Nudisten-WG, betrügerische Vermieter: Mein jahrelanger Kampf um eine Wohnung
Der Hamburger Wohnungsmarkt und ich sind schon lange Bekannte – ja beinahe (unfreiwillige) Vertraute. Ein Rückblick auf fast acht Jahre Wahnsinn – von betrügerischen WG-Vermietern und absurden Massen-Besichtigungen.
Im Jahr 2018 wollte ich für meinen Master erstmals nach Hamburg ziehen, doch daraus wurde nichts. Ich hatte kein Zimmer gefunden und die Nudisten-WG in Altona, die vor der Besichtigung nichts von dieser kleinen Besonderheit des Zusammenlebens erzählt hatte, überzeugte mich nicht. Also allein in eine neue Stadt umziehen ohne eine feste Unterkunft? Das traute ich mich doch nicht und blieb erst einmal in Frankfurt.
Die betrügerische WG-Vermieterin
Für die MOPO schaffte ich im Jahr 2020 dann doch den Sprung nach Hamburg und musste mich erneut dem WG-Markt stellen – nach mehreren befristeten Aufenthalten schließlich erfolgreich! Fast vier Jahre lang wohnte ich mit meinen drei Mitbewohnern zusammen. Dass unsere Vermieterin, die sich später als Betrügerin herausstellte, uns verbot, unsere Namen ans Klingelschild zu kleben, überall Anwälte vermutete oder nur durchs Autofenster sprach, nachdem sie uns mit Koordinaten zu Supermarkt-Parkplätzen gelotst hatte – geschenkt. Hauptsache, endlich eine Unterkunft. Immerhin schweißte es zusammen, meine ehemaligen Mitbewohner und ich lachen heute noch über diese absurde Zeit.
Mit Ende 20 wuchs in mir der Wunsch nach einer eigenen Wohnung. Ich sah mich schon als abgehärtet – doch ich glaube, so richtig kann einen nichts auf die Wohnungssuche vorbereiten.
Das Dilemma mit der Wohnungssuche in Hamburg
Genossenschaften haben inzwischen nicht mal mehr eine Warteliste: Man kann sich per Mail einschreiben, um ein Jahr lang eventuell Wohnungsangebote zu bekommen, die Mitglieder nicht möchten. Auf Annoncen auf den bekannten Plattformen muss innerhalb von Nanosekunden geklickt werden, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben. Für städtische Wohnungen der SAGA muss man sich seit 2021 auch über ein privates Unternehmen bewerben. Ein SAGA-Sprecher betont allerdings, dass es sich dabei um eine reine Software-Lösung handele. Die Vermittlung und Vermietung liege weiterhin der Hand des Wohnungsunternehmens.
Auf Facebook suchen Hunderte nach einer neuen Wohnung. Alle haben ordentliche Jobs, keine Haustiere und sind Nichtraucher. Statt Angeboten finden sich in den Kommentaren allerdings eher Fragen, ob die Suchenden denn einen Nachmieter brauchen.
Unangenehm sind dann Besichtigungen, bei denen man im Akkord in Gruppen durch die Wohnung geschleust wird. Bevor es losgeht, schaut jeder in der Gegend herum, keiner spricht, mustert die anderen Bewerber unauffällig, um seine Chancen auszurechnen. Mist – ist das ein Pärchen, das sich auf die Ein-Zimmer-Wohnung bewirbt und damit ein doppeltes Einkommen hat? Jeder versucht, möglichst allein mit der Maklerin zu bleiben, um noch einen persönlichen Eindruck zu hinterlassen. Also schleichen alle durch die Zimmer und hoffen darauf, dass die anderen gehen, bevor das Zeitfenster abläuft.
In Stellingen hatte ich einmal das Gefühl, einer Klonarmee von mir selbst gegenüberzustehen: Alle Bewerberinnen waren ebenfalls Mitte/Ende 20 mit unbefristetem Job, erfuhr ich, als wir uns im Kreis alle vorstellen mussten. „Ich bin verbeamtet!“, sagte eine Frau fast schon verzweifelt – und erntete mehrere eiskalte Blicke.
Von Betrügern und Massenbesichtigungen
In Schnelsen ging es mit 15 Leuten durch eine Ein-Zimmer-Wohnung, draußen warteten bereits die nächsten 15er-Gruppen. „Ich habe die Wohnung vor drei Jahren streichen lassen, aber vermiete die jetzt als frisch saniert!“, erzählte der Vermieter, der persönlich die Besichtigung machte, und lachte los. Nervöses Lachen allerseits, während sich durch den Raum gequetscht wurde. Keiner traute sich, etwas zu sagen – mich eingeschlossen. Bloß nicht die Chancen ruinieren.
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Inzwischen gibt es auch immer mehr Anzeigen, bei denen man noch vor der Besichtigung sämtliche Unterlagen verschicken soll: von Schufa über Personalausweis bis zu Kontoauszügen. Manche werden zwar mit einem Betrugshinweis von den Portalen entfernt – trotzdem gibt es wahrscheinlich Menschen, die verzweifelt genug sind. Ein potenzieller Vermieter wollte neben meinem Arbeitsvertrag (ungeschwärzt!) auch die Handynummer von meinem Chef haben. In meinem Kopf hörte ich schon unseren Chefredakteur am Telefon sagen: „Ja, die Frau B. ist wirklich unsere beste Mitarbeiterin! Gehaltserhöhung ist auf dem Weg!“
Wohnungsmarkt in Hamburg: viel zu viele Schlupflöcher
Ich möchte nicht jammern, denn ich weiß, ich bin sehr privilegiert: Meine Eltern konnten mich im Studium unterstützen, weil mein Nebenjob niemals zum Leben gereicht hätte. Ich erlebe keinen Rassismus bei der Wohnungssuche wie die meisten People of Color. Mir droht auch nicht die Straße, wenn ich nicht sofort eine Wohnung finde, denn ich lebe inzwischen in einer angenehmen Zweier-WG mit noch zwei entzückenden Vierbeinern.
Trotzdem ist offensichtlich, dass auf dem Hamburger Wohnungsmarkt schon lange etwas schiefläuft. Angesichts der Menge der Suchenden können Vermieter die absurdesten Forderungen stellen, ohne belangt zu werden. Die Not ist zu groß, einige nutzen das aus. Den Traum von einer eigenen Wohnung habe ich trotzdem noch nicht aufgegeben. (mp)