Wolf-Angriff in Hamburg: Wurde die Gefahr dramatisch falsch eingeschätzt?
Ein Wolf läuft tagelang durch Hamburg – und die Behörden machen: nichts. Nicht mal nach einem Angriff auf eine Frau gibt es eine Warnung. Kann das sein? In Hamburg offenbar schon.
Ein Wolf zieht durch Hamburg. Nicht durch Wälder oder über Felder am Stadtrand. Nein, der Wolf läuft durch bewohnte Stadtteile, springt über Zäune, treibt sich in Gärten rum, taucht vor einer Grundschule auf, wird am S-Bahnhof Othmarschen gesichtet, wo es unter anderem Restaurants und eine Einkaufsstraße gibt.
Keine Warnung vor dem Wolf – nicht mal an Eltern
Und was passiert? Nichts. Die zuständige Umweltbehörde lässt das Tier weiter durch die Stadt spazieren, Stellungnahmen lesen sich wie eine Beschwichtigung möglicher Risiken. Es gibt keine großflächige Warnung, nicht mal an Eltern, ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt nach draußen zu lassen.
Dass das keine Panikmache gewesen wäre, zeigt ein Fall aus dem August: Damals hatte im niederländischen Utrecht ein Wolf ein sechsjähriges Kind angegriffen und von einem Spielplatz gezerrt. Eltern konnten das Tier zum Glück mit Stöcken vertreiben. Doch in Hamburg leuchtet keine Warnapp auf, keine Warnung wird an die Medien gegeben.
Das Tier zieht also ungehindert weiter Richtung Osten, in immer dichter besiedeltes Gebiet. Bis es schließlich in der stark frequentierten Großen Bergstraße neben dem Altonaer Bahnhof auftaucht und dort eine Frau attackiert. Sie hatte versucht, das Tier aus einer Einkaufspassage zu geleiten – was ihr einige jetzt zum Vorwurf machen.
Wer rechnet schon mitten in der Stadt mit einem wilden Wolf?
Doch: Wer rechnet schon neben Aldi und Edeka mit einem wilden Wolf? Und wer weiß schon, wie man sich dann verhält? Vor allem, wenn die Behörden es nicht für nötig erachten, die Bevölkerung vor genau dieser Situation zu warnen, wenn das Tier durch die Stadt läuft?

Denn auch wenn Wölfe grundsätzlich als scheu gelten und Menschen meiden: Wie soll ein gestresstes Wildtier mitten im Zentrum eines der dicht bebautesten Viertel Hamburgs Menschen ausweichen?
Wolf in Hamburg: Selbst nach dem Angriff gibt es keine Warnung
Umso erstaunlicher, was dann passiert: Zwar ist nur wenige Meter neben dem Angriffsort eine Polizeiwache, doch der Wolf läuft offensichtlich ungehindert von Altona durch St. Pauli und das Karoviertel bis zur Alster. War es eine Option, das Tier auszuschalten, bevor es zu weiteren folgenschweren Zusammenstößen mit Menschen kommt? Unklar.
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Vor allem aber: Nicht mal jetzt, nach dem Angriff, gibt es eine Warnung an die Bevölkerung. Die zentrale Frage ist damit: Wurde die Gefahr völlig falsch eingeschätzt? Die Polizei verweist diesbezüglich auf die Umweltbehörde, an diese hat die MOPO einen umfangreichen Fragenkatalog geschickt.
Wer jetzt meint, dass damit ja niemand rechnen konnte: Zuletzt gab es immer wieder Wolfssichtungen am Hamburger Stadtrand, allein acht in den vergangenen zwei Jahren. Ein Tier wurde kürzlich sogar auf der A25 in Hamburg überfahren. Dass sich ein Wolf früher oder später in dichter besiedeltes Gebiet vorwagen könnte, war also absehbar. Es wirkt aber nicht so, als wären die Behörden darauf vorbereitet. Umso wichtiger, dass dieser Fall genau aufgearbeitet wird.
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