Mobbing, Sexismus, Machtmissbrauch: Ex-UKE-Ärztin klagt an!
Mobbing, sexistische oder rassistische Kommentare und sogar üble Beschimpfungen durch Chefs oder Oberärzte gehören einer Umfrage des Marburger Bundes unter Ärzten zufolge zum Alltag an Hamburger Kliniken. 87 Prozent von 500 Befragten haben in Kliniken schon Machtmissbrauch erlebt. Fast alle Betroffenen schweigen aus Angst um Job oder Karriere. Eine nicht: Die Neurochirurgin Dr. Kara Krajewski geht an die Öffentlichkeit. Die 43-Jährige hat eine „Petition gegen Machtmissbrauch in der Medizin“ gestartet und nach eigenen Angaben innerhalb von 14 Tagen bereits rund 2500 Unterschriften gesammelt.
Kara Krajewski berichtet der MOPO über schlimme Erfahrungen, die sie selbst am UKE in Eppendorf gemacht habe. Zunächst wurde die ehrgeizige junge Ärztin von ihren Vorgesetzten gefördert und unterstützt. Doch nach der Geburt ihres zweiten Kindes wollte sie „nur“ noch 40 statt der üblichen mindestens 48 Wochenstunden arbeiten. Das kam nicht gut an, sagt Krajewski.
Anstatt für Operationen eingeteilt zu werden, wurde sie zur Versorgung der Patienten auf Station eingesetzt. Ohne ausreichende OP-Praxis kam sie in ihrer Facharztausbildung jedoch nicht weiter. Sie geriet in eine Karriere-Sackgasse. Der Chefarzt drohte der Medizinerin, dass ihre Karriere vorbei sei, wenn sie ein drittes Kind bekomme. Eine Oberärztin habe ihr erklärt, so Krajewski, sie dürfe nicht zu ihrem kranken Kind nach Hause fahren, sondern solle doch bitte ein Kindermädchen anstellen.
„Letztlich leiden die Patienten, wenn die Strukturen in Kliniken von Angst geprägt sind“
Krajewski zufolge habe ihr in dieser schwierigen Situation ein Vorgesetzter angeboten, sie könne wieder operieren – aber bitte nackt! Als sie sich darüber beschwerte, erklärte der Chefarzt, er wolle sie nicht mehr in seiner Nähe sehen, sagt sie. Anschließend operierte er statt mit Krajewski sogar öfter mit Studenten. Die ehemals so engagierte Ärztin resignierte und verließ das UKE. Sie sagt: „Es ist wirklich traurig. Letztlich leiden die Patienten, wenn die Strukturen in Kliniken von Angst geprägt sind. Die Patientensicherheit ist durch diese Umstände massiv bedroht.“
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Stichwort UKE. Im Juni 2024 hatte die MOPO aufgedeckt, dass sich mehr als 30 Mitarbeiter einer dortigen Klinik in einem Brief an die Leitung des Universitätsklinikums massiv über ihren Chefarzt beschwert hatten. Zunächst reagierte das UKE nicht auf den MOPO-Bericht, schließlich sah sich die UKE-Leitung jedoch gezwungen, den Mediziner freizustellen. Es folgte eine Kündigung.
Es sollen Ausdrücke wie „gehirnamputiert“ gefallen sein
Dagegen ging der Professor vor dem Hamburger Arbeitsgericht vor. Dort wurden die Vorwürfe konkretisiert. Dem gekündigten Arzt wurde vorgeworfen, er habe sich herablassend und beleidigend gegenüber ihm Unterstellten geäußert. Dabei sollen Ausdrücke wie „gehirnamputiert“ gefallen sein. Außerdem wurden dem Arzt rassistische Äußerungen und sexistisches Verhalten gegenüber Mitarbeiterinnen vorgeworfen. In einem Fall soll er sich gut sichtbar für zwei Kolleginnen eine halbe Minute lang in den Schritt gefasst und die Frauen dabei fixiert haben. So etwas nennt man dann wohl toxisches Führungsverhalten.
Der Arzt wies die Vorwürfe zurück, klagte auf Wiedereinstellung im UKE. Doch im Mai 2025 entschied das Arbeitsgericht gegen ihn, die Kündigung sei aufgrund der glaubhaften Vorwürfe rechtens.
OP-Assistentin vor Gericht: „Ich hatte Angst, habe geweint“
Über einen ganz ähnlichen Fall berichtete die MOPO im Dezember 2024: Der Chefarzt einer Hamburger Asklepios-Klinik klagte vor dem Arbeitsgericht gegen seine Kündigung. Der Vorwurf: Der Arzt soll eine 23-jährige Mitarbeiterin belästigt und versucht haben, sie zu küssen. Die OP-Assistentin sagte vor Gericht aus: „Ich hatte Angst, habe geweint.“
Dass solche Fälle öffentlich werden und vorm Arbeitsgericht landen, ist die absolute Ausnahme. Nach Kara Krajewskis Erfahrungen schweigen die allermeisten Betroffenen aus Angst um die Karriere und viele Chefärzte agieren weiterhin wie Halbgötter in Weiß. Um das zu ändern, nun ihr Vorstoß mit der Petition. Ihre Forderungen:
1. Aufnahme des Straftatbestandes „Mobbing in der Medizin“ ins Strafgesetzbuch.
2. Erweiterung des Schutzes von Mitarbeitern in Kliniken unter Beachtung dortiger Machtstrukturen, denkbar sei hier eine Beweislastumkehr.
3. Einrichtung eines Meldeportals, in dem sich Betroffene anonym offenbaren und mitteilen können, in welcher Klinik sie in welcher Abteilung Machtmissbrauch erfahren haben. So könnten sich Betroffene zusammentun, um sich gegenseitig zu unterstützen und gezielt gemeinsame Maßnahmen ergreifen.
4. Einrichtung von externen Meldestellen zu Diskriminierung/Mobbing, die nicht mit Klinikpersonal oder Ärzten besetzt sind. Denkbar wäre eine Sonderstelle der Staatsanwaltschaft.
Ärztinnen und Ärzte starten Petition
Wenn die Petition 30.000 Unterschriften bekommt, wird sie öffentlich beim Petitionsausschuss in Berlin behandelt. Der Ausschuss ist die Schnittstelle zwischen Bundestag und Bürgern. Jedermann kann sich so direkt an die Politik wenden und berechtigte Anliegen öffentlich machen.
Kara Krajewski hat schon viel Zuspruch aus Hamburger Kliniken für ihr Engagement bekommen. Auch viele männliche Ärzte berichten von Herabsetzungen, beispielsweise als sie Elternzeit nehmen wollten. Viele Betroffene trauen sich aber nicht, namentlich zu unterzeichnen.
Die mutige Ärztin selbst hat sich, obwohl inzwischen habilitierte und hochspezialisierte Chirurgin, aus dem Hamburger Klinikbetrieb verabschiedet. Sie kurvt mit ihrem Ford Mustang übers platte Land in Schleswig-Holstein und arbeitet als Palliativmedizinerin. Hier kann sie sich frei von eitlen, arroganten oder sexistischen Vorgesetzten um Sterbende kümmern, ihre Schmerzen lindern und ihre Wunden versorgen.