Hamburg
Nur ganz kurz aus ICE ausgestiegen: Der fährt ohne ihn weiter – mit all seinen Sachen
Die Bahn hatte den Fahrgästen mitgeteilt, dass sie den ICE kurz verlassen könnten. Felix Baumgarten steigt aus, um sich die Beine zu vertreten – plötzlich fährt der Zug ohne ihn weiter. Mit seinem Gepäck.
Für Bahnreisende ist es eine schlimme Vorstellung: Das Gepäck befindet sich im Zug, doch der Zug fährt ab, während der Fahrgast selbst noch auf dem Bahnsteig steht. Genau das ist dem Hamburger Felix Baumgarten passiert.
Baumgarten, der in Ottensen wohnt, war am 25. Juni auf dem Heimweg von Koblenz, wo er seine Prüfung zum Sommelier bestanden hatte. In Köln stieg er in den ICE 200 Richtung Hamburg. Kurz vor Osnabrück habe es eine Durchsage gegeben, erzählt er: Wegen einer Störung an einem vorausfahrenden Zug verzögere sich die Weiterfahrt. Die Reisenden könnten am Bahnhof Osnabrück aussteigen, sollten sich aber in der Nähe aufhalten.
Hamburger verlässt ICE – Zug fährt mit seinen Sachen davon
„Nach der Einfahrt in den Bahnhof habe ich dann erst gewartet, bis die neuen Fahrgäste zugestiegen waren. Dann bin ich raus, um mir auf dem Bahnsteig mal kurz die Beine zu vertreten.“ Seinen aufgeklappten Laptop ließ er am Platz zurück. Sein gesamtes Gepäck ebenfalls, darin die Geldbörse mit 50 Euro, seine Schlüssel, persönliche Papiere und das Sommelierbesteck, an dem der 39-Jährige besonders hängt.
Man kann Baumgarten gewiss den Vorwurf machen, unvorsichtig gewesen zu sein. Allerdings war er während der Fahrt mit seiner Sitznachbarin ins Gespräch gekommen, und die wirkte auf ihn so vertrauenswürdig, dass er keinen Zweifel daran hatte, dass sie für einen Moment ein Auge auf seine Sachen werfen würde.
Draußen auf dem Bahnsteig kam Baumgarten aber nicht einmal dazu, sich eine Zigarette anzuzünden. „Ich hatte mich nur drei Schritte vom Zug entfernt, da schlossen sich plötzlich die Türen hinter mir“, erzählt Baumgarten. Den sogenannten Achtungspfiff des Zugchefs habe er noch gehört, doch da sei es bereits zu spät gewesen. Die Türen gingen zu und der ICE setzte sich in Bewegung.
Baumgarten reagierte prompt. „Ich bin sofort zur DB-Information gesprintet und habe den Vorfall geschildert. Ich konnte auch ziemlich genau beschreiben, wo ich gesessen hatte.“ Er habe dann mitangehört, wie der Mitarbeiter mit dem ICE telefonierte und darum bat, Baumgartens Sachen im ICE sicherzustellen. Baumgarten ging deshalb wie selbstverständlich davon aus, dass er sein Eigentum zurückbekommen würde.
Sofort alarmiert der Fahrgast die Bahn und bittet um Hilfe
Doch weit gefehlt. Auch fast vier Wochen später ist sein Gepäck immer noch nicht aufgetaucht. Da sich bei der Deutschen Bahn niemand so richtig zuständig fühlte, wandte er sich hilfesuchend an die MOPO.
Ein Bahnsprecher bestätigt auf MOPO-Anfrage die Darstellung Baumgartens: Den Fahrgästen des fraglichen Zuges sei tatsächlich mitgeteilt worden, sie könnten den ICE in Osnabrück verlassen, da sich die Weiterfahrt aufgrund der Störung an einem vorausfahrenden Zuges verzögere. Doch dann habe sich die Lage kurzfristig geändert: Die Strecke sei wieder freigegeben worden. Deshalb habe es eine zweite Durchsage gegeben, wonach die Abfahrt unmittelbar bevorstehe. Doch diese Durchsage – wenn es sie gab – hat Baumgarten nicht gehört.
Der Bahnsprecher verweist darauf, dass das Schließen der Türen durch den Achtungspfiff angekündigt worden sei. Der Zugchef des ICE 200 sei als Letzter eingestiegen und habe niemanden wahrgenommen, der auf sich aufmerksam gemacht habe oder erkennbar noch habe zusteigen wollen. Wieso der Zugchef Baumgarten nicht sah, ist ungeklärt.
Die Deutsche Bahn bedauert den Vorfall und kündigt eine Lösung an
Ebenfalls offen ist, was mit Baumgartens Hilferuf geschah. Obwohl der Infoschalter-Mitarbeiter den Zug angerufen haben soll, will das Bordpersonal des ICE während der Fahrt keinen Hinweis auf den zurückgebliebenen Reisenden und dessen Eigentum erhalten haben. Erst nach der Ankunft in Hamburg sei der Zugchef über den Vorfall und den zurückgelassenen Computer informiert worden, so der Bahnsprecher. Beim anschließenden Kontrollgang habe das Personal den Laptop nicht gefunden. Auch beim Fundservice seien die Sachen bislang nicht abgegeben worden.
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Die Bahn betont, Reisende seien grundsätzlich selbst für ihr Gepäck verantwortlich und sollten Wertgegenstände auch bei einem kurzen Ausstieg mitnehmen. Zugleich versichert der Bahnsprecher, das Unternehmen bedauere die Unannehmlichkeiten des Kunden und wolle mit Baumgarten nun in einem persönlichen Gespräch eine „Lösung im Kundensinne“ finden.
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