Mitten in Hamburg plötzlich verschwunden: Wo ist der älteste Paternoster der Welt?

Das ist alles, was vom Paternoster noch übrig geblieben ist.
Das ist alles, was vom Paternoster noch übrig geblieben ist.

Da, wo sich bislang der älteste Paternoster der Welt versteckte, klafft jetzt nur noch eine riesige Lücke. Der über 100 Jahre alte, denkmalgeschützte Aufzug im Flüggerhaus am Rödingsmarkt wurde offenbar ohne Genehmigung entfernt. Das Denkmalschutzamt reagierte umgehend und verhängte einen vorläufigen Baustopp.

„Das ist wirklich schockierend. Das war ein Kulturdenkmal seinesgleichen“, sagt Patric Wagner, Restaurator und Inhaber eines Hamburger Aufzugdienstes, der MOPO. Er und sein Team hatten den Paternoster erst vor wenigen Jahren vollständig restauriert. Zuvor hatte der NDR berichtet.

Denkmalgeschützter Paternoster plötzlich verschwunden

Der denkmalgeschützte Aufzug stammt aus dem Jahr 1908, wurde 1979 stillgelegt – und anschließend vergessen. Erst 2018 wurde der Paternoster nach Recherchen eines Kunsthistorikers im Kontorhaus wiederentdeckt, versteckt hinter Brettern. „Für sein Alter war der wirklich noch top in Schuss!“, erzählt Wagner.

Das könnte Sie auch interessieren: Schilleroper: Gericht weist Beschwerde zurück – Eigentümerin muss Gerüst sichern

2019 wurde das Gebäude-Ensemble an den österreichischen Investor René Benko und seine Firma Signa verkauft. Benko hatte große Pläne für die von ihm sogenannten „Flüggerhöfe“ und beauftragte Wagner mit der umfassenden Sanierung des Paternosters. Über 2500 Arbeitsstunden seien in das Projekt geflossen, erzählt Wagner. Bezahlt worden sei nur ein Teil der Arbeiten.

Patric Wagner und sein Team restaurierten den denkmalgeschützten Paternoster im Flüggerhaus.
Patric Wagner und sein Team restaurierten den denkmalgeschützten Paternoster im Flüggerhaus.

Nachdem Benko und seine Signa in die Insolvenz gegangen waren, erwarb 2024 der Hamburger Immobilieninvestor Harm Müller-Spreer das Gebäude-Ensemble am Rödingsmarkt. Er kündigte damals gegenüber der MOPO an, die Planungen der Signa grundsätzlich übernehmen zu wollen. Auf der rund 8500 Quadratmeter großen Fläche sollen künftig vor allem Büros sowie Einzelhandel und 19 Mietwohnungen entstehen.

Die „Flüggerhöfe“ am Rödingsmarkt (mittig im Bild) werden derzeit saniert.
Die „Flüggerhöfe“ am Rödingsmarkt (mittig im Bild) werden derzeit saniert.

Das Denkmalschutzamt hat aufgrund des verschwundenen Paternosters einen Baustopp verhängt, wie Sprecher Enno Isermann bestätigte. „Das Denkmalschutzamt wird sich nun einen Überblick über den entstandenen Schaden verschaffen und die weiteren rechtlichen Schritte klären.“ Wie, wann genau und vor allem warum es dazu kommen konnte, ist bislang unklar. Besonders schräg: Im Internet werden die künftigen Büros von einem Makler noch angepriesen mit: „Als ganz besonderes Highlight ist der hauseigene Paternoster zu erwähnen – übrigens, der älteste Paternoster der Welt. Ja, der Welt!“ Müller-Spreer äußerte sich auf eine aktuelle MOPO-Anfrage bislang nicht.

„Das ist wirklich tragisch“, sagt Patric Wagner. „Der Aufzug hatte den Ersten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zwar von den Bomben der Alliierten getroffen, überlebte aber auch das.“ Den Titel des ältesten Paternosters der Welt müsste Hamburg nun wohl an Wien abgeben, ergänzt er. „Im dortigen Haus der Industrie ist der bislang zweitälteste Aufzug dieser Art aus dem Jahr 1912 erhalten.“