Hamburg

Müllverwertungsanlage: Zehn Fragen zum 750-Millionen-Skandal

Vorzeigeprojekt der Stadtreinigung wird deutlich teurer – das bringt auch Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) in Bredouille. (Archivbild)
Vorzeigeprojekt der Stadtreinigung wird deutlich teurer – das bringt auch Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) in Bredouille. (Archivbild)

Kostenexplosion, Filz-Vorwürfe: Neubau fliegt den Grünen um die Ohren. Wer ist schuld?

Beim Debakel um den Bau der neuen Müllverwertungsanlage kommen immer mehr Details ans Licht. Mit Kosten von womöglich 750 Millionen Euro oder mehr ist bald Elphi-Niveau erreicht. Und fertig ist das Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE) auch nicht. Die Suche nach den Schuldigen läuft auf Hochtouren. Die MOPO erklärt, worum es geht.

Warum ist das ZRE so wichtig für Hamburg?

Das ZRE an der Schnackenburgallee in Bahrenfeld soll Restmüll und gewerblichen Müll aus Hamburg und dem Umland sortieren, Wertstoffe fürs Recycling gewinnen und aus dem Rest Strom und Fernwärme liefern. Das Projekt gilt als wichtiger Baustein der Hamburger Wärmewende.

Wie konnte das Projekt so viel teurer werden?

Das wird aufgearbeitet. Die Kosten stiegen seit 2017 von 234 Millionen Euro über 534 Millionen Euro auf nun womöglich 750 Millionen Euro oder mehr. Eine offizielle Angabe dazu, wie teuer es noch wird, gibt es nicht.

Laut einer Senatsantwort auf eine Anfrage der CDU hat es unvollständig kalkulierte Personal- und Projektkosten gegeben. Dazu kamen Nachträge, Mehrmengen, Bauzeitverzug und zusätzliche Baustellenkosten.

Wer zahlt das jetzt?

Die Hamburger – vor allem über ihre Müllgebühren. Wie stark es sich auswirkt und ab wann, ist laut Stadtreinigung Hamburg (SRH) noch offen, weil die endgültigen Projektkosten noch offen sind. Auch Folgen für den Fernwärmepreis werden nicht ausgeschlossen: Die Auswirkungen können laut Behörde derzeit „noch nicht seriös eingeschätzt werden“.

Was bedeutet die Verzögerung für Hamburgs Klimaziele?

Das ZRE geht nun wohl frühestens 2029/30 ans Netz – also drei Jahre später als geplant. Eine Teil-Inbetriebnahme ist technisch nicht möglich.

Hamburgs neue Müllverbrennungsanlage, das Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE), im August 2025.
Hamburgs neue Müllverbrennungsanlage, das Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE), im August 2025.

Dabei soll es doch Wärme aus dem Kohlekraftwerk Wedel ersetzen, das 2027 abgeschaltet werden soll. Die Umweltbehörde betont, Wärmewende und Fernwärmeversorgung seien nicht gefährdet; ebensowenig das Abschaltziel für Wedel, denn man setze auf mehrere Wärmequellen. Auf die Frage, ob durch den Zeitverzug mehr CO₂-Emissionen entstehen, gab die Behörde der MOPO keine Antwort.

Warum hat niemand früher Alarm geschlagen?

Genau das ist der Kern, denn bei so einer Kostensteigerung liegt es nahe, dass es schon länger nicht rund lief. Noch Ende 2025 soll dem Aufsichtsrat von den Ex-Chefs der SRH aber gemeldet worden sein, alles sei im Plan. Demnach wurden die Probleme erst mit dem Führungswechsel Anfang 2026 bekannt. Kritiker sehen darin auch ein Kontrollversagen des Aufsichtsrats.

Besonders brisant: Laut Senat wurden seit 2024 rund 14 Millionen Euro für Eigenpersonal und Freelancer nicht im Projektbudget berücksichtigt, das dem Aufsichtsrat berichtet wurde. In der Finanzbuchhaltung der SRH waren die Kosten aber erfasst. Warum sie im Projektbudget fehlten, kann die aktuelle Geschäftsführung nicht erklären.

Ist das ZRE trotz Kostenexplosion noch sinnvoll?

Nach Auffassung der Umweltbehörde ja. Das Projekt sei unverzichtbar und weit fortgeschritten. Fest steht: Hamburg braucht moderne Abfallverwertung und klimafreundliche Wärme. Zudem wäre auch ein Rückbau teuer. 

Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) und die neue SRH-Geschäftsführerin Daniela Enslein.
Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) und die neue SRH-Geschäftsführerin Daniela Enslein.

Doch weiß die Stadt eigentlich, ob sich die Anlage rein wirtschaftlich noch rechnet? Das bleibt unklar. Der Senat nennt weder den künftigen Verbrennungspreis pro Tonne noch die Erlöse aus dem Wärmeliefervertrag. Begründung: Geschäftsgeheimnisse. Auch die späteren Verbrennungspreise sollen erst zwischen ZRE GmbH und Stadtreinigung verhandelt werden.

Wer spielt in dem Skandal welche Rolle?

Es gibt mehrere Player. Zum einen die ehemaligen SRH-Chefs, die das Projekt verantwortet hatten. Darunter stehen nun Rüdiger Siechau (schied Ende 2025 aus) und Holger Lange (noch bis Ende Juli im Amt) im Fokus. Gegen Siechau und andere Projektbeteiligte werden nach MOPO-Informationen Regressansprüche geprüft.

Rüdiger Siechau (l), der ehemalige und langjährige Geschäftsführer der Hamburger Stadtreinigung, und Ex-Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) im Mai 2024.
Rüdiger Siechau (l.), der ehemalige und langjährige Geschäftsführer der Hamburger Stadtreinigung, und Ex-Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) im Mai 2024.

Ein weiterer Akteur ist der Aufsichtsrat, der die SRH kontrollieren soll. Er wurde von den Ex-Staatsräten Michael Pollmann, Anselm Sprandel und seit Sommer 2025 von Umweltsenatorin Katharina Fegebank (alles Grüne) angeführt.

Auch die neue Geschäftsführung der SRH ist wichtig: Daniela Enslein muss das Projekt in die richtigen Bahnen lenken.

Und wer trägt Verantwortung?

Juristisch ist das offen. Politisch liegt sie auf mehreren Ebenen: Die frühere Geschäftsführung muss erklären, weshalb das Projekt derart aus dem Ruder läuft – und ob sie den Aufsichtsrat richtig informiert hat. Der Aufsichtsrat muss erklären, warum Warnzeichen nicht früher erkannt wurden. Die Umweltbehörde muss erklären, warum es nach Hamburg Wasser und der Klärschlammverbrennungsanlage Vera II nun schon wieder Probleme bei einem ihrer Projekte gibt.

Was sind politische Folgen?

Der Fall setzt vor allem die Grünen unter Druck, denn bei der seit Jahren grüngeführten Umweltbehörde gab es mit Vera II schon einen ähnlichen Skandal. Die CDU sieht auch Senatorin Katharina Fegebank als aktuelle Aufsichtsratsvorsitzende in Verantwortung.

Hinzu kommen Filz-Vorwürfe: Ex-Staatsrat Pollmann erhielt später einen Beratervertrag beim ZRE, Holger Lange (SPD) kam 2015 ohne Ausschreibung zur Stadtreinigung und wurde bisher nicht freigestellt. Die CDU sieht darin Klärungsbedarf.

Heikel: Pollmanns Beratervertrag wurde laut Senat 2025 freihändig vergeben, ohne formelles Vergabeverfahren. Begründung: Für die Aufgabe seien besondere politische Kenntnisse und Kontakte nötig gewesen, die nur Pollmann gehabt habe. Seine Aufgaben werfen aber Fragen auf: Der ehemalige Staatsrat soll mit Pinneberg über die Akquise von Müll und bei einem Streit um einen Parkplatz verhandelt haben. Die aktuelle Geschäftsführung kann nicht erklären, warum: Sie habe den Nutzen von Anfang an kritisch gesehen und daher auch keine Aufträge mehr an Pollmann vergeben. 

Der Vertrag wurde beendet, als die Zustände beim ZRE öffentlich wurden. Wie hoch sein Honorar war, bleibt geheim.

Sandro Kappe ist umweltpolitischer Sprecher der CDU. (Archivbild)
Sandro Kappe ist umweltpolitischer Sprecher der CDU. (Archivbild)

Die CDU spricht deshalb von einem massiven Aufklärungsbedarf: Warum bekam Pollmann den Auftrag überhaupt – und warum wurde dieser erst beendet, als das ZRE-Debakel öffentlich immer größer wurde?

Wie geht es jetzt weiter?

Die CDU hat eine Aktenvorlage in der Bürgerschaft durchgesetzt. Damit ist die Aufarbeitung des Skandals in vollem Gang. Parallel werden Haftungsfragen geklärt. Die Arbeit beim ZRE läuft weiter. Wie teuer es wird, ist offen.

Beim Debakel um den Bau der neuen Müllverwertungsanlage kommen immer mehr Details ans Licht. Mit Kosten von womöglich 750 Millionen Euro oder mehr ist bald Elphi-Niveau erreicht. Und fertig ist das Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE) auch nicht. Die Suche nach den Schuldigen läuft auf Hochtouren. Die MOPO erklärt, worum es geht.

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