Platzt der Prozessstart? „White Tiger“ in U-Haft von Mitgefangenen verprügelt
Ernster Zwischenfall in der Untersuchungshaftanstalt Holstenglacis am Donnerstagnachmittag: Shahriar J. (21) alias „White Tiger“ ist dort von jugendlichen Mitgefangenen misshandelt worden. Seine Anwältin Dr. Christiane C. Yüksel macht der Justizvollzugsanstalt schwere Vorwürfe und erwägt eine Strafanzeige.
Ab Freitag soll sich der ehemalige Medizinstudent – mutmaßliches Mitglied des weltweit operierenden Sadistennetzwerks „764“ – vor einer Jugendstrafkammer des Landgerichts verantworten. Dazu wurde er am Donnerstag von der Jugendhaftanstalt Hahnöfersand im Alten Land, wo er seit seiner Festnahme im Sommer inhaftiert ist, ins Untersuchungsgefängnis Holstenglacis (UG) verlegt, das sich direkt neben dem Strafjustizgebäude befindet. Hier wird der Prozess stattfinden.
Anwältin Yüksel: „Was hier geschehen ist, macht mich sprachlos“
Nach seiner Ankunft dort kam es zu dem Zwischenfall. Er wurde laut Anwältin Yüksel „zusammengeschlagen“. Nach Aussage der Juristin ist Shahriar J. schlimm zugerichtet. Sie erfuhr von dem Vorfall nach eigener Aussage nur durch Zufall: „Als ich ihn für ein Gespräch aufsuchte, sah ich sofort seine geschwollene linke Gesichtshälfte.“ Wie ernsthaft die Verletzungen sind, ist zurzeit unklar. Er wurde bereits vom Gefängnis-Zahnarzt untersucht, nun verlangt Anwältin Yüksel, dass er auch einem Allgemeinmediziner vorgestellt wird. Ob der Vorfall Auswirkungen auf den Prozessbeginn am Freitag haben wird, ist nicht bekannt.
Dr. Christiane Yüksel ist erbost: „Was hier geschehen ist, ist für mich völlig unverständlich und macht mich sprachlos. Mein Mandant wurde in Hahnöfersand bewusst isoliert untergebracht, damit er nicht Gefahr läuft, von Mitgefangenen angegriffen zu werden – doch kaum ist er im UG, wird er einfach in eine Sammelzelle gesteckt. Da konnte sich jeder ausrechnen, welche Gefahr das für ihn bedeutete. Ich prüfe eine Strafanzeige.“
Sie sagt, ihr Mandant klage über Schmerzen und Schwindel. Sie könne noch nicht beurteilen, ob ihr Mandant am Freitag in der Lage sein werde, der Hauptverhandlung zu folgen.
Die Justizbehörde hat den Vorfall auf MOPO-Anfrage bestätigt: „Zwei Gefangene sind in einem Warteraum der Untersuchungshaftanstalt körperlich gegen den Gefangenen vorgegangen“, so Sprecher Dennis Sulzmann. „Ein Kollege hörte Geräusche aus dem Warteraum und konnte die Gefangenen trennen. Der Gefangene wurde vorsorglich ärztlich untersucht. Er war heute einen Tag früher als geplant aus der JVA Hahnöfersand verlegt worden, um angesichts der Wetterlage den Prozessbeginn nicht zu gefährden. Offenbar gab es vor Ort Unklarheiten über das geltende Trennungsgebot.“
Ob trotz des Vorfalls der Prozess am Freitag beginnt, steht nicht fest
Shahriar J. wird vorgeworfen, sich jahrelang über Internetportale und -Chatrooms das Vertrauen psychisch labiler Kinder und Jugendlicher erschlichen zu haben, um sie dann zu quälen und zu zwingen, sich selbst zu verletzen. Ihm werden 204 Straftaten vorgeworfen, darunter fünf versuchte und ein vollendeter Mord. Da Shahriar J. zum Zeitpunkt der Taten, die ihm zur Last gelegt werden, selbst noch minderjährig bzw. Heranwachsender war, wird der Prozess nach Jugendstrafrecht durchgeführt – die Verhandlung ist daher nicht öffentlich.
Gegenüber der MOPO kritisiert Anwältin Yüksel, dass ihr Mandant seitens der Polizei und der Staatsanwaltschaft seit seiner Inhaftierung vorverurteilt werde. Dieses „negative Framing“ sei von Teilen der Presse übernommen, ihr Mandant als „Bestie“ dargestellt worden. Der Angriff auf ihn durch Mitgefangene sei eine Folge davon.