Michael Wollenberg (†60): Das wilde Leben des schillernden Star-Kochs
Die martialische Wucht des Aufpralls habe Michael Wollenberg im Schlaf erfasst. Ein Lastwagen sei nachts in sein geparktes Wohnmobil gerast, berichten Freunde. Wollenberg, einer der schillerndsten Gourmet-Köche Deutschlands, war mit einem Bekannten und seinen Jagdhunden „Alpha“ und „Ares“ in der Türkei auf Durchreise. Ziel: das türkisch besetzte Nord-Zypern, Sehnsuchtsort für seinen Ruhestand. Dort kam er nicht an.
Auf der Intensivstation einer Istanbuler Klinik soll der 60 Jahre alte Hamburger am Sonntag seinen massiven Verletzungen erlegen sein. Die Todesnachricht sorgte für Bestürzung – weit über seine Heimatstadt hinaus, der Wollenberg den Rücken hatte kehren wollen. Die MOPO greift Schlaglichter eines aus dem Leben gerissenen Umtriebigen auf.
Die wilden Nächte
Herbst 2000, ein Donnerstagabend in einer weißen Villa am Alsterufer. Im Hochparterre kredenzt Michael Wollenberg im „Amadeus“ Fines-de-Claire-Austern und filetierte Seezunge zu erlesenen Weinen. Im Souterrain eint Party-Mogul Michael Ammer im „Select Club“ vorwiegend männliche Vertreter der Hamburger Stadtgesellschaft und sehr viele junge Frauen. Für die „Hühner“, wie Ammer die Damen abfällig betitelt, fließen Schampus und Wodka-O for free. Die Gentlemen zahlen. VIP-Gäste sind Musikproduzent Dieter Bohlen, Schauspieler Til Schweiger und Heiner Lauterbach, Komiker Otto Waalkes, Bauunternehmer Dieter Becken.
„Michi“, wie ihn seine Gäste rufen, hat die Villa Ende der 90er als „Insel“ übernommen, in der seit Generationen die gesellschaftliche Beletage die Nächte durchfeiert.
Selbstbewusst tauft er sie auf seinen Namen um. Finanziers des Szene-Etablissements: ein Trio millionenschwerer Kaufleute. Die piekfeine Adresse dient ihnen als Kontaktbühne für Business und Bunnys, Wollenberg fungiert als Zeremonienmeister. Er versteht es perfekt, den Treffpunkt zur Anbahnung lukrativer Geschäfte aller Art zu orchestrieren. Hamburgs Wirtschaft vermittelt der Gastronom Nicht-Gespräche mit politischen Entscheidern, Journalisten verschafft er Zugang zu Informanten.
Skandal-Senator Ronald Barnabas Schill nennt Wollenbergs Villa sein „zweites Wohnzimmer“, seine dortige Party-Präsenz „Bürger-Sprechstunde“. Aus seiner Sympathie für den politischen Hardliner macht Wollenberg keinen Hehl. Zur Bürgerschaftswahl 2001 organisiert er für dessen Wahlkampf Fundraising-Dinner.
Der steile Aufstieg
Das „Hotel Atlantic“, Ende der 70er. „Michi“, Jahrgang 1964, ist noch nicht volljährig, als er als Page in der Fünf-Sterne-Herberge anheuert. Später lernt er in der Küche, lässt sein Talent aufblitzen, avanciert 1985 zum „Deutschen Meister der Jungköche“. Wollenberg rackert Tag und Nacht, kocht im „Vier Jahreszeiten“, füllt Chefposten bei Spitzenköchen wie Heinz Winkler aus.
Als er 1991 in der von Geschäftsmann Charles Grendel geführten „Insel“ an der Alster den ersten eigenen Stern der Schlemmer-Bibel Guide Michelin erkocht, ist Wollenberg noch keine 30. Als „Bester Fischkoch der Welt“ greift er vier Jahre später im „Marinas“ am Harburger Hafen nach dem zweiten Stern, wird Werbe-Ikone, dreht TV-Spots für Bratöl. Im „Wollenberg“ erringt der Padrone drei Jahre in Folge den fabulösen Stern.
Der große Knall
2003 zerreißt es im Rathaus die Koalition von CDU und FDP mit der Schill-Partei. Auch in der Alster-Villa gehen die Lichter aus. Die Investoren ziehen den Stecker. Die Strapazen der Sterne-Küche, der nachlassende Gästezuspruch, die Party-Exzesse – ein toxischer Stress-Cocktail, der Wollenberg aus der Bahn katapultierte. Auch für Ammer hat es sich ausgehühnert. Drogen-Berichte beflecken den Nachtclub-Glamour. Die Party-Karawane zieht weiter. Wollenberg taucht zwei Jahre ab, frönt auf Reisen mit Verleger Alexander Jahr seiner Leidenschaft als Jäger – und kreiert daraus eine neue Geschäftsidee.
Die zweite Karriere
2005 startet Wollenberg in Hamburgs Norden mit dem „Wattkorn“ neu durch, tischt bodenständig deutsche Küche auf. Spezialität: vom Chef geschossenes Wild. Geweihe und ausgestopfte Tierköpfe dekorieren die „Speisewirtschaft“. Buddys aus Nächten an der Alster werden Stammgäste. In Volksdorf eröffnet er den „Eichenkrug“, in Langenhorn das Fisch-Lokal „Marlin“. Stehauf-Michi ist zurück im Spiel.
Der Gastronom findet Gefallen an Deals abseits vom Herd: Er managt Boxer, handelt Immobilien, vermittelt Leasing von Luxus-Autos. Wollenberg rauscht im schwarzen Lamborghini durch Hamburg, die Dichte an Wagen dieser Preisklasse vor dem „Wattkorn“ lässt auf gut laufende Geschäfte schließen.
Der dramatische Abschied
Genervt klagt der Promi-Koch jahrelang über behördliche „Schikanen“, muss sich vor Gericht verantworten. Freunden gesteht er die Sehnsucht nach Ausstieg, sucht Begleiter. Costa Rica reizt ihn. Am Ende wird es Nord-Zypern. Wollenberg bricht in Hamburg alle Zelte ab – und vorige Woche kurzfristig auf. Zwei seiner drei Restaurants hatte er in der Pandemie verkauft, das „Wattkorn“ erst kürzlich.
Von seiner Frau lebte der Sterne-Koch getrennt, über seine Tochter sprach er kaum. Seine langjährige Freundin sollte laut Freunden zunächst einmal in Hamburg bleiben.
Für den Unfalltod gibt es noch keine offizielle Bestätigung. Es kursiert kein Polizeibericht, kein Foto. Recherchen in der Türkei liefern bislang keine Antwort auf die Frage, was genau passiert ist auf Wollenbergs schicksalhafter Reise in sein erträumtes neues Leben. Ein Leben, das offenbar endete, bevor es beginnen sollte.