Nicht Hacker, sondern Partner: Wie Täter Frauen digital kontrollieren
Collien Fernandes rückt mit ihrer eigenen Geschichte ein Thema ins Licht, das für viele Frauen bedrückender Alltag ist: digitale Gewalt. Isger Thore Janson und Leonie Dieck unterstützen Betroffene bei der spezialisierten Hilfestelle Safe Harbour Hamburg. Im Gespräch mit der MOPO erklären sie, wie Täter Kontrolle ausüben und was Frauen im Ernstfall tun können.
MOPO: Derzeit läuft die Debatte über den Fall Ulmen/Fernandes auf Hochtouren. Was wird in Fällen wie diesen oft unterschätzt?
Isger Thore Janson: Es geht oft nicht um anonyme Trolle im Internet. Es geht um Partner, Brüder oder Ex-Partner – also um Personen, die mit am Esstisch sitzen. Genau an diese Fälle richtet sich unsere Hilfestelle.
Leonie Dieck: Digitale Gewalt kann jede Frau treffen. Und sie passiert oft nicht allein, sondern ergänzt physische oder andere psychische Gewalt. Für Betroffene ist es sehr mühsam, sich Recht zu verschaffen, und die Folgen begleiten sie sehr lange.
Wann fängt digitale Gewalt an?
Janson: Wenn Gewalt mithilfe digitaler Technik ausgeübt wird. Das reicht von heimlicher Standortüberwachung oder Hate Speech im Netz bis hin zu Fake-Profilen, Identitätsübernahmen oder dem nicht einvernehmlichen Teilen sexualisierten Bild- oder Videomaterials. Es kann über Social Media laufen, aber auch über Geräte wie AirTags.
Dieck: Ein klassisches Beispiel ist Stalking. Heute läuft das fast immer auch digital – oft nicht über raffinierte Technik, sondern über ganz normale Funktionen wie „Find my iPhone“.
Digitale Gewalt: So gehen Täter vor
Wie kommen Täter an Zugriffe?
Janson: In den seltensten Fällen wird etwas „gehackt“, sondern viel häufiger Vertrauen ausgenutzt. Passwörter oder Accounts werden in einer Beziehung freiwillig geteilt und später missbraucht.
Dieck: Neben Frauen, die technisch fit sind, erleben wir auch Frauen, die sagen: „Mein Mann hat das alles eingerichtet, ich kenne mich damit gar nicht aus.“ Wir hatten einen Fall, in dem einer Frau immer wieder eingeredet wurde, sie sei zu dumm, sich selbst um ihr Gerät zu kümmern. So lag die ganze Technik bei den Tätern – und damit die Kontrolle über ihr digitales Leben.
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Was machen Täter konkret?
Dieck: Vieles dreht sich um Kontrolle: Standortüberwachung, Zugriffe auf Accounts und Konten. Wer Zugriff auf das Google- oder Apple-Konto hat, hat womöglich auch Einblick in weitere Passwörter – sogar fürs Online-Banking.
Janson: Ein klassisches Beispiel ist WhatsApp Web – der Account läuft parallel auf einem zweiten Gerät, und jemand liest heimlich mit.
Dieck: Es eskaliert oft, wenn eine Trennung ansteht. Dann beginnt der Telefonterror, es werden Bilder geteilt oder Standorte überwacht. Es entsteht diese gefühlte Omnipräsenz: Ich sehe, was du machst. Ich weiß, wo du bist.
Verschärft KI das Problem?
Dieck: Ja, denn durch KI kann demütigendes oder sexualisiertes Material angedroht werden, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Diese Androhung kann ausreichen, um Betroffene massiv unter Druck zu setzen und sie aus Angst gefügig zu machen.
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Wird das Problem durch die neue Technik immer größer?
Janson: Wir gehen davon aus. Statistische Zahlen gibt es dazu noch nicht, denn das Thema ist erst vor kurzem ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Auch sonst wird digitale Gewalt oft unter anderen Gewaltformen wie psychischer Gewalt erfasst, was eine Auswertung erschwert. Laut dem Bundeskriminalamt wurde zuletzt mehr Gewalt gegen Frauen angezeigt. Wir müssen aber von einer hohen Dunkelziffer ausgehen.
Kontrollverlust, soziale Isolation: Die Folgen für Betroffene wiegen schwer
Was ist für Betroffene am schlimmsten?
Dieck: Dass es keine Begrenzung mehr gibt. Standortüberwachung, Anrufe, Nachrichten, Zugriffe auf Accounts – das kann rund um die Uhr und jederzeit passieren. Diese dauerhafte Anspannung zermürbt.
Warum können sich Betroffene nicht einfach zurückziehen? Es muss ja niemand WhatsApp benutzen.
Dieck: Der digitale Raum ist nicht mehr optional. Es laufen darüber Arbeit, Familie, Freunde, Bewerbungen – eigentlich das ganze soziale Leben. Wenn Frauen daraus verdrängt werden, kann das in massive Isolation führen. Zudem sollte die Verantwortung nicht beim Opfer liegen, sondern der Täter gestoppt werden.
Warum ist es so schwer, sich zu wehren – auch rechtlich?
Janson: Oft wissen Betroffene gar nicht, dass eine Anzeige möglich ist – oder sie haben Angst, dass die Situation dann eskaliert. Auch im Gesetz gibt es Schutzlücken, deshalb begrüßen wir die aktuelle Initiative, sie zu schließen. Meldewege bei Plattformen sind teils intransparent. Eine gute Anlaufstelle sind deshalb offizielle Meldestellen.
Safe Harbour Hamburg: So gehen die Experten vor
Wie helfen Sie Frauen da raus?
Janson: Wir schauen mit den Betroffenen direkt aufs Gerät und in die Einstellungen und klären, wo Zugriffe bestehen. Sie sollen dabei verstehen, was da passiert und wie sie wieder digitale Selbstbestimmung erlangen. Danach bieten wir die digitale Trennung an: Wir trennen Zugänge und ordnen Accounts neu. Aber das kann eine Eskalation auslösen. Deshalb arbeiten wir immer mit Frauen, die in andere Hilfsangebote eingebunden sind.
Was raten Sie einer Frau, die ein mulmiges Gefühl hat?
Dieck: Das eigene Gefühl ernst zu nehmen. Wenn jemand Druck macht, Passwörter zu teilen oder ständig Zugriff zu bekommen, dann sollte sie hellhörig werden. Und wenn Kraft da ist: dokumentieren. Screenshots machen, Links sichern, notieren, was wann passiert ist. Das hilft später. Präventiv sollte jede Frau ihr Gerät und wesentliche Einstellungen kennen.
Und was sollte sie auf keinen Fall tun?
Janson: Sie sollte nicht sofort alles am Gerät verändern. Das kann Täter alarmieren und zur Eskalation führen. Besser ist es, sich erst an eine Vertrauensperson oder eine Beratungsstelle zu wenden.
„Safe Harbour Hamburg” ist eine technische Anlaufstelle bei digitaler Gewalt im sozialen Nahraum und richtet sich an Fachkräfte und Ratsuchende: www.safeharbour.hamburg
Telefonische Sprechzeiten: Dienstag bis Donnerstag 9-16 Uhr unter +49 157 763 770 14
E-Mail: safe-harbour-hamburg@basisundwoge.de. Eine Rückmeldung erfolgt werktags innerhalb von 24 Stunden