Ministerin besucht jüdische Schule – und warnt vor erstarktem Antisemitismus

Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger besuchte am Freitag die jüdische Joseph-Carlebach-Schule im Grindelviertel.
Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger besuchte am Freitag die jüdische Joseph-Carlebach-Schule im Grindelviertel.

Keine 24 Stunden sind vergangen seit dem verhinderten Attentat von München, da besucht am Freitagmorgen Bundesbildungsministerium Bettina Stark-Watzinger (FDP) die jüdische Joseph-Carlebach-Schule im Grindelviertel. Polizeischutz gibt es vor dem Gebäude der ehemaligen „Talmud-Tora-Schule“ auch sonst ständig. Doch gegenwärtig scheint die Zahl der Beamten, die – teils bewaffnet mit Maschinenpistolen – Patrouille laufen, größer zu sein als üblich. Ein Indiz dafür, dass die Sorge vor einem Anschlag groß ist.

Dass die Ministerin am Tag nach diesem Ereignis das Grindelviertel besucht, ist Zufall. Die Visite war schon länger geplant. Aber sie nutzt die Gelegenheit, ihre Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde zum Ausdruck zu bringen. „Wir leben in schwierigen Zweiten, wir sehen, dass Antisemitismus wieder verstärkt um sich greift. Er war nie weg, aber jetzt bricht er sich schamlos Bahn“, so Stark-Watzinger zur MOPO. Sie erinnert daran, dass sich der vereitelte Anschlag von München am Jahrestag des Olympia-Attentats von 1972 ereignete: „Das ist schon auch ein Statement.“ Damals ermordeten palästinensische Terroristen elf der 14 israelischen Olympia-Teilnehmer, auch ein deutscher Polizist starb.

„Sobald die Schüler die Schule verlassen, sind sie potenziell in Gefahr“

Eine Stunde Zeit nimmt sich die Politikerin, um die jüdische Schule zu besichtigen. Auf die Frage der MOPO, welchen Eindruck sie dabei gewonnen habe, antwortet sie: „Dass dort ganz hervorragende Arbeit geleistet wird. Es ist eine tolle Schule, in der ein sehr familiäres und ein sehr freuderfüllendes Lernen stattfindet.“ Das kameradschaftliche Miteinander von jüdischen und nicht-jüdischen Schülern – sie machen immerhin rund 50 Prozent aus – sei schön anzusehen, so Stark-Watzinger.

Doch der wachsende Antisemitismus hinterlässt auch in der Schule Spuren: Die Angst unter den Lehrkräften und den Schülern sei hoch und nimmt im selben Umfang zu wie die Zahl der Anschläge und antisemitischen Übergriffe im In- und Ausland. Zwar sei „die Schule selbst ein geschützter Raum“, so die Ministerin. Es gibt hohe Zäune, Kameraüberwachung, Polizei vor der Tür. „Aber sobald die Schüler die Schule verlassen, sind sie potenziell in Gefahr.“

„Juden trauen sich nicht mehr, öffentlich ihre religiösen Symbole zu zeigen“

Synagoge
Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP, r.) auf Hamburg-Besuch: Hier ist sie im Gespräch mit David Rubinstein, dem Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde (l.), und Wiebke Schirrow, der Leiterin der Joseph-Carlebach-Schule (M.). Auf dem Joseph-Carlebach-Platz lässt sie sich über die Pläne zum Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge unterrichten.

Die Bedrohung sei größer geworden in den letzten Wochen und Monaten, nicht zuletzt infolge des Gaza-Krieges, so die Ministerin. Internationale Konflikte führten zu Antisemistismus, zu Hass auf Juden, „da wird nicht mehr differenziert“. Es sei inzwischen schon so weit gekommen, dass sich jüdische Bürger hierzulande nicht mehr trauten, in der Öffentlichkeit religiösen Symbole zu zeigen. „Dazu darf niemand schweigen“, so die Ministerin. „Wir haben alle die Verantwortung, unsere Stimme zu erheben gegen den Antisemitismus.“

Ministerin sagt für den Wiederaufbau der Synagoge die Unterstützung der Bundesregierung zu

Die Ministerin verließ das Grindelviertel nicht, ohne sich vorher noch den Joseph-Carlebach-Platz zeigen zu lassen, wo einst die Bornplatzsynagoge stand – und wieder neu entstehen soll. David Rubinstein, der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde, berichtete der Ministerin davon, dass der Architekturwettbewerb für den Wiederaufbau soeben begonnen habe. In zwölf bis 15 Monaten werde eine Jury über die eingereichten Entwürfe urteilen.

Stark-Watzinger sagte der jüdischen Gemeinde für den Wiederaufbau die volle Unterstützung der Bundesregierung zu. Sie erinnerte daran, dass die Synagoge 1906 errichtet worden sei als sichtbares Zeichen dafür, dass jüdisches Leben zu Deutschland gehört. „Und mit dem Wiederaufbau wird es erneut so sein.“ Gerade jetzt sei dieser Wiederaufbau wichtig – „um denen, die nicht wollen, dass jüdisches Leben ein selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft ist, etwas entgegenzusetzen“.