Operationsplan Deutschland: Wie sich Hamburg auf einen Krieg mit Russland vorbereitet
Wir schreiben das Jahr 2029. Russland verlegt massiv Truppen an die Grenze zum Baltikum. Die NATO rechnet mit einem Angriff, setzt daraufhin Hunderttausende von Soldaten in Marsch, die Putin vor Augen führen sollen: „Wenn du es wagst, lassen wir das nicht unbeantwortet.“ In dieser Situation fällt im Raum Hamburg plötzlich für Tage flächendeckend der Strom aus – Folge eines Cyberangriffs. Das öffentliche Leben kommt zum Stillstand. Ohne Elektrizität ist es den Bürgern nicht mal mehr möglich, sich mit Lebensmitteln zu versorgen – denn die Supermarkttüren lassen sich nur elektrisch öffnen …
Ein Horrorszenario, das der Fantasie eines Thriller-Autors entsprungen ist? Nein, was wir uns da ausmalen, könnte schon bald Realität sein. Hier, in unserer Stadt.
Von Freunden umzingelt sei Deutschland, so glaubten wir jahrzehntelang, sparten die Bundeswehr kaputt, verwandelten Kasernen in Wohnquartiere und rissen Bunker ab. Wer uns noch vor wenigen Jahren gesagt hätte, es drohe ein Krieg Russlands gegen die NATO, dem hätten wir den Besuch eines Psychiaters empfohlen. Und nun? Nun bereiten sich Bundeswehr und Behörden mit Hochdruck auf einen bewaffneten Konflikt vor.
Was, wenn Aldi und Rewe aufgrund eines Angriffs auf die Stromversorgung nicht öffnen können?
Der sogenannte „Operationsplan Deutschland“ ist streng geheim, hat 1000 Seiten und legt genau fest, was im Ernstfall zu geschehen hat. Dabei spielt Hamburg als Hafenstadt eine herausragende Rolle. Der Plan listet beispielsweise Bauwerke und Infrastruktureinrichtungen auf, die aus militärischen Gründen schützenswert sind. Was tun, wenn verbündete Truppen durch unsere Stadt müssen? Was, wenn Aldi und Rewe aufgrund eines Angriffs auf die Stromversorgung nicht öffnen können, die Straßen von Militärkolonnen verstopft sind und wegen eines Terroranschlags auch die Wasserversorgung zusammenbricht?
Die Rolle der Wirtschaft ist in dem „Operationsplan“ klar umrissen. In der Handelskammer Hamburg hat bereits eine erste Veranstaltung stattgefunden, in der Unternehmen „aufgerüttelt“ wurden. „Bilden Sie auf 100 Mitarbeiter mindestens fünf zusätzliche Lkw-Fahrer aus, die Sie nicht benötigen“, lautete ein Vorschlag an die Adresse von Speditionen. Denn wer fährt die Brummis, wenn die Fahrer – zwei Drittel kommen aus Osteuropa – in der Heimat zu den Waffen gerufen werden? Auch sollten Unternehmen darüber nachdenken, wie sie sich unabhängig machen können vom Stromnetz – durch einen Dieselgenerator oder ein Windrad etwa. Aber auch jeder einzelne Bürger ist gefragt: Sinnvoll wäre es, wenn alle sich mit Lebensmitteln und Wasser eindecken – um im Ernstfall mindestens zehn Tage ohne Versorgung von außen klarzukommen.
„Moskau ist Ende der 20er Jahre in der Lage, einen Angriff gegen die NATO zu wagen“
Alles nur Panikmache? Kriegstreiberei? Nein. Die deutschen Geheimdienste beobachten seit Beginn des Ukrainekrieges verstärkt Spionage und Sabotage aus Russland. Beschädigte Glasfaserkabel auf dem Grund der Ostsee, Cyberangriffe auf Behörden und den Bundestag, Brandanschläge auf Rüstungsunternehmen – laut Bundesnachrichtendienst (BND) ist ein „bisher unbekanntes Niveau“ an Provokationen und Aktivitäten erreicht. Putin wolle die Bündnisbereitschaft in der NATO testen, glaubt BND-Chef Bruno Kahl. Außerdem rüste Moskau so massiv auf, dass das Land Ende der 20er Jahre in der Lage sei, einen Angriff gegen die NATO zu wagen.
So sieht es auch Kapitän zur See Kurt Leonards. Der 56-Jährige ist seit Dezember neuer Kommandeur des Landeskommandos Hamburg und berichtet im Gespräch mit der MOPO davon, dass Russland aktuell 50 Prozent seiner Panzer, Flugzeuge und Raketen für den Ukraine-Krieg produziere. Die anderen 50 Prozent wanderten ins Depot – für einen möglichen Angriff in vier, fünf Jahren aufs Baltikum, Polen oder die Republik Moldau. Alles komme jetzt darauf an, dass die NATO ein glaubwürdiges Abschreckungsszenario aufbaue. „Leonards: Wir müssen uns vorbereiten auf einen Krieg – um ihn zu verhindern.“
Im Kalten Krieg war Deutschland Frontstaat. Wäre er zu einem heißen Krieg geworden, hätte Deutschland als Schlachtfeld gedient. Das sei, so Leonards, in der zukünftigen Auseinandersetzung, „die wir durch Stärke verhindern wollen“, anders. Diesmal sei Deutschland vor allem Aufmarschgebiet. „In den nordwestdeutschen Häfen kommen die Verstärkungskräfte an, die dann per Straße, Schiene oder in der Luft einmal quer durchs Land an die Ostgrenze der NATO verlegt werden.“
Im Ernstfall würde Hamburg zu einem großen Drehkreuz für Zigtausende NATO-Soldaten werden
Hamburg würde in einem solchen Ernstfall zu einem großen Drehkreuz für Zigtausende NATO-Truppen werden. Genau das war Ende September Gegenstand der Übung „Red Storm Alpha“: Geprobt wurde die Absicherung eines Hafenkais, während ein (fiktives) alliiertes Schiff, beladen mit Panzern und Radfahrzeugen, gelöscht wurde. Anfang kommenden Jahres soll eine weitere Übung folgen, bei der die Hauptrolle erneut die 360 Freiwilligen der drei Hamburger Heimatschutzkompanien spielen werden – „Red Storm Bravo“ soll dann der Codename lauten. Übrigens: Der Heimatschutz wird in den nächsten Jahren ausgebaut – 600 Bewerber stehen allein auf der Hamburger Warteliste.
„Deutschland und seine Bevölkerung müssen wehrhafter und resilienter werden, um gegen Bedrohungen von Aggressoren gewappnet zu sein“, so Kapitän zur See Leonards, aber diese Herausforderung könne nicht rein militärisch gemeistert werden. „Um überzeugend abschrecken zu können, sind wir auf die zivilen Behörden angewiesen.“ In Hamburg laufe die Zusammenarbeit großartig, lobt er. „Wir befinden uns in einem fast täglichen Austausch mit der Innenbehörde und machen uns in gemeinsamen Arbeitsgruppen Gedanken darüber, was alles nötig ist, um im Ernstfall einen Aufmarsch von mehreren 100.000 Soldaten zu bewerkstelligen: Welche Straße, welche Brücke können wir nutzen, welche nicht?“
Auch die Hamburger Innenbehörde macht sich gerade fit für die neue Bedrohungslage. Der gesamte Katastrophenschutz wird umgebaut, um gewappnet zu sein gegen Cyberangriffe, Desinformation, Spionage und Sabotage. Eine „Abteilung für Krisenbewältigung und Bevölkerungsschutz“ mit 40 neuen Stellen wird geschaffen, so Behördensprecher Daniel Schaefer zur MOPO. Auch das Landesamt für Verfassungsschutz wird zur verstärkten Aufklärung von Spionage- und Cyberaktivitäten um sieben zusätzliche Stellen ausgebaut. Fünf neue Mitarbeiter erhält das LKA – Spezialisten für die Bereiche Spionage und Sabotage.
„Kriegen wir eine überzeugende Abschreckung hin, brauchen wir keine Angst zu haben“
Das alles zeigt, wie ernst die Lage auch in der Innenbehörde eingeschätzt wird. Doch die Vorbereitungen gehen noch weiter: Gemeinsam mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe wird in ganz Deutschland – und auch in Hamburg – ein Schutzraumkonzept erarbeitet – für den Fall, dass tatsächlich Bomben und Raketen niedergehen. Systematisch wird jetzt erfasst, in welche U-Bahnhöfe, Tiefgaragen oder Keller von öffentlichen und privaten Gebäuden sich Bürger im Kriegsfall retten können.
Müssen die Bürger Angst haben? Angst vor einem Krieg mit unabsehbaren Folgen? „Wenn es uns nicht gelingt, eine glaubwürdige Abschreckung hinzubekommen, dann gibt es wirklich Grund zur Sorge“, so Kapitän zur See Kurt Leonards zur MOPO. „Aber ich bin Optimist. Es kommt jetzt darauf an, die Gesellschaft, die über Jahrzehnte überhaupt gar kein Bedrohungsgefühl mehr hatte, für die Notwendigkeit der Abschreckung zu sensibilisieren. Dann wird Putin sehen, dass das Risiko eines Angriffs zu groß ist – und es lassen.“