Parkplatz-Ärger, Radwege-Baustopp: War’s das mit der Verkehrswende in Wandsbek?

Thomas Ritzenhoff
Bezirksamtsleiter Thomas Ritzenhoff (63, SPD) im Wandsbeker Rathaus – sein Amt zieht bald um.

Streit um Parkplätze, zwei der gefährlichsten Bahnhöfe Hamburgs und ein verrottendes Einkaufszentrum: In Hamburgs größtem Bezirk Wandsbek gibt es immer etwas zu tun. Chef im Bezirksamt ist seit 13 Jahren Thomas Ritzenhoff (SPD). Die MOPO sprach mit ihm außerdem noch über den Umzug des Bezirksamts, die geplante Flüchtlingsunterkunft in Duvenstedt und darüber, warum der 63-Jährige im Vergleich zu anderen Bezirkschefs selten in der Öffentlichkeit gesehen wird.

MOPO: Viele Bezirkschefs weihen Parks ein. Wieso sieht man Sie so selten in der Öffentlichkeit, manch einer spricht schon vom „Phantom von Wandsbek“?

Thomas Ritzenhoff: Das ist eine falsche Wahrnehmung, ich nehme Sie gerne zu den Terminen mit. Für den Januar 2025 sind bereits vier und für den Februar drei Pressetermine in Planung.

Wo trifft man Sie denn?

Den Job mache ich schon lange genug, da muss ich nicht zum 15. Mal zum selben Neujahrsempfang gehen, sondern ich verteile es über den gesamten Bezirk. Ich lasse mich auch nicht immer ablichten, wenn ich zum Beispiel einen Verein besuche. Die meisten Akteure kennen mich, da habe ich kein schlechtes Gewissen. Im Januar und Februar haben wir aber wieder draußen Termine.

Apropos draußen: Die neue Bezirkskoalition hat den Bau neuer Radwege gestoppt. War’s das mit der Verkehrswende in Wandsbek?

Die Kunst besteht darin, eine kluge Lösung für alle zu finden. So steht es im Koalitionsvertrag. Wer in Duvenstedt wohnt und in die Oper will, der hat mit Rad und Bus eine Herausforderung, deswegen wird er immer ein Auto brauchen. Ich sehe das mit Gelassenheit, man muss sich jede Straße einzeln anschauen.

Wenn Sie sich die Straßen anschauen: Hat Wandsbek ein Parkplatzproblem? Immerhin will die neue Koalition in den ersten 100 Tagen mindestens 300 neue Parkplätze schaffen.

In den Bürgersprechstunden nehme ich wahr, dass die Straßen zugeparkt sind.

Das heißt, es braucht mehr Parkplätze?

Es besteht Bedarf. Dahinter stecken auch andere Themen: Muss ich den Parkplatz auf dem eigenen Grundstück haben oder stelle ich den Wagen auf die Straße, weil mein Vorgarten dann schöner ist?

Das ist doch aber nicht wirklich oft der Fall …

Vielleicht. Das Thema ist komplex. Wir haben keine Stellplatzpflicht mehr, also stehen die Autos auf der Straße. Ich glaube das Thema Parkplätze wird die Leute noch Jahre bewegen.

Wie sind Sie denn im Bezirk unterwegs?

Ich gehe meist zu Fuß. Zu manchen Terminen fährt mich mein Fahrer mit dem E-Auto, zu anderen fahre ich mit dem Nahverkehr. Privat fahre ich sehr selten mit dem Auto, nur mal zum Einkaufen oder am Wochenende an die Ostsee.

Thomas Ritzenhoff
Wandsbeks Bezirksamtsleiter Thomas Ritzenhoff (SPD) im Gespräch mit den MOPO-Redakteurinnen Annalena Barnickel (r.) und Ann-Christin Busch.

Kürzlich musste aus Sicherheitsgründen die Zahlstelle im Bezirksamt schließen, die Kantine ist auch dicht. Wie marode ist das Gebäude wirklich?

Marode ist es nicht. Die technischen Voraussetzungen für die Zahlstelle haben sich deutlich verschärft und wir haben nur noch wenige Zahlungen. Die Kantine rechnet sich nicht mehr, weil nach Corona viele Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten.

Was sind diese technischen Voraussetzungen?

Wir haben dort zum Beispiel einen mindestens 65 Jahre alten Tresor, der nicht mehr repariert werden kann und bräuchten auch neue Sicherheitstechnik. Das lohnt sich wirtschaftlich nicht.

An den Servicestellen beklagen viele Bürger währenddessen lange Wartezeiten, egal ob Geburts- oder Sterbeurkunden. Wie groß ist die Personalnot?

Wir sind selbst nicht damit zufrieden, dass die Leute warten müssen. Urkunden dürfen nur von Standesbeamten ausgestellt werden. Wir hatten leider das Drama, dass nahezu zeitgleich drei Standesbeamte gegangen sind – das ist der Rückstand, der uns weiter begleitet. Die Ausstellung von Sterbeurkunden wird jetzt von anderen Ämtern temporär übernommen, damit wir wieder aufholen können. Da bin ich optimistisch, denn jetzt sind alle Stellen besetzt.

Nun zieht das Amt ins Karstadt-Haus am Markt um. Warum? Und was passiert dann mit dem Gebäude hier?

Das Wandsbeker Rathaus und unsere Räume Am Alten Posthaus und im Schloßgarten bleiben selbstverständlich erhalten. Wir brauchen aber mehr Platz für Personal im Kerngebiet. 2028/29 werden wir voraussichtlich mit drei Ämtern dorthin umziehen. Es wird dann aber ein Desk-Sharing-Modell geben, sodass nicht alle Mitarbeiter gleichzeitig vor Ort sind.

Das Quarree-Quartier soll bis 2027 umgestaltet werden. Reihenweise platzen derzeit Bauprojekte. Wird das Quartier noch gebaut?

Der Investor Union Investment wird das machen, da habe ich keinen Zweifel. Insgesamt sehen wir aber an den Bauanträgen, die wir bekommen, dass die Branche zögerlicher ist. Ich bin trotzdem optimistisch, dass wir die für Wandsbek dieses Jahr geplanten 1800 Genehmigungen für Neubauwohnungen schaffen werden.

Karstadt
Die historische Karstadt-Fassade von 1922 soll bei der Sanierung erhalten bleiben.

Nebenan am Bahnhof Wandsbek Markt gibt es regelmäßig Beschwerden über die Kriminalität und die Trinkerszene. Wann greifen Sie dort durch?

Die CDU spricht von 153 Polizeieinsätzen im ersten Halbjahr 2024 am ZOB Wandsbek Markt und 116 am U-Bahnhof Wandsbek Markt. Insgesamt sind dort aber 110.000 bis 140.000 Menschen täglich unterwegs. Es gibt keine wirkliche polizeiliche Lage. Wenn fünf Leute zusammenstehen und ein Bier trinken, mag ich das als Trinkerszene bezeichnen, aber es ist nichts Rechtwidriges, sondern allenfalls eine Belästigung. Aber es ist ärgerlich, wenn man das Gefühl hat, dort nicht längsgehen zu können. Das ist auch Thema des Runden Tisches in der Bezirkspolitik.

Warum hat man nicht eher eingegriffen und zum Beispiel Sozialarbeiter eingebunden?

Die Frage ist, ob es hilft, die Betroffenen vor Ort zu betreuen oder sie auf Angebote hinzuweisen. Ich habe gelernt, dass der Verweis auf Angebote besser ist und darüber kann man nachdenken.

Nicht nur der Bahnhof Wandsbek Markt, auch der Bahnhof in Farmsen gehört zu den gefährlichsten Bahnhöfen Hamburgs …

Das haben wir im Blick. Wir haben uns zum Beispiel mit der Verkehrsbehörde darüber unterhalten, dass dort mehr Beleuchtung eingerichtet werden soll.

In Steilshoop benötigt das Einkaufszentrum seit Jahren eine Sanierung. Wann passiert dort endlich etwas?

Wir haben jetzt ein Bebauungsplanverfahren gestartet und werden im Januar die Pläne öffentlich diskutieren. So ein Planverfahren dauert in der Regel zwei bis drei Jahre.

Warum hat der Bezirk jahrelang zugesehen, wie der dänische Investor das Einkaufszentrum hat verrotten lassen?

2011 war eines meiner ersten Gespräche als Bezirksamtsleiter mit dem Investor, weil die Situation ausgesprochen schwierig war. Vorher hatte die Stadt darüber diskutiert, dass dort die Stadtbahn fahren soll. Darum hatte er Interesse an dem Einkaufszentrum, als das Thema beendet war, wurde es schwierig. Nachdem das Gebäude dann verkauft wurde, ist der neue Investor aktiv auf uns zugekommen.

Es geht nicht nur um das EKZ, auch die Wohnungen darüber sind in einem beklagenswerten Zustand. Wie konnte es so weit kommen?

Da haben Sie immer über das Ekel-EKZ berichtet, das war nicht hilfreich. Gespräche, die man führt, müssen davon geprägt sein, dass man nicht ständig in der Zeitung steht.

Das Einkaufszentrum Steilshoop wurde seit 50 Jahren nicht erneuert.
Das Einkaufszentrum Steilshoop wurde seit 50 Jahren nicht erneuert.

Die Mieter wohnen aber wirklich in schlimmen Zuständen. Als Presse ist es auch die Aufgabe, auf diese Missstände aufmerksam zu machen.

Ja, die Zustände sind schwierig, aber manchmal ist das auch differenzierter. Wir haben die Wohnungen auch gesehen, hier muss sich etwas ändern.

Warum hätte der Vermieter aufgrund von Artikeln sagen sollen, er verhandelt nicht weiter?

Das ist psychologisch relativ einfach. Er sagt dann: Ich kann es doch keinem recht machen.

In Duvenstedt ist eine Flüchtlingsunterkunft für bis zu 320 Menschen geplant. Doch der Bau verzögerte sich wegen des Widerstands der Anwohner. Haben Sie dafür Verständnis?

Einwände haben die Anwohner an jeder Stelle. Es gibt keine Unterkunft, bei der die Anwohner nicht zu Recht nachfragen. Riesige Konflikte haben wir da aber nicht. Den Protesten wurde Rechnung getragen. Aktuell sind wir im Genehmigungsverfahren.

Was hat sich verändert im Vergleich zur Planung vorher?

Die Größe ist dieselbe geblieben. Ursprünglich wurde die Erschließung der Flüchtlingsunterkunft über den Parkplatz des dortigen Freibads geplant. Dies hätte allerdings zu Einschränkungen für die Bürgerinnen und Bürger hinsichtlich der Erreichbarkeit des Freibads sowie des Eiscafés geführt. Aus diesem Grund wurde umgeplant, sodass der Parkplatz des Freibads nun unberührt bleibt.

Seit 13 Jahren sind Sie Bezirkschef von Wandsbek. Im vergangenen Jahr wurden sie wiedergewählt und es hieß, dass Sie nach der Hälfte ihrer Amtszeit in Pension gehen – also 2026. Treten Sie dann ab?

Bevor es die Koalition gab, haben wir darüber geredet, wie man einen geregelten Übergang machen kann. Die Rede war nie von der Mitte der Wahlperiode. Ich bin bis 30. Juni 2029 ernannt und meine Altersgrenze ist im April 2028 erreicht. Mehr gibt es heute dazu nicht zu sagen.

Was wollen Sie vorher noch umsetzen?

Ich begleite noch den Umzug ins Karstadt-Gebäude. Wichtig ist mir auch, dass die Bürger trotz der Digitalisierung strukturierte Beratungsangebote vor Ort haben. Die Digitalisierung führt dazu, dass wir uns weiter voneinander entfernen, das müssen wir ausgleichen.

Herr Ritzenhoff, eine letzte Frage: Was hat es mit dem Trampolin in Ihrem Büro auf sich?

2018 hatte ich innerhalb von fünf Wochen drei Operationen an meiner Bandscheibe. Das Trampolin stärkt den Rücken, wenn man darauf steht. Das ist nicht die Spielecke, sondern hat einen ernsten Hintergrund.