„Nichts mehr übrig“: Feuer-Drama um Hebammenpraxis – zahlt die Versicherung?
Seit der Nacht zu Sonntag ist für Janette Harazin nichts mehr, wie es einmal war. Um kurz nach Mitternacht brannte es in der Ladenzeile des Einkaufszentrums „Weiße Rose“ in Volksdorf, in der sich auch die Hebammenpraxis der 48-Jährigen befindet. Doch davon ist außer Schutt und Asche jetzt nichts mehr übrig. Harazin ist verzweifelt – und macht doch weiter. „Ich habe den ganzen Sonntag mit Weinen verbracht“, sagt sie. Inzwischen wurde auch eine Spendenkampagne ins Leben gerufen.
An den Moment erinnert sich die Hamburgerin noch ganz genau: „Um kurz nach Mitternacht klingelte plötzlich mein Diensthandy“, erzählt sie im Gespräch mit der MOPO. „Ich dachte, es wäre eine unserer Patientinnen und der einzige Gedanke, der mir in den Kopf schoss war: Wenn du jetzt ein Kind kriegst, fahr bitte ins Krankenhaus.“ Deshalb habe sie das Klingeln erst einmal ignoriert.
Volksdorf: Hebammenpraxis brennt in der Nacht zum Sonntag aus
„Zehn Minuten später klingelte dann allerdings die Feuerwehr Sturm“, erzählt Harazin weiter. „Es brenne in der Nähe meiner Praxis und ich solle sofort kommen, haben sie gesagt.“ Schnell zog sie eine Jacke und Schuhe an und machte sich auf den Weg zum Groten Hoff. „Doch als ich ankam, war von meiner Praxis nichts mehr übrig“, sagt sie.
Zunächst sei sie buchstäblich im Schockzustand gewesen. „Ich weiß nur noch, dass ich vor meiner Praxis an der Wand gelehnt saß und buchstäblich die Scherben meiner Existenz gesehen habe. Da war es dann glaube ich schon halb 3 Uhr. An Schlaf war nicht mehr zu denken, ich habe auch den kompletten Sonntag mit Weinen verbracht“, sagt sie mit leicht zitternder Stimme.
Harazin gründete die Hebammenpraxis im Jahr 2013
Gegründet hat sie ihre Praxis „Besondere Zeit“ im Jahr 2013. „Genau wie der Name es sagt, sollte es ein ganz besonderer Ort sein“, so Harazin. „Es ist nicht normal, schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen, sondern etwas ganz Besonders. Bei uns kannst du jederzeit reinkommen – ob du den ersten Schwangerschaftstest machen willst oder als Mama dein Baby stillst.“ Zusammen mit ihren acht Mitarbeiterinnen leiste sie in ihren Kursen und Beratungen auch sehr viel Emotionales, biete sowohl Trauma- als auch Trauerverarbeitung an.
Ihr Vermieter wolle nur für den an der äußeren Fassade aufkommen, sagt sie. „Das Problem ist das komplette Inventar.“ Vor sechs Jahren sei sie aus dem Hebammenverband ausgetreten, um eine eigene Berufshaftpflichtversicherung abzuschließen. „Aber die deckte eben nicht Schäden im Innenraum ab. Das habe ich erst vor Kurzem erfahren und am Freitag vor dem Brand noch die entsprechenden Unterlagen eingeschickt.“ Sie lacht bitter auf angesichts der bitteren Ironie. „Das wird die Versicherung aber wohl kaum akzeptieren.“ Die 48-Jährige, die seit 2008 freiberuflich als Hebamme arbeitet, macht sich selbst große Vorwürfe, das nicht eher bemerkt zu haben.
Spendenkampagne für die Hebammenpraxis in Volksdorf gestartet
Eine Bekannte von ihr hat bereits eine Spendenkampagne für die Hebammenpraxis auf „Go Fund Me“ gestartet, am Montagabend wurden bereits 18.320 Euro gesammelt. Janette Harazin ist sichtlich gerührt, sie wusste davon nichts.
Währenddessen hat sie die Patientinnen informiert, dass erst einmal so viel wie möglich bei ihnen zu Hause stattfinden muss. „All die Frauen, die wir nicht anfahren und die einfach so zu uns in die Praxis kommen, stehen jetzt allerdings ohne Hebamme da“, sagt die 48-Jährige. Sie ist bereits fieberhaft auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten. „Denn es muss weitergehen.“ Dann verabschiedet sie sich eilig von der MOPO, denn sie muss zum Computer – an diesem Abend bietet sie einen Online-Kurs für trauernde Eltern an.