„Menschenunwürdig“ – Ukrainer zeigt Ekel-Fotos aus Hamburger Unterkunft
Er ist 23 Jahre alt, kommt aus Kiew und ist von Beruf Elektroingenieur. Er lebt seit fünf Monaten in Hamburg, weil er nicht in den Krieg ziehen will. „Ich möchte in Deutschland leben und arbeiten und so gut es geht meine Familie zu Hause in der Ukraine unterstützen“, erzählt Dmytro M. „Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin sehr, sehr dankbar dafür, dass die Bundesrepublik meinen Landsleuten und mir eine Zuflucht geboten hat. Aber so“, sagt er, „geht es nicht weiter.“
Die Zustände hier – und er meint damit die Geflüchtetenunterkunft am Überseering in der City Nord – seien „menschenunwürdig“. Dann legt er Fotos vor, die eine mehr als deutliche Sprache sprechen. Sie zeigen völlig verdreckte Sanitäranlagen. Duschwannen und Kloschüsseln, die mit Fäkalien und Müll bis zum Rand gefüllt sind. Verschmutzte Waschbecken, aus der Wand gerissene Steckdosen, eingetretene Wände und Türen, Wasserschläuche, an denen die Duschköpfe fehlen, Reste von Brandmeldern, die ihre Funktion nicht mehr erfüllen.
Furchtbare Zustände in der Flüchtlingsunterkunft Überseering 26
Die Aufzählung könnte fortgesetzt werden. Dmytro M. sagt: Er und seine Freunde hätten die Missstände immer wieder bei Sozialarbeitern und beim Sicherheitsdienst vor Ort angesprochen. „Entweder hieß es: ‚Das ist nicht unser Problem.‘ Oder wir wurden aufgefordert, die Duschen selbst zu reinigen.“ Geschehen sei nichts.
M. möchte keinen Zweifel aufkommen lassen: „Weder ich noch meine Freunde sind für die Zustände verantwortlich. Wir verschmutzen die Duschen nicht, rauchen dort nicht und zerstören keine sanitären Anlagen. Ich verstehe, dass ein Teil der Probleme durch einzelne Bewohner verursacht wird. Dennoch kann es nicht sein, dass Bewohner, die sich korrekt verhalten, wegen des Verhaltens einzelner Personen gezwungen sind, sich in Fäkalien, Schmutz und unhygienischen Zuständen zu waschen.“
Überseering 26. Ein Bürogebäude, einst Sitz der Postbank, seit Frühjahr 2023 die größte Flüchtlingsunterkunft Hamburgs. Sie hat jede Menge Schlagzeilen gemacht: Anwohner beschwerten sich über Flüchtlinge, die in ihren Vorgarten urinieren, über Trinkgelage und Lärm auf Spielplätzen. Es gab Berichte, dass immer wieder die Feuerwehr anrücken musste – mal weil Brände gelegt wurden, mal weil Kinder Unfug mit Brandmeldern trieben. Die MOPO berichtete aber auch über die zweifelhaften Lebensbedingungen in der Unterkunft, in der zeitweise mehr als 1000 Menschen lebten – offenbar viel zu viele auf engstem Raum.
Sprecher der Sozialbehörde: „Kleiner Bereich von Verschmutzung betroffen“
Dmytro M. ist der erste Flüchtling, der den Mut hat, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Der Ingenieur sagt, seitdem er hier wohnt, sei die Situation mit den Duschen problematisch. Von insgesamt acht Duschbereichen funktionierten regelmäßig nur zwei bis drei, häufig seien nur zwei Duschkabinen nutzbar. Aktuell sei die Lage besonders kritisch: Es gebe nur noch einen Duschbereich, der nicht stark rieche. Auch dieser Bereich sei jedoch schmutzig, teilweise fehlten Duschschläuche, einiges sei nicht vollständig nutzbar. „Manchmal muss ich zwei Stunden warten, um dranzukommen.“ Deshalb nutze er häufig die Duschen im Fitnessstudio oder bei der Arbeit, so der 23-Jährige, der bei einem Lieferservice jobbt.
M. stellt nun eine ganze Reihe von Forderungen: etwa dass die Dusch- und Toilettenräume sofort gereinigt, repariert, desinfiziert und regelmäßig kontrolliert werden. Außerdem seien diejenigen zu bestrafen, die für die Zustände verantwortlich sind. Seine Mail richtete M. nicht nur an die MOPO, sondern auch an die Sozialbehörde und an den Träger „Fördern & Wohnen“. Wolfgang Arnhold, Sprecher der Sozialbehörde, gesteht ein, eine Prüfung vor Ort habe ergeben, „dass ein kleiner Bereich von den Verschmutzungen betroffen“ gewesen sei. „Zudem wurde ein weiterer Bereich von Unbekannten aufgebrochen und ebenfalls verschmutzt.“
Beide Bereiche würden derzeit gereinigt und stünden schnellstmöglich wieder zur Verfügung. Arnhold verweist auf die Hausordnung, deren Einhaltung konsequent durchgesetzt werde. „Vermüllung, Vandalismus und schwere Konflikte werden nicht geduldet. Einzelne dürfen die Situation nicht auf Kosten der Allgemeinheit verschlechtern.“ Schwere oder wiederholte Verstöße gegen die Hausordnung könnten in letzter Konsequenz auch zu einer Verlegung aus der Unterkunft führen.
Bis Ende Juni soll die Zahl der Bewohner auf 900 sinken
Eine Ursache für die Vermüllung und den Vandalismus könnte die extreme Belastung vieler Bewohner sein: In der Unterkunft leben viele Menschen auf engem Raum zusammen, einige von ihnen sind durch Krieg und Flucht traumatisiert, viele haben kaum eine Perspektive. Laut Sozialbehörde konnte die Belegung immerhin schon deutlich reduziert werden – von 1366 Personen am 30. Mai 2025 auf aktuell 987 Personen am 31. März 2026. Bis Ende Juni 2026 soll die Zahl auf 900 sinken.
Mit seiner Protestmail hat Dmytro M. einiges erreicht. Kaum war sie abgeschickt, rückte auch schon die Reinigungskolonne an. Ein erster Erfolg. Der Behauptung von Behördensprecher Arnhold, die Sanitäranlagen würden ohnehin alle zwei Tage gereinigt, widerspricht M. vehement. „Wochenlang ist gar nichts passiert. Aber vielleicht ändert sich das ja jetzt. Hoffentlich.“