Olympia in Hamburg: Riesenchance für alle oder sauteures Reichenprojekt?
Als Leiter der Stadtteilschule Alter Teichweg in Dulsberg kämpft Björn Lengwenus für die Rechte von Kindern aus einem sozial benachteiligten Viertel. Und auch Heike Sudmann hat als Linken-Politikerin die Interessen von Armutsbetroffenen im Blick. In Bezug auf Olympia sind sie sich dennoch völlig uneins.
MOPO: Ist Olympia wirklich eine Chance für alle, wie der Senat verspricht?
Sudmann: Definitiv nicht. Sehr viele Menschen werden davon nicht profitieren, geschweige denn daran teilnehmen, weil es sehr teuer wird.
Lengwenus: Doch. Sport eignet sich wahnsinnig gut dafür, Menschen zusammenzubringen. Er schafft eine Emotion, die eine Gesellschaft verändern kann. Kultur und Sport – mehr Möglichkeiten, so institutionalisiert große Feste zu feiern, gibt es doch gar nicht.
Sudmann: Ich würde die Hamburger:innen ja gern dauerhaft zusammenbringen, gerade mit Sport. Aber in meiner Luruper Trainingshalle haben wir seit Monaten keine Klobrille, das Licht flackert wie blöde. Wenn so viel Geld für Olympia ausgegeben wird, fehlt es für den Breitensport.
Lengwenus: Die Spiele sind doch gerade eine Chance, Hallen zu ertüchtigen. Die Emotionen aus so einem Event sind Grundlage für den Breitensport. Bei der EM hatten wir bei uns ein Festival mit 4000 Menschen. Das war weit weg von den Stadien, aber mit einer ganz besonderen Stimmung.
Sudmann: Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft stellt aber fest, dass Leistungssport keinen nachhaltigen Effekt auf den Breitensport hat. Das ist wie ein Neujahrsvorsatz: Ich fange an und höre schnell wieder auf.
Wie würden Ihre Schüler von Olympia profitieren?
Lengwenus: Wir erhoffen uns zusätzliche Sporthallen. Und Gemeinschaft. Wir haben über 80 Nationen an unserer Schule. Wir haben Leistungssportler, sind aber einer der sozioökonomisch schwächsten Stadtteile. Damit der Alltag funktioniert, brauchen auch wir Leuchtturmaktionen. Auch wenn es rund eine Million günstige Tickets nach Pariser Vorbild geben soll, ist das für mich gar nicht die Hauptsache. Mein Vorschlag ist, olympische Quartiere in Stadtteilen zu machen, die sonst oft außen vor sind. Die Vorstellung, dass Menschen aus aller Welt jeden Tag in einem anderen Stadtteil eine andere Kultur feiern, berührt mich total.
Sudmann: Mich berührt es, wenn ich sehe, wo überall Häuser der Jugend fehlen. Der Senat bespielt nur Emotionen und will nicht übers Geld reden. Aber das ist der Knackpunkt. 167 Millionen Euro gehen in den Breitensport, aber über 650 Millionen Euro allein in den Rückbau der temporären Anlagen. Das Geld können wir besser anlegen.
Lengwenus: Ich erwarte, dass eine Stadt stärker wird. Sie wird ausgebaut, Steuereinnahmen werden generiert. Niemand weiß heute genau, was Olympia kosten wird, aber eine Stadt muss in so etwas investieren.
Sudmann: Der Traum von Steuereinnahmen wird sich nicht bewahrheiten. In Paris gab es nur 0,07 Prozent Wirtschaftswachstum.
Lengwenus: Ich muss ab und zu Geburtstag feiern. Das kostet, aber Freunde kommen zusammen, einer verliebt sich, und es gibt neue Freundschaften.
Sudmann: Aber Sie überlegen sich doch, wen Sie einladen und wie viele Getränke Sie brauchen. Dann machen Sie einen kleinen Risikoaufschlag und…
Lengwenus: Nee, so mache ich meine Geburtstagsfeier nicht. (lacht)
Sudmann: Sie müssen doch gucken, wie Sie das bezahlen! Wenn ich jahrelang Schulden abbezahlen muss, bedanken sich meine Erben und Erbinnen und nochmal feiern kann ich nicht. Olympia kostet sechs Milliarden Euro plus und die öffentlichen Kassen sind klamm. Und der Wohnungsmarkt wird noch enger, weil mehr Menschen ihre Wohnung als Airbnb anbieten. Mieten steigen.
Haben Sie keine Angst vor steigenden Mieten, Herr Lengwenus? Das trifft gerade die Schwächsten.
Lengwenus: Ich habe immer Angst vor steigenden Mieten. Aber Sie bei den Linken spielen die Dinge gegeneinander aus. Ihre Plakate haben mich aufgeregt: Wenn ich für Olympische Spiele bin, soll ich dagegen sein, dass Kinder ein Mittagessen bekommen? Das ist populistisch.
Sudmann: Sie sind dagegen, dass das Geld jetzt investiert wird. Sie könnten mit diesen sechs Milliarden Euro in jedem Stadtteil eine Sporthalle bauen und Schwimmbäder dazu. Aber von Olympia kriegen nicht alle was ab.
Lengwenus: Dieses Geld steht ohne Olympia doch gar nicht zur Verfügung, weil es durch solche Ausgaben eben nicht refinanziert wird. Aber bei Olympia ist laut Senat ein Großteil durch Ticketverkäufe und Ähnlichem gedeckt – sogar mit Gewinn.
Sudmann: Falsch, der angebliche Gewinn verschwindet wegen der mehreren Milliarden, die Hamburg selbst, z.B. für Sicherheit oder Infrastruktur zahlen muss.
Lengwenus: Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Haben Sie mal Veranstaltungen erlebt, die Sie emotionalisiert haben?
Sudmann: Die Deutsche Ü50-Meisterschaft im Basketball, aber das war nicht so groß. Ich mag Massenevents nicht gerne.
Lengwenus: Beim Gedanken an einen olympischen Marathon oder Sport auf der Alster bekomme ich Gänsehaut. Ich mag das Deutschlandbild, das Hamburg abgeben würde.
Sudmann: Einen Marathon haben wir jetzt schon jährlich. Ich bin kein Fan davon, wenn die Alster so zugepackt wird. Auch ökologisch kann das nicht gut sein.
Lengwenus: Wir haben doch noch Zeit, die Spiele zu gestalten – nachhaltig und für alle.
Sudmann: Aber das IOC gibt Sachen vor, die genau so und so sein müssen. Und jedes Mal wird behauptet, das waren die nachhaltigsten Spiele. Die Klimabilanz von Paris passt nicht dazu.
Wie könnten auch Einkommensschwache profitieren?
Sudmann: Die Spiele sind vom IOC nicht für alle angelegt. Das fängt mit den Ticketpreisen an. Der Senat verspricht kostenlose Tickets, aber nicht, wie viele. Ich glaube, dass die Spiele dem Großteil der Bevölkerung, gerade in Stadtteilen, die sich abgehängt fühlen, am Allerwertesten vorbeigehen.
Lengwenus: Ich verspreche Ihnen, dass diese Spiele den Menschen auf dem Dulsberg nicht am Allerwertesten vorbeigehen werden. Es wird unsere Aufgabe, alle Menschen in dieser Stadt von den Spielen profitieren zu lassen.
Teilhabe meint nicht nur Geld. Was ist mit Barrierefreiheit?
Sudmann: Das muss jetzt kommen, nicht erst in 14 oder 18 Jahren. Und laut dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft treiben Sportgroßereignisse Inklusion nicht voran.
Lengwenus: Na klar würde ich mir wünschen, dass schon früher in den Köpfen ankommt, dass Inklusion ein Menschenrecht ist. Aber dafür braucht es einen Antrieb. Die Paralympischen Spiele hätten eine ungeheure Wirkung.
Sudmann: Ich glaube, die Menschen sehen Leistungssportler:innen, übertragen das aber nicht auf ihren Alltag. Und warum brauche ich für positive Effekte erst korrupte Organisationen wie das IOC?
Lengwenus: Es braucht Leuchtturmprojekte.
Sudmann: Damit ist es in Hamburg ja schwierig, siehe Elbtower oder Elphi.
Lengwenus: Die Elphi ist für unsere Schüler sehr bedeutend. Dort „Peter und der Wolf” zu schauen und dann auf Hamburgs Skyline – das sind Momente, die sie nicht vergessen. Die Elphi war teuer, aber ein Wahrzeichen.
Was sagen Sie unentschlossenen Hamburgern, um sie zu überzeugen?
Sudmann: Jede und jeder muss für sich entscheiden, ob er oder sie sagt: Ja, es wird teuer und wir haben danach viele Schulden, aber das ist es mir wert. Oder ob ich möchte, dass das Geld anders investiert wird. So oder so: Nehmt teil am Referendum.
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Lengwenus: Ich glaube, dass es für die Stadt teurer wird, wenn sie die Chance verstreichen lässt. Wenn ich in die Augen unserer Fünftklässler gucke, die trainieren und sich vorstellen, irgendwann zu den Olympischen Spielen zu fahren, ist das schön. Wir können diese Spiele zu unseren Hamburger Spielen machen. Lasst uns dieses Fest feiern.