Hamburg
Pastor aus Rache geoutet! Er versteckte seine Bisexualität – dann änderte sich alles
Jahrzehntelang versteckte Saša Gunjević seine Sexualität vor fast allen, die ihm wichtig sind: vor seiner Familie, vor Freunden und insbesondere vor der Freikirchengemeinde, in der er schon lange Pastor war. Als seine Ex-Partnerin ihn aus Rache outet, war er noch lange nicht bereit dafür. Hier spricht Saša Gunjević über die Zeit, in der konservative Mitglieder der Siebenten-Tags-Adventisten ihn verfolgten, er die freikirchliche Welt in Hamburg auf den Kopf stellte und sogar zum Politikum in den USA wurde – und darüber, was das alles mit ihm gemacht hat.
Die MOPO trifft Saša Gunjević in einem Café in der Innenstadt, nur einen Katzensprung von dem Büro entfernt, in dem der 42-Jährige heute tätig ist. Unfreiwillig musste er vor drei Jahren Kanzel, Altar und Taufbecken gegen PC, Bürostuhl und Schreibtisch eintauschen – mehr als die Hälfte seines Berufslebens hatte der studierte Theologe in Vollzeit als Pastor in der Adventgemeinde am Grindelberg (Harvestehude) gearbeitet.
Was für den Großteil der Christen in Hamburg kein Thema mehr wäre, hat Gunjevićs ganzes Leben völlig verändert. Denn bi- oder homosexuell zu sein, vor allem als Prediger – das können einige Mitglieder der Siebenten-Tags-Adventisten nicht akzeptieren.
Gunjević: „Ich wollte erstmal undercover arbeiten“
„Ich wusste schon seit ich 13 war, dass ich mich nicht nur zu Frauen hingezogen fühle“, berichtet Gunjević, der während des Gesprächs immer wieder laut lachen muss – ein sympathischer Mensch, dem man gar nicht anmerkt, was er alles durchgemacht hat. „Ich habe mich immer nur Menschen aus der Community geöffnet. Mein Plan war, in der Freikirche erst mal ein paar Jahre ,undercover‘ als Pastor zu arbeiten, bevor ich mich irgendwann oute. Vielleicht war ich etwas naiv zu denken, dass mich die Kirche schon so akzeptieren wird, wie ich bin, wenn sie mich erst mal kennengelernt haben.“
Es wurden fast 15 Jahre, in denen Saša Gunjević bei den Adventisten am Grindel arbeitete, zuletzt sogar als leitender Pastor, und seine Bisexualität vor allen versteckte. Er war beliebt bei den Mitgliedern der Gemeinde und arbeitete in verschiedenen überregionalen Gremien. Dann nahm ihm seine Ex-Partnerin die Entscheidung über den Zeitpunkt seines Outings. „Nach unserer Trennung hat sie es in der Kirche herumerzählt, weil sie wusste, dass ich dadurch wahrscheinlich meinen Job verlieren würde“, erzählt Gunjević. Er berichtet, dass weltweit vor ihm kein einziger queerer Prediger nach dem Outing im Amt bleiben durfte.
Die Bewegung der Adventisten kam im 19. Jahrhundert aus den USA nach Hamburg und breitete sich in Deutschland aus. Derzeit gibt es etwa acht Gemeinden in der Hansestadt. Während sich die weltliche Gesellschaft in zwei Jahrhunderten in vielen Bereichen weiterentwickelt hat, hält die Glaubensgemeinschaft an ihren strengen Vorschriften fest: Keinen Sex vor der Ehe, Selbstbefriedigung, Alkohol und Drogen sind tabu, queere Paare werden nicht getraut, Frauen in Leitungspositionen sind eine Ausnahme.
„Ich wollte nicht den Eindruck vermitteln, ich wäre ,geheilt‘.“
Durch ihren Racheakt zwang Gunjevićs Ex-Freundin ihn auch, sich vor seiner Familie zu outen. Ein Schritt, den er gern vermieden hätte, wie er sagt. Denn sein aus dem ehemaligen Jugoslawien stammender Vater sei sehr konservativ. „Meine Befürchtung, dass es zulasten unserer freundschaftlichen Beziehung gehen würde, hat sich leider bewahrheitet.“
Weltweit haben die Adventisten etwa 21 Millionen Mitglieder. Die wichtigsten Entscheidungen werden überregional, oft in den Vereinigten Staaten, getroffen. Zwar wurde Gunjević die Anerkennung als Pastor nicht direkt entzogen, doch während er in seiner Gemeinde am Grindel viel Rückhalt erfuhr und sein Chef ihn sogar vor dem Druck aus den USA zu schützen versuchte, machten die Adventisten aus anderen Städten ihm das Leben schwer.
„Ich wurde fotografiert, wie ich mit einem Kumpel unterwegs bin“
„Ich wurde fotografiert, wie ich Alkohol trinke oder mit einem Kumpel unterwegs bin. Alles, was vorher akzeptiert wurde, war nun ein Kündigungsgrund“, erzählt er. „Zudem wurde mir verboten, auf den CSD zu gehen und mich in Predigten und auf Social Media zu queeren Themen zu äußern. Mir drohte sogar eine Versetzung in eine andere deutsche Stadt.“
Zuerst sei da Euphorie gewesen, weil er bleiben durfte, sagt Gunjević. „Aber sie akzeptierten mich ja nur so lange, wie ich meine Sexualität nicht auslebte. Ich wollte nicht den Eindruck vermitteln, meine Bisexualität wäre ,geheilt‘ worden. Ja, ich war der einzige queere Pastor in einer adventistischen Gemeinde weltweit, und deshalb vielleicht ein Vorbild – immerhin haben sich allein sieben Menschen am Grindel nach mir geoutet. Aber ich musste mich entscheiden, ob das unter diesen Umständen noch meine geistliche Heimat sein konnte und ob ich will, dass das alles auf meinem Nacken ausgetragen wird.“
Anfeindungen und Druck – Pastor legte sein Amt nieder
Im April 2024 legte Saša Gunjević unter dem Druck von außen und dem Freiheitsdrang von innen sein Pastorenamt in der adventistischen Gemeinde nieder. Ein gutes Jahr später fand er in der evangelisch-lutherischen Kirche in Lokstedt die Heimat, nach der er gesucht hatte.
Die Adventisten vom Grindel veröffentlichten nach dem Austritt ihres Pastors ein Statement, in dem es heißt: „Wir sehen queere Menschen, als Single oder in einer Partnerschaft lebend, als gleichberechtigte Geschwister, mit denen wir gemeinsam das Reich Gottes bauen wollen. Das schließt auch die Mitarbeit und das Mitwirken in verantwortungsvollen Ämtern ein.“ Und: „Wir suchen Versöhnung mit denen, die wir ausgegrenzt haben. Wir wissen, dass wir hierzu auch unterschiedliche Positionen in unserer Gemeinde und in unserer Kirche haben und möchten hier gemeinsam auf dem Weg bleiben.“
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Gunjević aber wollte dem Druck nicht mehr standhalten und ist jetzt glücklich über seine Entscheidung. „Ich fühle mich befreit“, sagt er und lächelt.
Als Pastor arbeitet er zwar derzeit nicht, aber als Personal- und Organisationsberater hat er eine neue Berufung gefunden – und war jetzt schon dreimal beim CSD dabei, nicht nur als stiller Zuschauer, sondern laut und bunt auf einem Wagen der Nordkirche. Auch im weltlichen Kontext muss noch jede Menge für Gleichstellung getan werden – in den Freikirchen beginnt der Prozess gerade erst.