„Muslim Interaktiv“ verboten: Unser Nachbar, der Islamist

Am Mittwoch wurde bei einer Razzia auch eine Wohnung in Lohbrügge untersucht.
Am Mittwoch wurde bei einer Razzia auch eine Wohnung in Lohbrügge untersucht.

Plötzlich ging es ganz schnell: Innenminister Dobrindt gibt am Mittwochmorgen das Verbot der als extremistisch eingestuften und der islamistischen Szene zugehörigen Gruppe „Muslim Interaktiv“ bekannt. Zugleich fanden in Hamburg mehrere Razzien statt, Wohnungen wurden durchsucht, um Beweismaterial zu sichern. Ein Einsatzort: Lohbrügge. Hier wohnt in einem Neubau in einer Sackgasse ein mutmaßlicher Islamist mit Frau und vier Kindern. Die MOPO war bei dem Einsatz dabei – und sprach mit den Nachbarn.

Neuallermöhe, Mümmelmannsberg, Lohbrügge. Das sind nach MOPO-Informationen drei der sieben Orte, an denen Polizeikräfte am Mittwoch Wohnungen durchsuchten. Das Ziel: Beweismaterial sicherstellen, um das Verbot von Muslim Interaktiv zu untermauern. Am Morgen hatte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) das Verbot der 2020 gegründeten Gruppe bekanntgegeben. Zudem liefen gegen die Vereine Generation Islam und Realität Islam vereinsrechtliche Ermittlungen, so das Innenministerium. Dazu gab es auch Razzien in Hessen und Berlin.

Hamburg: Razzien gegen Muslim Interaktiv

Ein Neubau in Lohbrügge, 6 Uhr morgens: Zahlreiche Polizeikräfte verschaffen sich lautstark Zugang zu einer Drei-Zimmer-Wohnung, in der ein Mann mit Frau und vier Kindern wohnt. Er ist während der Razzia vor Ort, läuft immer wieder durch den Hausflur. An der Wohnungstür hängt ein goldenes Schild mit der Aufschrift „Allah the Greatest”. Im Laufe des Vormittags tauchen mehrmals jüngere Männer auf, teils mit auffälligen, hochmotorisierten Fahrzeugen. Sie haben augenscheinlich Interesse an der Aktion. Sonst bleibt es ruhig.

Ein Schild „Allah the Greatest” hängt an der Wohnungstür.
Ein Schild „Allah the Greatest” hängt an der Wohnungstür.

Die gleiche Wohnung wurde bereits 2023 durchsucht – ebenfalls in Zusammenhang mit Ermittlungen gegen Muslim Interaktiv. Gespräche mit Nachbarn vermitteln einen kleinen Eindruck vom Leben dort. Laut den Aussagen trifft man die Frau kaum außerhalb der Wohnung an. Der Mann soll Frauen nicht begrüßen oder mit ihnen zusammen den Fahrstuhl betreten. Zudem soll es häufiger zu Treffen – mutmaßlich aus der Szene – in einem nahegelegenen Gastronomiebetrieb kommen.

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In Lohbrügge dauerte die Durchsuchung am Mittag noch an. Abgeschlossen waren dagegen bereits zwei Durchsuchungen in Mümmelmannsberg und Neuallermöhe. In Neuallermöhe wohnt Joe Adade Boateng, der sich selbst „Raheem Boateng“ nennt.

Muslim Interaktiv
Der Islamisten-Influencer: Raheem Boateng aus Hamburg ist das Gesicht von „Muslim Interaktiv“ im Internet. Er postet beinahe täglich Videos auf TikTok.

Der Mitte-20-Jährige ist das Gesicht von Muslim Interaktiv in den Sozialen Medien, über die die Gruppe gezielt junge Muslime radikalisiert. Er ist Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters, hat einen deutschen Pass und studierte auf Lehramt. Bundesweit bekannt wurde er als Organisator der Kalifat-Demos, bei denen Tausende in Hamburg-St. Georg für ein islamistisches Regime auf die Straße gingen.

Razzien: Polizei stellt Beweise sicher

Nach MOPO-Informationen wurde bei den Razzien Beweismaterial sichergestellt, das Verbindungen zu der in Deutschland seit 2003 verbotenen Partei Hizb-ut-Tahrir (HuT) zeigt. Der Hamburger Verfassungsschutz hatte Muslim Interaktiv als eine Tarnorganisation von HuT betrachtet und auch den Gruppen Generation Islam und Realität Islam wird die Nähe nachgesagt.

Polizeikräfte bei dem Einsatz in einem Neubau in Lohbrügge.
Polizeikräfte bei dem Einsatz in einem Neubau in Lohbrügge.

Muslim Interaktiv lehne das Demokratie- und Rechtsstaatsprinzip ab und weise damit eine verfassungsfeindliche Grundhaltung auf, hieß es zur Begründung des Verbots vom Innenministerium. Zudem verstoße der Verein gegen den Gedanken der Völkerverständigung, indem er das Existenzrecht Israels bestreite.

Verbot: „Schlag gegen Tiktok-Islamismus”

Laut Innenminister Dobrindt wurden seit dem Morgen insgesamt 19 Objekte in Hamburg, Berlin und Hessen durchsucht und dabei Bargeld, Datenträger und handschriftliche Notizen sichergestellt. Er erklärte, seit etwa eineinhalb Jahren trete der Verein verstärkt öffentlich auf. Deshalb habe man in den vergangenen Monaten Erkenntnisse für ein Verbotsverfahren gesammelt.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) gab am Mittwoch das Verbot und die Ermittlungen bekannt.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) gab am Mittwoch das Verbot und die Ermittlungen bekannt.

Muslim Interaktiv wolle die Gesellschaft spalten – vor allem durch die Radikalisierung junger Leute, erläutert Dobrindt. Er betont: „Wir treten gegen jede Form von Radikalisierung an – egal von welcher Seite.”

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In der Hamburger Politik trifft das Verbot auf weite Zustimmung. Muslim Interaktiv sei vom Hamburger Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft und eindeutig dem islamistischen Spektrum zugeordnet worden, betont Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). „Die in Hamburg gesammelten Erkenntnisse haben maßgeblich dazu beigetragen, ein bundesweites Verbot zu ermöglichen.”

Innensenator Andy Grote (SPD) spricht von einem Schlag gegen „den modernen Tiktok-Islamismus”. Mit dem Verbot habe man „eine gefährliche und sehr aktive islamistische Gruppierung ausgeschaltet”.