Michael Jaap

Michael Jaap (40) aus Sasel hatte in einer Notlage keinen Handyempfang. Foto: Marius Röer

Notruf geht nicht durch, Nachbarin tot: Hamburger erlebte Funkloch-Schock

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Als seine Nachbarin im Treppenhaus zusammenbricht, zögert Michael Jaap aus Sasel keine Sekunde. Er wählt den Notruf – kommt aber nicht durch. Kein Einzelfall: Schon mehrfach hatte der 40-Jährige in brenzligen Situationen keinen Handyempfang in seinem Viertel. Jetzt setzt sich sogar die Bezirkspolitik dafür ein, dass im Nordosten der Stadt endlich besserer Empfang herrscht. Netzanbieter und Bezirk schieben sich auf MOPO-Anfrage die Verantwortlichkeiten zu.

„Meine Frau kam ins Zimmer und sagte: Die Nachbarin im Obergeschoss ist umgefallen“, erinnert sich Jaap im Gespräch mit der MOPO. Der IT-Fachmann ist im Homeoffice, als er nach oben rennt. Aus seiner Erfahrung beim Technischen Hilfswerk weiß er: Jede Sekunde zählt. Er stellt fest, dass die 80-Jährige nicht mehr atmet, und wählt den Notruf – doch der Anruf geht nicht durch, kein Empfang. Das „Abendblatt“ berichtete zuerst.

Kein Empfang: Hamburger Stadtteile im Funkloch

Geistesgegenwärtig weist Jaap seine Frau und den Ehemann der Nachbarin an, Türen und Fenster in Richtung einer öffentlichen Funkantenne zu öffnen. Kurz darauf kommt er durch. Mit Anweisung der Rettungskräfte versucht er, die Frau zu reanimieren. Wenig später trifft der Notarzt ein. „Das waren die längsten Minuten meines Lebens“, sagt Jaap. „Danach ist man mental und körperlich durch.“ Die Nachbarin stirbt dennoch.


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„Mir wurde gesagt, dass ich alles richtig gemacht habe. Aber es kann nicht sein, dass man im Notfall keinen Empfang hat“, sagt Jaap. Er erinnert sich an zwei weitere Vorfälle: Einmal lief ein offenbar betrunkener Mann in seiner Straße am Schönsberg herum, klingelte überall und legte sich schließlich mitten auf die Fahrbahn – bis Jaap die Polizei erreichte, dauerte es. Ein anderes Mal fühlte sich seine Frau bei einem Abendspaziergang verfolgt, am Telefon kamen bei ihm aber nur Bruchstücke an – er saß im Funkloch.

Das Smartphone von Michael Jaap zeigt eine Signalstärke von -114 Dezibel-Milliwatt – ein sehr schwaches Signal. Marius Röer
Funkloch
Das Smartphone von Michael Jaap zeigt eine Signalstärke von -114 Dezibel-Milliwatt – ein sehr schwaches Signal.

Empfangsprobleme gibt es nicht nur in Sasel: Auch in Rahlstedt und entlang der S-Bahnlinie zwischen Ohlsdorf und Poppenbüttel berichten Anwohner von Funklöchern – besonders bei Regen, Nebel oder hoher Luftfeuchtigkeit sowie in bewaldeten Gebieten. Auf seinem Handy zeigt Jaap der MOPO die Signalstärke: -114 Dezibel-Milliwatt (dBm). Zur Einordnung: Ein Wert von um die -50 dBm gilt als gutes Signal.

Funkmasten: Anbieter finden keine geeigneten Standorte

Bekannt ist das Problem seit Jahren. In Sasel hat es sich verschärft, seit vor sechs Jahren nach einer Kündigung durch den Gebäudeigentümer ein Mobilfunkmast von „O2 Telefónica“ abgebaut werden musste. Der Anbieter teilt auf Nachfrage mit, man sei auf der Suche nach einem Ersatzstandort – dafür brauche es aber auch die Kooperation der Stadt.

Ein Techniker führt Arbeiten an einem Mobilfunkmast durch (Symbolbild). picture alliance / dpa | Daniel Karmann
Funkloch-Schock
Ein Techniker führt Arbeiten an einem Mobilfunkmast durch (Symbolbild).

Auch „Telekom“ und „Vodafone“ verweisen auf fehlende Standorte als Grund für das Funkloch: „Die Mobilfunkversorgung in Teilen von Wandsbek ist nicht zufriedenstellend. Es fehlt schlichtweg an geeigneten Standorten“, sagt eine Telekom-Sprecherin. Mehr mietbare städtische Flächen und Liegenschaften könnten helfen. Vodafone teilt mit, die Suche nach geeigneten Standorten in Sasel gestalte sich „deutlich schwerer“ als in anderen Stadtteilen.

Funkloch: „Nicht die Aufgabe der Bezirksämter“

Das Bezirksamt Wandsbek sieht sich nicht in der Verantwortung: Für den Ausbau seien die privaten Betreiber zuständig. „Es ist nicht die Aufgabe der Bezirksämter, Flächen für die Netzbetreiber zu suchen bzw. zur Verfügung zu stellen“, sagt eine Sprecherin.

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Die Politiker der Bezirksversammlung Wandsbek wenden sich nun direkt an die Kulturbehörde. In einem Antrag fordern sie, Maßnahmen zu prüfen, um den Empfang zu verbessern. Die Behörde verweist darauf, dass 5G mehr Antennen brauche, weil deren Reichweite kürzer sei – lokal könne das in Gebäuden sogar zu schlechterem Empfang führen. Michael Jaap hofft jetzt, dass der Vorstoß den nötigen Schub bringt – damit er im Notfall künftig nicht mehr im Funkloch sitzt.

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