MOPO exklusiv: Studie zeigt, wie erschreckend verbreitet der Judenhass wieder ist

Antisemitismus
Neue Studie zeigt: Antisemitismus nimmt in unserer Gesellschaft extrem stark zu – auch unter Jugendlichen.

Man hört sie auf Pausenhöfen, in TikTok-Videos, in privaten Gesprächen: Sätze, wie „Juden kann man nicht trauen, Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss, zu viel Macht.“ Was noch vor wenigen Jahren verschämt und hinter vorgehaltener Hand geäußert wurde, wird heute offen gesagt. Antisemitismus ist auf dem Vormarsch, in allen Teilen der Gesellschaft. Auch und gerade unter Jugendlichen.

Das zeigen die neuen Zahlen des Forschungsprojekts MOTRA, die der Hamburger Kriminologe Prof. Dr. Peter Wetzels mit seinem Team im Rahmen einer Langzeitstudie ermittelt hat und über die die MOPO heute als erstes Medium berichten darf. Der Befund ist eindeutig: Antisemitismus unter Jugendlichen nimmt nicht nur zu – er verschärft sich rasant. Ein Effekt des Gaza-Krieges.

Jeder 13. Jugendliche in Deutschland hegt antijüdische Ressentiments

Von 2022 auf 2024 hat sich demnach der Anteil der Jugendlichen, die mindestens offen sind für antisemitische Ressentiments, von 4,1 auf 7,9 Prozent nahezu verdoppelt. Jeder 13. Jugendliche hegt also antijüdische Ressentiments – und das in einem Land, das sich der Erinnerung an den Holocaust besonders verpflichtet fühlt.

Peter Wetzels
Der Hamburger Kriminologe Professor Peter Wetzels hat eine Studie zu Antisemitismus unter Jugendlichen gemacht – mit alarmierenden Ergebnissen.

Die Daten stammen aus dem sogenannten JuMiD-Panel – einer Langzeituntersuchung, bei der in regelmäßigen Abständen 3000 Jugendliche und Heranwachsende danach befragt werden, wie sie zur Demokratie stehen, wie groß ihr Vertrauen in die Institutionen des Staates ist und wie ihre Einstellungen sind – auch zu Minderheiten.

Was die Studie zeigt: Antisemitismus ist nicht gleichmäßig verteilt. Die Forscher schauten sich genau an, ob die Befragten gläubig sind oder nicht, welcher Religion sie angehören, ob sie einen Migrationshintergrund haben und, wenn ja, ob sie zur ersten Einwanderergeneration gehören oder zur zweiten. Die Ergebnisse sind teils erschreckend: Von 2022 auf 2024 hat sich bei Nichtmuslimen ohne Migrationshintergrund, sprich bei Personen mit deutschem Pass und ohne jeden Migrationshintergrund, der Anteil der Jugendlichen mit klar antisemitischer Einstellung von zwei auf 2,8 Prozent erhöht – ein Plus von immerhin 40 Prozent.

Besonders stark gewachsen ist der Judenhass unter Muslimen – von 5,7 auf 18,8 Prozent

Weit verbreitet ist Antisemitismus unter Nichtmuslimen mit Migrationshintergrund: Der Anteil der Personen mit klar antisemitischer Einstellung stieg hier in der ersten Migrationsgeneration von 5,8 auf 12,7 Prozent und in der zweiten Generation von 3,1 auf 5 Prozent.

In keiner Gruppe jedoch ist der Anstieg so stark wie unter Muslimen. Dort ist der Anteil derjenigen, die eine klar antisemitische Einstellung haben, von 5,7 Prozent auf 18,8 Prozent in die Höhe geschossen. Das ist mehr als eine Verdreifachung. Zählen die Forscher noch diejenigen hinzu, die zumindest offen sind für antisemitisches Gedankengut, kommen sie hier sogar auf 31 Prozent. Das heißt, jeder dritte Muslim zwischen 16 und 21 stimmt antisemitischen Aussagen ganz oder teilweise zu.

Wer glaubt – und diese These vertreten Rechtsextremisten ja sehr gerne – dieser migrantische Antisemitismus sei eine Folge der Zuwanderung der jüngsten Zeit, der irrt. „Es sind gerade nicht die neu nach Deutschland gekommenen Muslime, die für den Anstieg sorgen“, so der Leiter des Forschungsprojekts, der Hamburger Kriminologie-Professor Peter Wetzels. „Im Gegenteil: Der Anstieg findet insbesondere unter jenen Jugendlichen und Heranwachsenden jungen Muslimen statt, die bei uns aufgewachsen sind, bei uns den Kindergarten und die Schule besucht haben“ – also bei der zweiten Generation muslimischer Einwanderer. Von 2022 auf 2024 verzeichneten die Forscher in dieser Gruppe eine Verdreifachung – von 8 Prozent auf 27,4 Prozent. Das heißt: Jeder vierte muslimische Jugendliche zwischen 16 und 21 der zweiten Einwanderergeneration stimmt antisemitischen Aussagen ganz oder teilweise zu.

Seltsamerweise nimmt der Antisemitismus unter Muslimen der zweiten Generation besonders stark zu

Wir erinnern uns an die Aufmärsche von „Muslim Interaktiv“ vor einem Jahr, als Hunderte junger Muslime in St. Georg für einen Gottesstaat demonstrierten. Und erst kürzlich berichteten die MOPO und andere Medien über das Problem des „Islamismus an Hamburger Schulen“ – über muslimische Schüler, die als besonders fromm auftreten und Mitschüler, die nicht fasten und Mädchen, die kein Kopftuch tragen, unter Druck setzen. Die Forschungsergebnisse von Professor Wetzels erklären davon vieles.

Was aus Sicht des Forschers der Grund dafür ist, dass ausgerechnet unter vermeintlich integrierten muslimischen Jugendlichen der Antisemitismus so zunimmt? Wetzels sagt, oft handele es sich um junge Menschen, die sich für diskriminiert halten, die keinen Platz in der Gesellschaft sehen – und bei radikalen Gruppen oder Influencern, die meist über soziale Netzwerke wie Tiktok und Telegram agieren, indoktriniert werden. Wetzels spricht von Retraditionalisierungsprozessen: Die jungen muslimischen Migranten, die sich ausgegrenzt fühlen, wenden sich umso mehr ihrem Glauben zu – oder dem, was sie dafür halten. Zahlen belegen das: Eine zunehmende Zahl junger Muslime vertritt die Meinung, dass es nur eine einzig wahre Auslegung des Korans gibt – und nur derjenige ein echter Muslim ist, der sich bedingungslos daran hält.

Sind religiöse Menschen etwa per se antisemitischer als andere? Wetzels sagt: Nein. Aber: Eine fundamentalistische Auslegung der Religion könne den Boden dafür bereiten – vor allem, wenn sie mit einem autoritären Weltbild und einer Ablehnung westlicher Gesellschaften einhergehe.

Professor Wetzels: „Gaza-Krieg ist der Brandbeschleuniger des Antisemitismus“

Dass von 2022 auf 2024 der Antisemitismus zugenommen hat, hängt nach Überzeugung des Kriminologen stark mit dem Gaza-Krieg zusammen: Seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der militärischen Reaktion Israels in Gaza habe sich der Nahostkonflikt auch in die Lebenswelt der Jugendlichen hierzulande verlagert. Viele identifizierten sich mit dem Leid der Palästinenser – und reagierten mit Empörung auf die aus ihrer Sicht einseitige Berichterstattung und auf das Verbot propalästinensischer Demonstrationen. Bei einigen, so Wetzels, schlage diese Wut in pauschalen Judenhass um. „Antisemitische Narrative finden gerade in sozialen Netzwerken wie TikTok oder Telegram massenhaft Verbreitung“, so der Kriminologe. Der Gaza-Krieg sei zum Brandbeschleuniger des Antisemitismus geworden.

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Wetzels gibt zu bedenken: Ziel der Antisemitismus-Studie sei es nicht, ganze Gruppen zu stigmatisieren. „Es ist auch falsch, Muslime unter Generalverdacht zu stellen – schließlich sind 70 Prozent der muslimischen Jugendlichen ausdrücklich nicht antisemitisch, das dürfen wir nicht vergessen!“ Gemacht worden sei die Studie, um zu verstehen, warum bestimmte Jugendliche empfänglich für antisemitisches Denken sind, so Wetzels, „denn dann können wir gezielt dagegen anarbeiten.“

„Wir sollten muslimische Gemeinden als Partner gegen Antisemitismus gewinnen“

Präventionsarbeit sei jetzt wichtig: Schulen müssten Räume schaffen, in denen Jugendliche über ihre Herkunft, ihre Religion, ihre Ängste und Widersprüche sprechen können – ohne sofort als „Problemfälle“ abgestempelt zu werden. Antisemitismusprävention müsse interkulturell sensibel, aber zugleich klar in der Haltung sein. Es dürfe keinen falschen Kulturrelativismus geben – also keine Toleranz gegenüber Intoleranz, nur weil sie kulturell oder religiös begründet wird. Wer alles, was aus anderen Traditionen stammt, einfach hinnehme, riskiere, gefährliche Weltbilder zu verharmlosen. Gleichzeitig dürfe es aber auch keine pauschale Verurteilung ganzer Gruppen geben. Stattdessen: Bildungsarbeit, Dialogformate, Begegnungen – etwa mit Zeitzeugen, mit jüdischen Gemeinden, mit Menschen, die von Antisemitismus betroffen sind. Wichtig sei dabei auch, aktiv auf muslimische Gemeinden zuzugehen und sie als Partner für die präventive Arbeit mit jungen Menschen, zur Förderung von Toleranz und interreligiöser Verständigung zu gewinnen.