„Otte 60“: Der unendliche Streit um neue Wohnungen im Hinterhof
So still, wie der riesige Innenhof im Herzen von Ottensen daliegt, so lautstark wird um die Bebauung der Fläche gestritten – und das seit 2009. Nach einigen Jahren Dornröschenschlaf nimmt die Debatte derzeit wieder Fahrt auf: Das Bauunternehmen Otto Wulff hat das Gelände gekauft und präsentierte seine Pläne, die unter den Bezirkspolitikern ein geteiltes Echo hervorrufen – und bei den Anwohnern einhelliges Entsetzen. Die Gegner haben nun einen Alternativvorschlag.
Das Areal zwischen Friedensallee, Hohenzollernring, Großer Brunnenstraße und Behringstraße war einmal ein weitläufiger Gewerbehof. Verfallene Schuppen, efeuüberwucherte Werkstätten und leerstehende Garagen zeugen noch von einstiger Betriebsamkeit. Inzwischen hören die Anwohner nur noch Vogelgezwitscher und ab und zu das Klopfen eines Spechtes. Die zusammengewürfelten Kleinbauten sollen nun weg und Platz machen für fünf Gebäude in Holzhybrid-Bauweise mit Gründächern, 15 Meter hoch, mit Platz für 155 Wohnungen, mit Kita und gruppiert rund um einen grünen Quartiersplatz.
Klingt idyllisch, aber: Was das Hamburger Bauunternehmen da plant – vier Geschosse plus Staffelgeschoss – das ist deutlich mehr Baumasse als die 75 Wohnungen im Innenhof, die die Anwohner vor zehn Jahren mit dem Bezirk ausgehandelt haben. Die Einigung war schon damals dermaßen unattraktiv für Investoren, dass die Anwohner die nächsten Jahre erstmal Ruhe hatten. Entsprechend sauer sind die Mitglieder der Initiative „Otte 60“ (der Name nimmt Bezug auf den Ottensener Bebauungsplan mit der Nummer 60) nun über die neuen Pläne. Anwohner Detlef Brunkhorst betont, dass niemand den Bau neuer Wohnungen verhindern wolle: „Wir sind aber dagegen, dass einzig der Plan mit der Maximalforderung des Investors zur Diskussion gestellt wird.“
Sorgen um Verschattung
Die Anwohner sorgen sich wegen der Verschattung durch die hohen Gebäude und fragen sich, wo die Bewohner von 155 neuen Wohnungen ihre Autos in dem ohnehin komplett vollgestellten Ottensen parken sollen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Als ganz am Anfang, vor vielen Jahren, einmal eine Tiefgarage angedacht war, sorgten sich die Anwohner wegen des befürchteten Verkehrslärms im Hof.
Dass es nur der Wulff-Entwurf in die gesetzlich vorgeschriebene „öffentliche Plandiskussion“ geschafft hat, ist politisch gewollt: Eine Mehrheit aus Grünen, CDU und FDP in der Bezirksversammlung hat so entschieden. Die SPD hatte einen Alternativvorschlag eingereicht, für den sich auch die Anwohner schließlich erwärmen konnten: alles eine Nummer kleiner, nur drei Vollgeschosse plus Staffelgeschoss und nur rund 100 Wohnungen. „Das ist endlich ein Kompromiss vor, der Wohnungsbau ermöglicht und zugleich Rücksicht auf die bestehende Nachbarschaft nimmt“, lobt der SPD-Abgeordnete Dennis Mielke.
So einträchtig war das Verhältnis zwischen SPD und Anwohnern nicht immer: Als die SPD-Fraktion Altona 2016 vorschlug, im Hinterhof 170 Flüchtlingswohnungen zu bauen, hatten auch die Sozialdemokraten die streitbaren Anwohner am Hals. Der Hof durfte weiterschlummern.
SPD-Vorschlag fand keine Mehrheit
Das Problem: In der Bezirksversammlung Altona konnte die SPD keine Mehrheit für ihren Kompromiss zusammenbringen, denn obwohl SPD und Grüne zwar seit Jahren Hamburg regieren, sind die Parteien in Altona einander herzlich abgeneigt. Bezirksamtschefin Stefanie von Berg ist zwar von den Grünen, regiert den Bezirk aber mit wechselnden Mehrheiten – und Grün stimmt in Altona gerne mal zusammen mit der CDU ab. Anwohner Brunkhorst fühlt sich von der Politik veräppelt: „Es soll Bürgerbeteiligung geben, aber dann wird der Vorschlag, den die Bürger unterstützen, einfach so von den Grünen und der CDU vom Tisch gewischt.“
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Der Grünen-Abgeordnete Christian Trede weist den Vorwurf der Bürgerfeindlichkeit zurück: „Bürger sind ja nicht nur die Anwohner, sondern auch die Menschen, die dringend eine Wohnung suchen.“ Was die SPD da vorgeschlagen habe, das rechne sich angesichts der extrem gestiegenen Baukosten nicht: „Das ist Wahlkampfgetöse.“