Oll-Inklusiv-Chefin kriegt Bundesverdienstkreuz!
Alt werden und nichts mehr erleben? Nicht mit Mitra Kassai (53). Warum denn aufhören, das Leben zu feiern, nur, weil man früh ins Bett will? Dann trifft man sich eben nachmittags zum Tanztee in den coolen Kiezclubs, die dann ohnehin leer stehen. Oder man fährt Rikscha, geht mal ins Musical – „Oll inklusiv“ heißt Mitra Kassais Initiative, die ältere Menschen herausholt aus der Einsamkeit. Für ihr Engagement bekommt sie nun das Bundesverdienstkreuz. Die MOPO sprach mit der früheren Musik- und Kulturmanagerin über Falten, Sneaker und ihre „persönliche Chef-Seniorita“.
Mitra Kassai über….
… ihr Image als Strahlefrau: Ich weiß nicht, ob das ein Image ist. Für mich ist es eher eine Lebenseinstellung. Gesund zu sein, glücklich zu sein und jeden Tag als Chance zu begreifen, das ist für mich ein Geschenk. Deshalb ist „Find your dream“ auch nicht nur ein Spruch auf meiner Halskette, sondern mein Lebensmotto. Aber natürlich habe ich auch Tage, an denen ich nicht gut drauf bin. Die Sorgen der Welt sind ja auch meine. Aber grundsätzlich empfinde ich es als Geschenk, morgens aufzuwachen und sagen zu können: Ich bin da, ich lebe, ich kann etwas aus diesem Tag machen. Das sage ich den Senioren und Senioritas auch: „Genießt doch den Moment mit uns zusammen.“
… über das „Ollsein“: Alt ist oft erst einmal ein Bild, das von außen kommt. Es gibt junge Menschen, die wirken schon sehr oll, da denke ich: Leute, lebt doch einfach mal ein bisschen bunt, laut, kritisch. Und andere sind mit 80 oder 90 innerlich total lebendig. Altsein ist für mich eher eine Frage der Haltung.
… über Dinge, die man im Alter keinesfalls tun sollte: Auf keinen Fall sollte man denken: „Das lohnt sich alles nicht mehr.“ Keine neue Anschaffung, keine neuen Menschen, keine Ausflüge, keine neuen Orte. Das will ich nicht hören. Ich wünsche mir, dass Menschen neugierig bleiben, sich inspirieren lassen, sich auf andere einlassen und Teil der Gesellschaft bleiben.
… über ihre Mutter: Sie ist meine persönliche Chef-Seniorita und war diejenige, die mich auf die Idee zur gemeinnützigen Initiative „Oll Inklusiv“ gebracht hat. Sie hat gesagt: Mach doch mal etwas für unsere Generation. Für diese Alt-Hippie-Generation, für Menschen, die 1968 auf der Straße waren, Rock ’n’ Roll gehört haben und mit einem anderen Lebensgefühl älter geworden sind. Meine Mutter hat uns Kinder immer dazu erzogen, offen, neugierig und aktiv zu bleiben. Sie hat den Impuls gesetzt – und ich habe ihn dann umgesetzt.
… über die Altersgrenze für Sneaker: 104 Jahre!
… über Falten, Verlust, Verfall: Auch ich habe Falten, ich habe Verlust, auch ich gehe in die Breite – und das ist völlig in Ordnung, denn das ist der Lauf der Dinge und es gehört zum Leben dazu, dass man das akzeptiert. Ich muss nicht aussehen wie 25, will ich gar nicht.
… über das schönste Kompliment: Wenn jemand sagt: „Ich fand es so schön bei euch, ich habe gleich meine Nachbarin mitgebracht.“ Wenn Menschen wiederkommen und andere mitbringen, dann weiß ich, dass wir etwas richtig machen. Ein anderes großes Kompliment sind die Momente mit hochaltrigen Menschen aus Pflegeeinrichtungen oder Hospizen, die wir mit unserem Rikschaservice spazierenfahren. Wenn da plötzlich die Augen leuchten, da bekomme ich vor Glück eine Gänsehaut.
…. über den besten Song für einen Oll-Inklusiv-Tanznachmittag: „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros. Ich hatte die große, große Ehre, im Rahmen der Glow-Gala letzten Jahres Vicky Leandros treffen zu dürfen. Und diese Frau hat eine Aura, die hat eine Ausstrahlung, eine Ruhe, einen Glanz. Das Lied drückt aus, worum es mir geht: das Leben zu bejahen. Nicht naiv, nicht oberflächlich, sondern mit mit Brüchen, mit Traurigkeit, mit Verlust – und trotzdem mit Freude.
… über ihr eigenes Leben im Alter: Ich werde dieses Jahr 54 und tja, hätte mit 16 hätte ich jetzt auch nicht gedacht, dass ich mit 54 noch so cool bin wie heute. Aber check it out! Natürlich wünsche ich mir, nicht zu viele Krankheiten einzusammeln auf dem Weg. Aber grundsätzlich habe ich keine Angst vorm Altwerden und auch nicht vorm Sterben – aber ich habe keinen Bock auf Totsein. Das dauert mir zu lange.
… über den Begriff „Senioren und Senioritas“: Das ist im Austausch entstanden. Inspiriert hat mich dabei der Rapper Das Bo, mit dem ich lange zusammengearbeitet habe. Er sagte irgendwann „Seniorita“, und ich dachte sofort: „Senioren und Senioritas“ – das passt! Daran sieht man auch, dass gute Ideen oft in Gemeinschaft entstehen.
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… über das Bundesverdienstkreuz: Das ist für mich eine große Ehre, und ich bin sehr dankbar dafür. Aber sie gilt für mich nicht nur mir allein. Ohne mein ehrenamtliches Team wäre ich nichts. Und trotzdem gilt: Das größte Glänzen ist für mich nicht das eines Ordens, sondern das in den Augen der Senioren und Senioritas. Das ist und bleibt das Schönste.