Angst vor der Wehrpflicht? „Gefahr, als Kanonenfutter zu enden“
Die Bedrohungslage in Europa hat sich massiv zugespitzt, seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist unsere Welt eine andere. Auf die Amerikaner ist kein Verlass mehr – brauchen wir also die Wehrpflicht zurück, um uns im Ernstfall verteidigen zu können? In Berlin streiten sich SPD und Union in ihren Koalitionsverhandlungen über das Thema, das Nachbarland Dänemark hat gerade einen radikalen Schritt vollzogen. Doch wie stehen junge Menschen zu dem Thema, das sie am ehesten betreffen würde? Vier junge MOPO-Mitarbeiter diskutieren.
Andere Zeiten erfordern andere Maßnahmen
Nils Ahrensmeier (21): Ich war lange absoluter Gegner der Wehrpflicht, bin aber heute aufgrund der neuen Sicherheitslage nicht mehr ganz dagegen. Andere Zeiten erfordern eben doch andere Maßnahmen. Alles andere wäre naiv und realitätsfern.
Eine neue Wehrpflicht sollte aber auch alle jungen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht einbeziehen. Und nicht nur junge Männer. Nur fehlt dafür derzeit die Infrastruktur, und wir haben mit Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes ein starkes und wichtiges Recht, den Dienst an der Waffe zu verweigern.
Die Bundeswehr wird nicht stärker, wenn wir eine große Gruppe unmotivierter junger Menschen in den Kasernen haben, sondern nur, wenn sich diejenigen dafür entscheiden, die dort einen Mehrwert bringen.
Ich selbst bin nicht zur Bundeswehr gegangen, sondern habe mich im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres mit meinen Stärken für die Gesellschaft eingesetzt. Deshalb sollte es bei einer neuen Wehrpflicht eine Wahlmöglichkeit zwischen Bundeswehr und einem neuen „Zivildienst“ geben.
Gesellschaftsjahr statt Wehrpflicht!
Pauline Reibe (22): Wehrpflicht – ja oder nein? Seit Monaten steht die Frage im Raum und verunsichert vor allem junge Menschen. Einer Generation, die eh schon viel aushalten muss (Klimakrise, Inflation, unruhige Weltlage), sollte meines Erachtens garantiert werden, dass sie immer eine Wahl haben wird.
Mir hätte es gefallen, nach der Schule ein Jahr etwas für die Gesellschaft zu tun und dabei mal in einem anderen Bereich zu arbeiten. Nur hätte ich das nicht gern bei der Bundeswehr getan. Ich halte mich für unpassend für diese Aufgabe, und so geht es anderen auch.
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Wer sich als für den Dienst nicht fähig erachtet oder moralische Bedenken hat, kann ob der Lage und dem Wort „Wehrpflicht“ Angst bekommen. Die Gefahr, dass ungeeignete junge Leute in ein unterfinanziertes System gesteckt werden und im Ernstfall als Kanonenfutter enden, ist groß.
Deshalb sollte es ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr geben. Die Jugendlichen sollen die Wahl haben, ob sie zur Bundeswehr gehen oder ihren Dienst in einem anderen unterbesetzten Bereich ableisten – etwa Gesundheit, Pflege oder Bildung. Dann könnte das Thema etwas von seinem Schrecken verlieren.
Heute würde ich mich für den Wehrdienst entscheiden
Daniel Dörfler (31): Die Bundeswehr ist nach dem Kalten Krieg von einer Verteidigungs- zu einer Einsatzarmee umgebaut worden – ein Fehler, wie sich heute zeigt. Damit einher ging 2011 die Aussetzung der Wehrpflicht. Mir selbst kam das zugute: Ich war einer der Ersten, die nicht mehr zur Musterung mussten. Ohnehin hätte ich damals verweigert.
Heute aber würde ich mich für den Wehrdienst entscheiden. Unsere Lebensweise steht auf dem Spiel. Neben seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine führt Russland längst einen hybriden Krieg gegen Deutschland und die EU. Um der russischen Aggression Einhalt zu gebieten, brauchen wir eine glaubhafte Abschreckung. Deutschland, als bedeutendstes EU-Land, muss hierbei eine Führungsrolle einnehmen und kriegstüchtig werden. Nicht um Krieg zu führen, sondern um ihn zu verhindern.
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Neben mehr Geld und Material ist die Wehrpflicht dafür ein wichtiger Baustein. Sie sollte wieder eingeführt werden und auch für Frauen gelten. Dänemark macht vor, wie es geht. Das Land verpflichtet künftig Frauen und Männer zum Dienst an der Waffe. Ein logischer Schritt, zur Verteidigung brauchen wir die fähigsten Bürger – das Geschlecht spielt dabei keine Rolle.
Wir müssen unsere Identität und Werte verteidigen
Tessa Mallon (21): Wir brauchen eine Wehrpflicht, um in Zukunft unsere Werte, unsere Kultur und unsere Identität verteidigen zu können. Die Bedrohung in Europa scheint so groß wie schon lange nicht. Wir können nicht mehr so tun, als ginge uns die Weltlage nichts an. Europa rüstet auf.
Unserer Bundeswehr fehlen Tausende Soldaten – ein klares Sicherheitsrisiko. Die Lösung: ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr. Wehrpflicht oder Zivildienst für alle. Es gilt so viel zu schützen! Unsere Demokratie sichert Meinungsfreiheit, Gleichheit und das Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung. Weltweit beneiden uns Deutsche darum viele. Wollen wir das alles in Zukunft kampflos aufgeben, weil uns Soldaten fehlen?
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Zur Waffe greifen muss dabei ja keiner. Männer und Frauen könnten sich wahlweise in Krankenhäusern, Altenheimen oder Jugendeinrichtungen engagieren, so würde ich es auch machen. Es gilt, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Von einem verpflichtenden Gesellschaftsjahr profitieren nicht nur die Bundeswehr, sondern auch soziale Einrichtungen.