Die „Nadir“ wird für 20 Tage im Hafen der italienischen Insel festgesetzt. Angeblich wäre nicht zureichend mit den zuständigen Behörden über den Vorfall kommuniziert worden. Ein Schock für die Crew – und laut Leon Salner eindeutig ein politisches Zeichen. Im Interview beschreibt er die schockierenden Szenen, mit denen die Retter immer wieder konfrontiert werden – von kranken, völlig entkräfteten Familien bis zu Unterdecks voller Leichen.

MOPO: Sie engagieren sich seit vier Jahren bei „Resqship“. Nun sitzen Sie mit der „Nadir“ in Italien fest. Was ist die aktuelle Situation?

Leon Salner: Wir wurden aufgefordert, den Hafen von Lampedusa zu verlassen und haben jetzt in Porto Empedocle (Sizilien, d. Red.) angelegt. Warum wir dazu aufgefordert wurden, wissen wir nicht. Wir dürfen noch für weitere zehn Tage nicht ablegen.

Die „Nadir“ fährt mit über 100 Menschen an Bord begleitet von der Küstenwache in Lampedusa ein.
Die „Nadir“ fährt mit mehr als 100 Menschen an Bord begleitet von der Küstenwache in Lampedusa ein.

Wie fühlt sich das für Sie an?

Es ist das erste Mal, dass das Schiff von „RESQSHIP“ festgesetzt wird. Das ist eine neue Situation für uns und wir müssen lernen, damit umzugehen. Wer letztlich darunter leidet, sind die Menschen in Not. Während wir jetzt schon mehrere Tage festsitzen, haben wir viele Notrufe über den Seefunk mitgehört – auf die können wir natürlich alle nicht reagieren. Das frustriert uns sehr.

Was ist mit den Menschen passiert, die Sie an Bord hatten?

Die Behörden forderten uns auf, besonders schutzbedürftige Menschen an die Küstenwache in Lampedusa zu übergeben. Aber wie sollten wir das beurteilen? Über 100 Menschen waren rund 15 Stunden auf einem winzigen Holzboot, danach nochmal 15 Stunden bei uns an Bord – viele von ihnen waren in keinem guten Zustand und mussten medizinisch behandelt werden. Wir haben unsere Bedenken geäußert, doch darauf kam keine Antwort. Also sind wir den bestehenden Anweisungen gefolgt und in Rücksprache mit den Behörden in Lampedusa eingelaufen. Dort konnten alle Menschen von Bord gehen. Sie wurden am nächsten Tag mit einer Fähre nach Porto Empedocle gebracht und später in ein Auffanglager nach Sizilien. Was danach mit ihnen geschah, wissen wir nicht.

An Lampedusa gingen alle geretteten Menschen von Bord.
An Lampedusa gingen alle geretteten Menschen von Bord.

Wie kann man sich „viele medizinische Notfälle“ vorstellen?

Die Menschen waren dehydriert und seekrank, viele mussten sich mehrfach übergeben. Auf diesen Booten gibt es kaum oder gar keine Vorräte – weder Essen noch Trinkwasser. Keine Rettungsmittel und keinen Schutz vor der Sonne. Besonders gefährlich sind Boote mit einem Unterdeck, weil sich dort Benzindämpfe sammeln können. Im vergangenen Jahr haben wir solch ein Boot erst nach über 24 Stunden entdeckt, da lag bereits eine Leiche an Deck. In einem anderen Fall haben wir zehn Tote unter Deck gefunden. Auch das Boot bei unserem Einsatz hatte so ein Unterdeck. Als ich es betreten habe, musste ich mich aufgrund des Geruchs der giftigen Gase sofort übergeben. Wären wir später gekommen, hätte es wahrscheinlich Todesopfer gegeben.

Bei der Einfahrt in den Hafen Lampedusas wurde die Crew aufgefordert, besonders vulnerable Personen an die Küstenwache zu übergeben.
Bei der Einfahrt in den Hafen Lampedusas wurde die Crew aufgefordert, besonders schutzbedürftige Personen an die Küstenwache zu übergeben.

Das muss sehr belastend sein. Wie fühlen Sie sich nach so einem Einsatz?

Ich fühle sehr mit den Menschen mit. Ihre Situation ist eine künstlich erzeugte, die es so nicht geben sollte. Es macht mich wütend, dass es keine sicheren Fluchtwege nach Europa gibt und nicht alle Länder ihre Pflichten zur Seenotrettung wahrnehmen. In Italien wurde vor ein paar Jahren ein neues Gesetz namens „Piantedosi“ erlassen, welches vorschreibt, dass zivile Rettungsschiffe nach der ersten durchgeführten Rettung unverzüglich den zugewiesenen Hafen anlaufen müssen. Sie müssen damit sofort das Einsatzgebiet verlassen, auch wenn sie noch länger dort bleiben könnten, um mehr Menschen zu unterstützen. Bei Versuchen, anteilig Menschen von den Rettungsschiffen zu holen, bekommen wir mit, wie riskiert wird, dass Familien zerrissen werden. Das ist natürlich schrecklich.

Was soll dieses italienische Gesetz bewirken?

Italien will zivile Seenotrettungsschiffe mit diesem Gesetz an ihrer Arbeit hindern. Eindeutig ein politisches Zeichen. In den beiden vergangenen Jahren wurden zivile Schiffe oft festgesetzt, weil sie die zugewiesenen Häfen nicht anfahren konnten, ohne die Sicherheit der Geretteten an Bord zu gefährden. Bisher traf es vor allem große Schiffe. Wir sind das erste kleinere Segelschiff, das betroffen ist. Durch diese Regelung gingen laut „SOS-Humanity“ bereits 374 Tage für Rettungseinsätze verloren.

Hat dieses Gesetz auch mit Ihrer Festsetzung zu tun?

In unserem Einsatz sollten wir anteilig Menschen an ein Küstenwachschiff abgeben, damit die Behörden uns dann einen weiter entfernten Hafen zuweisen konnten. Doch selbst mit 50 oder 80 Menschen wäre unser Schiff sehr voll gewesen, was für einen längeren Zeitraum für alle an Bord eine unmenschliche Situation gewesen wäre. Die „Nadir“ ist nicht dafür ausgerüstet, so viele Menschen über einen längeren Zeitraum zu versorgen. Unsere Bedenken diesbezüglich blieben unbeantwortet. Später bekamen wir die Erlaubnis, in Lampedusa einzufahren. Jetzt wirft man uns vor, wir hätten uns den Behörden widersetzt.

Was passiert dann jetzt als Nächstes und was bedeutet der Vorfall für die künftige Arbeit von Seenotrettern?

Die „Nadir“ muss noch bis zum 28. Juni in Porto Empedocle bleiben. Die aktuelle Crew reist zurzeit ab und eine neue reist an. Durch die 20 Tage Blockade in Italien haben wir unsere restliche Einsatzzeit verloren, was natürlich ein enormer Verlust ist. Wir sind immer ungefähr drei Wochen unterwegs – unsere Freiwilligen nehmen dafür teils ihren Jahresurlaub, das kann man nicht flexibel verlängern. Ich selbst bin selbstständig als Medientechniker und kann das eher einteilen. Künftig wissen wir, was uns in Italien erwartet.

112 Menschen auf einem winzigen Boot – und plötzlich Verantwortung für alle. Leon Salner (29) aus Wilhelmsburg, unterwegs mit der Hilfsorganisation „Resqship“, sitzt seit dem 8. Juni in Italien fest. Die siebenköpfige Crew ist mit dem Beobachtungsschiff „Nadir“ im Mittelmeer unterwegs, als sie am 5. Juni ein überfülltes Holzboot entdecken: 112 Menschen auf wenigen Metern Länge. Die Crew nimmt die Menschen an Bord. In Lampedusa dann der Rückschlag: Die „Nadir“ wird für 20 Tage im Hafen der italienischen Insel festgesetzt. Angeblich wäre nicht zureichend mit den zuständigen Behörden über den Vorfall kommuniziert worden. Ein Schock für die Crew – und laut Leon Salner eindeutig ein politisches Zeichen. Im Interview beschreibt er die schockierenden Szenen, mit denen die Retter immer wieder konfrontiert werden – von kranken, völlig entkräfteten Familien bis zu Unterdecks voller Leichen.