Neuer „Bares für Rares“-Star: Er wuchs im Regenwald auf, lebte im Slum von São Paulo
Er wuchs im brasilianischen Regenwald auf, musste vor den Mördern seines Onkels fliehen, war bis zu seinem 17. Lebensjahr Analphabet, hat in den Slums von São Paulo gelebt und sich als Straßenjunge mit dem Verkauf von Schokolade über Wasser gehalten. Heute beherrscht er vier Sprachen, ist einer der erfolgreichsten Galeristen Hamburgs – und seit einem halben Jahr auch noch neuer Star der ZDF-Reihe „Bares für Rares“.
Wer zuhört, wenn Anaisio Guedes aus seinem Leben erzählt, dem fällt vor Verblüffung die Kinnlade runter. Der muss dauernd mit dem Kopf schütteln, weil er denkt: Das gibt’s doch gar nicht, das kann ein Mann von 49 Jahren doch nicht alles schon erlebt haben. Guedes bemerkt die Zweifel, lacht und sagt: „Ich kann’s manchmal ja selbst kaum glauben.“
Sein graumeliertes Haar ist streng zurückgekämmt, auf der Nase trägt er eine stylishe dunkle Hornbrille. Meist hat Guedes einen Dreitagebart und ist immer gekleidet in feinen Zwirn, aber nicht hanseatisch-dunkelblau, sondern sportlich-bunt. „Ich mag‘s farbig“, sagt er und schenkt uns das warme, freundliche Lächeln, für das ihn die Fernsehzuschauer so mögen.
Anaisio Guedes war bis zum 17. Lebensjahr Analphabet
Als Treffpunkt für das Interview hat Guedes den Hamburger Flughafen vorgeschlagen, aber nicht, weil an diesem Tag gerade eine Geschäftsreise ansteht und er vor dem Abflug noch ein halbes Stündchen Zeit hat. Nein, der Flughafen ist sein Arbeitsplatz. Dort, im Terminal 2, ganz in der Nähe vom Edeka-Markt, befindet sich seine Galerie.
Anaisio Guedes ist stolz, deutschlandweit der einzige Galerist zu sein, dessen Laden sich in einem Airport befindet. „Ich glaube, ich bin sogar der einzige in ganz Europa“, sagt er. Sein 120 Quadratmeter großer Shop steht voll mit Werken von Stephan Balkenhol, Günther Uecker und Jeff Koons. Aber neben diesen Berühmtheiten handelt er auch mit Bildern und Skulpturen von Künstlern, die noch bis vor kurzem unbekannt waren und die er selbst entdeckt und aufgebaut hat.
Anaisio Guedes‘ Familie stammt ab von Italienern, Portugiesen, Spaniern und Holländern, die irgendwann in den vergangenen Jahrhunderten nach Brasilien ausgewandert sind. Er selbst wird 1975 im Norden Brasiliens geboren. Als er eineinhalb Jahre alt ist, vernichtet eine Heuschreckenplage die gesamte Ernte seines Vaters, und so zieht die Familie in den brasilianischen Regenwald. „Dort hatte mein Onkel eine Plantage, und mein Vater wurde seine rechte Hand.“
„Mit zehn Jahren habe ich in den Zuckerrohrplantagen gearbeitet und bin auf die Jagd gegangen“
So etwas wie eine unbeschwerte Kindheit erlebt Anaisio Guedes nicht. „Schon als Zehnjähriger habe ich in den Zuckerrohrplantagen gearbeitet, bin auf die Jagd gegangen oder habe gefischt. Spielen – so was kannte ich gar nicht.“ Guedes erzählt, dass die Familie zu fünft in einer 30 Quadratmeter großen Hütte gelebt habe, ohne Elektrizität, ohne fließendes Wasser. Das Leben habe draußen stattgefunden. Gebadet wurde im nahegelegenen Fluss.
Als Guedes elf Jahre alt ist, muss die Familie Hals über Kopf den Regenwald verlassen. Der Grund: Sein Onkel ist im Streit von einem der Pächter erschossen worden. „Polizei gab es da draußen nicht“, erzählt Guedes. „Ein ungeschriebenes Gesetz verlangte, dass mein Vater den Tod seines Bruders rächt. Aber er weigerte sich und sah nur einen Ausweg: die Flucht.“
Der junge Anaisio erlebt nun einen Kulturschock, denn vom Amazonas-Regenwald zieht die Familie in den Großstadt-Dschungel von São Paulo, wo die Familie in einem Slum Zuflucht findet. „Wir wohnten zu fünft in einer Garage.“
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Weil der Vater arbeitslos und außerdem spielsüchtig ist, muss Anaisio für den Unterhalt der Familie sorgen. „Statt zur Schule zu gehen, habe ich im Supermarkt an der Kasse die Einkäufe der Kunden in Tüten gepackt, habe auf der Straße Trikots, Basecaps, Koffer und Töpfe verkauft“, erzählt er. „Ganz besonders erfolgreich war ich als Schokoladenhändler. Morgens habe ich mit all meinem Geld Ware im Großhandel besorgt und dann den ganzen Tag über Schokoriegel für Schokoriegel in einer Metrostation an Passanten verkauft.“
Im Großstadtdschungel von São Paulo hält er sich als Schokoladenverkäufer über Wasser
Anaisio träumt von einem besseren Leben, möchte Schauspieler werden, will das Elend der Slums hinter sich lassen und schämt sich, ein Analphabet zu sein. „Ich hatte ja nur zehn Monate lang die Schule besucht, konnte gerade mal die Buchstaben. Da habe ich beschlossen, mir selbst Lesen und Schreiben beizubringen“, erzählt er. „Ich habe eine spezielle Technik entwickelt: Ich habe mir Wort für Wort eingeprägt, sie auswendig gelernt, und irgendwann wurden aus Worten Sätze und aus Sätzen ganze Texte.“
Anaisio Guedes bewirbt sich bei der besten Schauspielschule von São Paulo, wird tatsächlich genommen und hat schnell Erfolg: Er dreht zahlreiche Werbespots, einen davon an der Seite von Formel-1-Rennfahrer Ayrton Senna (1960-1994).
Mit 19 Jahren möchte er seine Schauspielkarriere gern in Europa fortsetzen. Er kauft sich ein Ticket und fliegt nach Brüssel, ohne Plan, ohne dort jemanden zu kennen. „Ich hatte oft im Leben das Glück, dass mir im entscheidenden Moment Menschen über den Weg gelaufen sind, die mir geholfen haben“, erzählt er.
In einer Brüsseler Jugendherberge, in der er als Barkeeper arbeitet, lernt er ein junges Mädchen aus Hamburg kennen, folgt ihr 1997 in die Hansestadt. Er heiratet sie, holt das Abitur nach, macht eine kaufmännische Ausbildung, studiert BWL und macht sich 2014 mit seiner Galerie selbstständig. Anfangs befindet sie sich in einem Souterrain am Marie-Jonas-Platz in Eppendorf, dann erzählt ihm ein Kunde von einem leerstehenden Ladenlokal im Flughafen.
Heute betreibt Anaisio Guedes die einzige Flughafen-Galerie in ganz Europa
„Dass ich hierhin gegangen bin, war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt Anaisio Guedes. „Schon im ersten Monat habe ich so viel Umsatz gemacht, wie vorher in einem ganzen Jahr in Eppendorf.“ Zu seinen Stammkunden gehören viele Geschäftsleute, die Kunst mögen und Qualität suchen – und sie bei ihm finden.
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Dass Anaisio Guedes nun auch noch regelmäßig im Fernsehen zu sehen ist, hat den Bekanntheitsgrad seiner Galerie natürlich noch einmal entscheidend erhöht. Wie er es geschafft hat, da reinzukommen? „Ich habe einfach eine Bewerbungsmail ans ZDF geschrieben, genau an die Mailadresse, die auch diejenigen verwenden, die ihre Schätzchen verkaufen wollen – und dann hat es ein Jahr gedauert, bis alles geklärt war“, erzählt er.
Seit Juni 2024 gehört er – neben „Waldi“ Lehnertz, Wolfgang Pauritsch und Fabian Kahl, um nur ein paar der Bekanntesten zu nennen – zum Team der Händler, die jeden Nachmittag um 15.05 Uhr im ZDF Bares für Rares anbieten. Hier können Zuschauer ihre alten Fundstücke von den Experten schätzen lassen – und mit Glück für gutes Geld verkaufen. „Macht wahnsinnig viel Spaß“, sagt Anaisio Guedes, „die Kollegen sind ganz phantastisch, und einige einzigartige Antiquitäten habe ich auch schon erwerben können.“ Darunter ein Kunstwerk von Günther Uecker und – was ganz Verrücktes – eine Wahrsager-Maschine aus dem Frankreich der 1930er Jahre.
„Es gab zwei Gründe, warum ich mit 19 Jahren Brasilien verließ“, sagt Anaisio Guedes. „Ich wollte ein besseres Leben – und ins Fernsehen. 29 Jahre und sechs Monate später habe ich beides geschafft. Mein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen.“