Mekka-Party, Schura, Staatsvertrag: Islam-Experte nennt Hamburgs Kurs „blauäugig“
Der Skandal um die „Mekka-Eroberungs-Party“ zu Silvester hat die Debatte um Hamburgs Staatsverträge mit Islamverbänden wie Schura oder DITIB neu entfacht. Publizist und Islam-Experte Eren Güvercin erklärt im MOPO-Interview, warum der „Feiertag“ aus seiner Sicht eine gezielte Erfindung ist, weshalb Senat und Schura aus der Schließung des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) nichts gelernt haben – und warum er dem SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Ali Kazanci seine Naivität nicht abnimmt.
MOPO: Die Vahdet Moschee in Wilhelmsburg hat an Silvester den „Tag der Eroberung von Mekka“ gefeiert. Warum wird dieses Fest genau an diesem Tag begangen?
Eren Güvercin: Das ist eine „Tradition”, die es in vielen Moscheegemeinden in Deutschland seit Jahrzehnten gibt. Es ist ein Angebot, das gezielt an junge Menschen herangetragen wird, als Alternative zu Silvester. In konservativ religiös geprägten Gemeinschaften herrscht die Vorstellung vor, dass man die Feiertage der Andersgläubigen nicht feiert. Das ist, finde ich, sehr hinderlich für das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft. Das Absurde ist auch, dass die Eroberung von Mekka, ehrlich gesagt, gar kein Feiertag ist. Es ist eine Erfindung von Islamisten und hat auch gar nicht am 31. Dezember stattgefunden.
Die Vahdet Moschee, in der die umstrittene Feier stattfand, gehört zum Islamverband „Schura“. Was halten Sie vom Staatsvertrag zwischen Hamburg und Islamverbänden wie Schura oder DITIB?
Jeder, der die islamistische Szene in Deutschland kennt, weiß, dass die Vahdet Moschee eine enge Beziehung zu der islamistischen Partei Hür Dava Partisi hat. Die ist aus der verbotenen Hizbollah hervorgegangen. Das sind keine Erfindungen von Islamfeinden, sondern Tatsachen, mit denen sich die Schura und der Senat auseinandersetzen müssen. Aber das findet selbst nach der Erfahrung mit dem Islamischen Zentrum Hamburg nicht statt. Ein Staatsvertrag ist sinnvoll und ein wichtiges Signal für die Hamburger Muslime. Aber beide Vertragspartner sollten eine gemeinsame Wertegrundlage haben.
Würden Sie sagen, dass die Stadt aus dem Vorfall mit dem extremistischen IZH, das erst 2024 vom Bundesinnenministerium geschlossen wurde, nichts gelernt hat?
Sowohl die Stadt, aber vor allem die Schura, die jahrelang jede Kritik am IZH abgewiegelt hat. Jetzt macht man es mit der Vahdet Moschee genauso und redet bei jeder Kritik von einem Generalverdacht gegenüber Muslimen. Dabei geht es um ein konkretes Beispiel. Ich bin selbst gläubiger und praktizierender Muslim. Aber ich will nicht die Augen vor problematischen Akteuren innerhalb der muslimischen Community verschließen.
Sind die Distanzierungen vom Islamismus durch Schura und DITIB glaubhaft?
Das geschieht immer nur nach öffentlichem Druck. Für wie glaubhaft kann ich die Distanzierung der Schura halten, wenn eine islamistische Gemeinde in den eigenen Reihen geduldet wird? Wie kann ich eine Distanzierung der DITIB glaubhaft nachvollziehen, wenn sie nicht in der Lage ist, eine eigene Haltung gegenüber der türkischen Religionsbehörde Diyanet einzunehmen?
Der Senat erhofft sich durch die Einbindung Mäßigung und Integration – ist das blauäugig?
Ja, das ist blauäugig und Wunschdenken. Der Vorsitzende der Schura, Fatih Yildiz, hat nach dem Vorfall mit der Vahdet Moschee gesagt, man werde künftig besser prüfen, welche Referenten die Vereine einladen. Aber erst vor einem halben Jahr hat das Bündnis Islamischer Gemeinden Norddeutschland, ebenfalls Mitglied der Schura, einen Theologen aus der Türkei nach Hamburg eingeladen, der ein glühender Anhänger der Hamas ist. Und jetzt trat in der Vahdet Moschee an Silvester wieder ein Referent auf, der die Hamas glorifiziert.
Auf der Veranstaltung der Vahdet Moschee war auch der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ali Kazanci anwesend. Er distanzierte sich später davon und sagte, er habe im Vorfeld nicht geprüft, wer auftreten wird.
Es kommt immer mal vor, dass Kommunalpolitiker zu Veranstaltungen gehen, ohne sich zu informieren. Bei Ali Kazanci glaube ich aber nicht an Naivität, denn er ist sehr vernetzt in der muslimischen Community. Er weiß, wo er hingeht. Immerhin hat er sich später klar positioniert. Ob das ein Lippenbekenntnis war, kann ich aber schwer beurteilen.
Kritiker sagen, es gebe innerhalb der SPD ein Islamismus-Problem. Was sagen Sie?
Es kommt auch bei anderen Parteien vor, dass Politiker aus Naivität oder um Wähler zu mobilisieren, zu problematischen Vereinen gehen. Dass es vielleicht bei der SPD in Sachen islamistischer Strukturen etwas häufiger vorkommt, liegt vor allem daran, dass lange Jahre sehr viele türkeistämmige Menschen traditionell eher die SPD gewählt haben.
Welche Gefahren sehen Sie konkret, zum Beispiel für Hamburg, wenn die Verträge jetzt in dieser Form, wie sie momentan sind, bestehen bleiben?
Die Politik, aber auch die Vertreter der Kirchen, tun den Muslimen insgesamt keinen Gefallen, wenn sie über Staatsverträge mit falschen Partnern islamistische Akteure aufwerten. Ich möchte auch, dass muslimisches Leben hier in Deutschland als deutsche Realität anerkannt wird, aber nicht indem problematische Strukturen aufgewertet werden.
Manche Kritiker haben Sorge, dass Islamisten oder türkische Rechtsextreme über die Staatsverträge auch Einfluss auf Hamburgs Schulen nehmen könnten. Wie sehen Sie das?
Ich denke nicht, dass das die Strategie dieser Akteure ist. Ich glaube eher, dass das Wichtigste vor allem die politische Aufwertung ist. Die ideologische Beeinflussung findet in ihren eigenen Strukturen statt. Dafür brauchen sie Hamburgs Schulen nicht.
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Was sollte der Senat Ihrer Meinung nach jetzt tun in Bezug auf die Staatsverträge?
Der Senat muss konkret die Vahdet-Gemeinde damit konfrontieren und fragen, wie sie zur Hür Dava Partisi und der Hizbollah steht. Und die SPD muss eine klare Haltung zeigen im Umgang mit islamistischen Strukturen. Sie war bisher vor allem damit beschäftigt, ihren Abgeordneten zu retten. Außerdem braucht es eine klare Haltung der Schura. Sie muss sich entscheiden, ob die Vahdet-Gemeinde weiter Mitglied in der Schura sein darf. Wenn es diese klare Positionierung nicht gibt seitens der Schura, dann führt kein Weg daran vorbei, den Staatsvertrag kritisch neu zu überdenken. Nämlich darauf, ob man wirklich eine gemeinsame Wertegrundlage mit dem Vertragspartner teilt oder nicht.