Olympia in Hamburg: Was für Spiele spricht, was dagegen
Die Stadt steht vor einer der derzeit umstrittensten Entscheidungen: Ja zu einer Olympia-Bewerbung Hamburgs – oder nein? Und was bringt Olympia wirklich – neuen Schwung oder neue Probleme? Im MOPO-Streitgespräch diskutieren Olympia-Befürworter Uwe Bergmann und Gegner Eckart Maudrich über Kosten, Klima, Sicherheit, große Gefühle – und die Frage, wer am Ende wirklich profitiert. Für alle Hamburger, die sich noch ein Urteil bilden wollen:
MOPO: Ist Olympia für Hamburg eine riesige Chance – oder ein zu großes Risiko?
Eckart Maudrich: Mir machen die Spiele Kopfschmerzen. Nur sehr wenige Hamburger können im Stadion dabei sein, aber die Spiele kosten alle viele Milliarden Euro. Das führt zu Kürzungen in Bildung, Sozialem oder Kultur.
Uwe Bergmann: Ich sehe eine historische Chance für Hamburg, Impulse zu setzen, die die nächsten Generationen nutzen und wertschätzen werden.
Maudrich: Was zukünftigen Generationen wirklich nützt, ist die Klimaneutralität 2040. Das ist das Lagerfeuer, um das wir uns versammeln sollten. 2040 will Hamburg nur 0,4 Millionen Tonnen CO₂ ausstoßen, aber die Olympischen Spiele in Paris haben 2,1 Millionen Tonnen verursacht.
Bergmann: Ja, der Klimaentscheid ist noch bedeutsamer, aber er wurde nicht von allen bejubelt. Gerade jetzt brauchen wir ein gemeinsames Ziel. Die Olympischen und Paralympischen Spiele sollen hier in Hamburg sogar klimapositiv werden und können ein toller Treiber für die Klimaziele sein.
Maudrich: Die Frage ist, ob Ziel und Maßnahmen zusammenpassen. Eine CO₂-Schätzbilanz gibt es ja noch gar nicht.
Bergmann: 14 Jahre vorher alle Antworten exakt kennen zu wollen, ist der falsche Ansatz. Man muss das große Ganze sehen.
Maudrich: Sie sprechen von 14 Jahren, aber wir bewerben uns für 2036, 2040 und 2044. Für 2036 bricht das Konzept aber zusammen: Das Dorf und die S-Bahn wären nicht fertig, beim Mega-Projekt U5 ist 2040 geplant und es kann einiges schiefgehen. Es gäbe dramatische Kostenexplosionen, damit es halbwegs klappt.
Bergmann: Wenn wir früher fertig werden müssen, wird es teuer, das stimmt. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass die Spiele 2036 nach Hamburg kommen. Wir haben zudem die Zusage vom Bund, dass er sich bei der Finanzierung engagiert. Sie pochen darauf, dass es noch keine Zahl gibt. Aber mir ist es so lieber, denn voraussichtlich wird in Zukunft alles teurer, und da kann eine konkrete Zahl ein Hindernis sein. Wichtig ist, dass der Bund sich verpflichtet hat.
Maudrich: Der Bund könnte einen prozentualen Förderbetrag nennen. Vergleichbare Projekte erhielten ein Drittel.
Bergmann: Ich bin mir sicher, dass wir eine Finanzierung aufbauen. Wir sind eines der wirtschaftsstärksten Länder der Welt.
MOPO: Wer trägt die Last – und wer profitiert?
Maudrich: Ein Sport-Event im Stadion zu erleben, ist natürlich schöner als auf dem Sofa. Das werden sich aber nur wenige leisten können. Eine Schieflage gibt es zudem in der Frage, wo das Geld hinfließt: Es geht nur ein Bruchteil des Budgets, 167 Millionen Euro, in die Breitensportanlagen. Dabei lernen Kinder in lokalen Vereinen, was Teamgeist und Fairness heißt.
Bergmann: 167 Millionen Euro sind viel Geld. Und solche Events setzen Impulse für die Sportbegeisterung. Als Boris Becker Wimbledon gewann, wollten alle Tennis spielen. Außerdem betrifft Olympia die ganze Stadt: Wenn wir uns der Welt zeigen, ziehen wir spannende Unternehmen und Menschen an. Hamburg ist für mich eine Schöne, die noch wachgeküsst werden muss. Wir Hamburger denken, wir sind der Nabel der Welt. Dem ist aber nicht so. Wir haben die Chance auf einen Imagegewinn, der mit normalem Stadtmarketing nicht aufzuwiegen ist. Denken wir an das Sommermärchen 2006: Wie wenig Menschen saßen in Fußballstadien und wie viele Millionen waren begeistert. Ich habe gesehen, wie sich unterschiedlichste Menschen mit Deutschlandtrikot umarmt haben. Diese Kraft hat der Sport.
Das könnte Sie auch interessieren: 3000 Euro weg! Das Betrüger-Netzwerk der Notfall-Handwerker
Maudrich: Es gibt andere Events, die nicht 75.000 Sicherheitskräfte benötigen. Beim Turnfest kommen siebenmal so viele Athleten zusammen und die European Championships, ein Spitzensportevent, sind mit 60 Millionen Euro für Hamburg bezahlbar.
Bergmann: Olympia ist absolut herausragend. Es ist das größte internationale Treffen von Spitzensportlern der Welt und das größte Friedensfest. Deswegen haben wir unsere Initiative aus der bürgerlichen Mitte gegründet. Wir wollen die Hamburger aktivieren.
Maudrich: Sie sagen „bürgerliche Mitte“. Natürlich sind Sie als Event-Betreiber auch ökonomisch unmittelbar interessiert. Genauso wie Neuland Concerts, die schon für den Senat an der Bewerbung arbeiten.
Bergmann: Ich sitze hier nicht aus ökonomischen Interessen, sondern weil ich sportbegeistert bin und es für eine Investition in die Zukunft halte.
MOPO: Was würde Olympia für Hamburger im Alltag konkret bedeuten: für Verkehr, Mieten und Sicherheit?
Bergmann: Sicherheit muss sein, keine Frage. Laut der Stadt stehen die Sicherheitskosten noch nicht fest. Ich bin aber skeptisch, wenn Gegner mit Milliardenbeträgen an Zusatzkosten argumentieren, schließlich kann der bestehende Staatsapparat genutzt werden. Dafür ist er da.
Maudrich: Bremen kann solche Sonderkosten für Hochrisikospiele berechnen. Da könnte Hamburg von lernen. Zum Verkehr: Das IOC hat in jeder Stadt darauf beharrt, dass es Sonderspuren gibt. Hamburg sagt, wir wollen das nicht, aber laut DOSB sind die Spuren schon berechnet. Das ist nicht offen auf dem Tisch, aber es wird kommen. Und weil wir eine kleine Stadt sind, kommen beispielsweise Pflegedienste nicht so leicht durch.
Das könnte Sie auch interessieren: Gerade erst energetisch saniert: Mieter müssen raus, Wohnhaus wird abgerissen
Bergmann: Ja, es kann eng werden. Meine Güte, wenn ich eine Party veranstalte, ist meine Toilette auch mal besetzt, weil da gerade ein Gast drauf ist. Das finde ich nicht so schlimm. Man wendet Energie auf, aber man hat auch Freude.
Maudrich: Zu den Mieten: Studien zufolge sind in einem Radius von fünf Kilometern um Wettkampfstätten in London Mieten gestiegen, in Sydney war es flächendeckender. Wir können uns darauf einstellen, dass es Einfluss hat.
Bergmann: Diese Angst kann ich verstehen. Mieten dürfen nicht steigen. Die Politik muss das reglementieren. Wir haben aber 14 Jahre Zeit, um das in den Griff zu bekommen.
MOPO: Perspektivwechsel – wo sehen Sie die größte Schwäche des Senatskonzepts, Herr Bergmann?
Bergmann: Die Belastung für die Stadt ist sehr groß und davor habe ich Riesenrespekt. Dass man mit Finanzen gut umgehen muss, ist für mich klar.
MOPO: Und wo sehen Sie den größten Vorteil, Herr Maudrich?
Maudrich: Ganz klar die Investitionen in die Breitensportanlagen, die 167 Millionen. Die fließen auch in Ausbau und Modernisierung der bestehenden Anlagen. Das ist der wirklich nachhaltige Schub für den Sport.
MOPO: Was würde Ihre Meinung zu Olympia ändern?
Maudrich: Ein nicht so korrupter Partner. Und wenn sich das IOC mehr an den Kosten beteiligen würde. Es ist deren Event, es gibt keinen Grund, warum sie nicht die Sicherheitskosten zahlen.
Bergmann: Ich wäre dagegen, wenn ich das Gefühl hätte, dass die Spiele von Leuten konzipiert werden, die einen kompletten Eigennutzen haben, und den Eindruck hätte, dass Korruption im Spiel ist.
MOPO: Was ist Ihr Appell an die Hamburger?
Maudrich: Olympia ist für die wenigsten Hamburger ein leistbares Event. Es wird vier bis fünf Milliarden Euro Defizit erwirtschaften. Und das knallt voll in andere Bereiche – von Sozialem über Bildung bis Wohnungsbau und Kultur. Deshalb: unbedingt „Nein“ sagen.
Bergmann: Die Spiele bieten uns die Riesenchance, diese Stadt weiterzuentwickeln. Investitionen werden wir mehrfach zurückverdienen, wenn wir auf die nächste und übernächste Generation schauen. Wir können die Stadt mit Zuversicht in der Zukunft zum Positiven verändern.