Hamburg

Ohne ihn eskaliert es: Ein Schulbegleiter packt aus

Ein Junge steht unglücklich an einer Schultafel. Die Schulbehörde plant Einschnitte bei Schulbegleitungen.
Ein Junge steht unglücklich an einer Schultafel. Die Schulbehörde plant Einschnitte bei Schulbegleitungen.

Mehmet verhindert Streit, Schläge und Wutausbrüche in einer Grundschule im Hamburger Süden. Nun sollen bestimmte Schulbegleitungen wegfallen – mit Folgen weit über die betroffenen Kinder hinaus.

Ein Kind schlägt zu. Ein anderes wird mit einem Gegenstand am Kopf getroffen. Ein Schüler sticht einem Mitschüler mit einem Bleistift in den Arm. Es sind Situationen, wie sie Mehmet aus seinem Schulalltag kennt – und die er verhindern soll, bevor sie eskalieren. Doch nun steht die Hilfe auf der Kippe.

Seine Arbeit beginnt unscheinbar: Im Morgenkreis sitzt er einen Meter hinter dem Kind. Nicht zu nah, nicht zu weit weg. Wenn er merkt, dass die Aufmerksamkeit nachlässt, nimmt er einen Massageball und streicht damit über den Rücken des Jungen. „Das beruhigt ihn“, erklärt Mehmet. Für Außenstehende mag das wie eine kleine Geste wirken. Doch sie kann entscheidend sein – für das Kind, die Stimmung im Raum und die gesamte Klasse.

Was passiert, wenn Mehmet nicht dabei ist

Der Mann, der der MOPO aus seinem Berufsalltag erzählt, heißt hier Mehmet. Er arbeitet als Schulbegleiter an einer Grundschule im Hamburger Süden. Dort betreut er drei Kinder aus drei Klassen, alle mit Unterstützungsbedarf in der emotionalen und sozialen Entwicklung. Heißt konkret: Sie haben Wutanfälle und werden gegenüber anderen Kindern aggressiv.

„Normalerweise müsste das Kind den ganzen Tag begleitet werden“, sagt Mehmet über eines seiner Kinder, doch er betreut sie immer nur für einige Stunden. Wenn er nicht dabei sei, höre er später von Vorfällen: Beleidigungen, Schläge, ein anderes Kind soll mit einem Gegenstand am Kopf getroffen worden sein. Er erzählt von einem Kind, das intellektuell sehr weit sei, aber „extreme Wutausbrüche“ habe. Einmal habe es einen Mitschüler sogar mit einem spitzen Bleistift in den Arm gestochen – aus voller Absicht.

Ist das eine psychische Störung – oder eine Erziehungsfrage? Das möchte Mehmet nicht beurteilen. „Fest steht, dass die psychische Entwicklung nicht dem Alter entspricht“, sagt er. Und dass Eltern die Probleme ihrer Kinder oft nicht hören wollen. „Sie rechtfertigen das Verhalten ihres Kindes damit, dass es selbst geärgert wurde.“

Schüler außer Kontrolle: Schulbegleiter lösten Konflikte

Mehmets Arbeitstag beginnt um 8 Uhr in einer ersten Klasse. Zwei Stunden begleitet er dort ein siebenjähriges Kind, danach geht es in eine zweite Klasse, später in eine dritte. Bis 16 Uhr ist er in der Schule. Die Kinder, sagt er, hätten es schwer, soziale Kontakte zu knüpfen, Regeln einzuhalten und am Unterricht teilzunehmen.

„Ich musste schon oft Konflikte mit anderen Kindern lösen“, sagt er. Er spricht mit dem Kind, erklärt Schulregeln, hilft bei der sogenannten Co-Regulation. Manchmal könne er die Kinder nicht kontrollieren, berichtet er, doch oft wirke es: Er sehe eine Entwicklung. Auch im Unterricht selbst hilft er: Eins der betreuten Kinder spreche kein flüssiges Deutsch, sondern Türkisch. „Dann bin ich auch Dolmetscher“, sagt er.

Besonders schwierig sind Pausen oder Wege außerhalb des Klassenzimmers. Beim Gang zum Schwimmunterricht etwa müsse er ein neunjähriges Kind in der Reihe halten, während drei Klassen zur Halle laufen. „Da bin ich manchmal verzweifelt“, sagt Mehmet. Wenn das Kind ihm entgegne „Auf dich höre ich nicht“ oder „Juckt mich nicht“, müsse er ruhig bleiben. „Man braucht viel Geduld. Ich will nicht laut werden.“

Schulbegleitungen sind längst tief im Hamburger Schulalltag verankert: Von den 3220 Schülern mit Schulbegleitung im Schuljahr 2024/25 besuchten 1464 eine Grundschule, 719 eine Stadtteilschule, 95 ein Gymnasium und 35 eine berufliche Schule. An Sonderschulen und den ReBBZ waren es 907.

Schulbehörde: Das ist nun geplant

Doch ausgerechnet hier will die Schulbehörde nun eingreifen. Zum kommenden Schuljahr soll pädagogisch oder sozialpädagogisch ausgebildetes Personal nur noch in Ausnahmefällen bewilligt werden. Stattdessen soll stärker auf FSJ-Kräfte sowie Pool- und Kombilösungen gesetzt werden.

Dabei sieht Mehmet schon jetzt in seinem Alltag, dass Quereinsteiger an ihre Grenzen kommen können. Auch er habe von seinem Träger keine ausreichende Schulung bekommen. Mehmet ist mehrfacher Vater und kann auf Methoden zurückgreifen, die er in seiner begonnenen Erzieherausbildung gelernt hat. „Ein Quereinsteiger weiß das alles vielleicht nicht“, sagt er. „Man wird ins kalte Wasser geworfen. Pädagogische Berufserfahrung wäre auf jeden Fall von Vorteil.“

Zudem soll es künftig schwieriger werden, überhaupt eine Schulbegleitung zu bekommen: Für Kinder mit Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung – wie er bei den Kindern festgestellt wurde, die Mehmet betreut –, soll in der Regel geprüft werden, ob die Unterstützung auch anders geleistet werden kann. Erst wenn Teilhabe nicht gelingt, soll Schulbegleitung infrage kommen. Begleitungen bei sogenannten „geringfügigen Unterstützungsbedarfen“ fallen komplett weg.

Die Behörde begründet das mit den stark gestiegenen Zahlen: Während im Schuljahr 2011/12 noch rund 460 Fälle bewilligt wurden, sind es im laufenden Schuljahr rund 4000. Kostenpunkt: Rund 42 Millionen Euro. Laut Senatorin Ksenija Bekeris (SPD) sind zwar sowohl die Zahl der Schüler als auch die der festgestellten Behinderungen gestiegen. Doch auch die Spielräume bei der Bewilligung seien teilweise sehr weit gefasst worden. „Schulbegleitung wurde auch bewilligt, wenn keine drohende oder bestehende Behinderung vorlag.” Inklusion sei ein zentrales Anliegen und stehe nicht zur Debatte. Eine Kürzung sei das nicht: Im kommenden Haushalt seien 44 Millionen Euro vorgesehen.

Kernargument der Behörde: Schulbegleitung sei eine „nachrangige, helfende Unterstützung“ und keine Bildungs- und Erziehungstätigkeit. „Die Schulen verfügen über entsprechende Ressourcen zur Förderung der Schülerinnen und Schüler“, so eine Sprecherin zur MOPO. Nur wenn diese Möglichkeiten nachweislich ausgeschöpft sind und nicht ausreichen, könne eine Schulbegleitung ergänzend bewilligt werden.

Schulbegleiter: So helfen sie der gesamten Klasse

Aber haben Lehrer und Erzieher im Alltag dafür Kapazitäten? „Ich glaube, die Lehrkräfte wären wirklich überfordert, denn sie müssten sich auf das störende Kind fokussieren“, sagt Mehmet. So aber könne er es aus der Situation nehmen, während die Lehrerin weiter unterrichte. Damit kommt die Begleitung auch allen anderen Kindern in der Klasse zugute. „Ich glaube, Schulbegleiter sind in solchen Fällen wirklich nötig.“

Mehmet hat einen langen Arbeitsweg, keinen hohen Verdienst, kein Urlaubsgeld, keine HVV-Vergünstigung. Doch er will weitermachen – denn er hat „seine“ Kinder ins Herz geschlossen: „Wenn die Kinder auf mich zurennen und mich umarmen, weiß ich, dass ich etwas richtig mache.“




Ein Kind schlägt zu. Ein anderes wird mit einem Gegenstand am Kopf getroffen. Ein Schüler sticht einem Mitschüler mit einem Bleistift in den Arm. Es sind Situationen, wie sie Mehmet aus seinem Schulalltag kennt – und die er verhindern soll, bevor sie eskalieren. Doch nun steht die Hilfe auf der Kippe.

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