Warum gucken beim Leid der Schweine (fast) alle weg?
„Ich werde diesen grauenvollen Ort nie vergessen“, sagt Anna Schubert. Die Agrarwissenschaftlerin meint den Todesschacht in einem Schlachthof, in dem Schweine um ihr Leben kämpfen, wenn sie mit Kohlendioxid betäubt werden. „Die Tiere schreien, schlagen sich die Köpfe blutig und versuchen verzweifelt, dem Gas zu entkommen.“ Weil das zuständige Veterinäramt Vechta dagegen nicht vorgeht, wird es jetzt vom Landestierschutzverband Niedersachsen verklagt.
Anna Schubert hat den qualvollen Erstickungstod der Schweine sichtbar gemacht. Mit einem Atemschutzgerät war sie in den Betäubungsschacht des Schlachthofs von Brand Qualitätsfleisch in Lohne (Oldenburg) geklettert und hatte dort heimlich Kameras installiert. Alles ohne Genehmigung, und so landete sie vor Gericht – verlor in erster Instanz.
Dafür, dass die Verbraucher sehen können, was sie nicht sehen wollen, und wie gnadenlos die Fleischindustrie mit Tieren bis zu ihrem Tod umgeht, zahlt Anna Schubert einen hohen Preis. Emotional sowieso, aber wenn der Schlachthof mit seinen Forderungen durchkommt, auch finanziell. Schadensersatz von fast 100.000 Euro steht im Raum, die Summe soll Angst machen, einschüchtern. Dafür sorgen, dass niemand es wieder versucht, die Öffentlichkeit über das Tierleid in Schlachtbetrieben aufzuklären.
Der Todeskampf dauert bis zu 30 Sekunden
Nun hat der Landestierschutzverband Niedersachsen, der Landesverband vom Deutschen Tierschutzbund, gegen das Veterinäramt Vechta Klage eingereicht. Es ist wissenschaftlich unstrittig, dass die CO₂-Betäubung „erhebliche Leiden“ bei den Tieren verursacht, so der Vereinsvorsitzende Dieter Ruhnke. Der Todeskampf dauert bis zu 30 Sekunden, manchmal auch länger. Und trotzdem schreitet die Behörde nicht ein, weil die brutale Methode nach EU-Recht zugelassen ist – obwohl selbst die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit den Ausstieg aus der CO₂-Betäubung fordert.
Jurist David Werdermann von der Kanzlei KM8 Rechtsanwälte aus Berlin hat die Klage gegen den Landkreis Vechta erstellt: „Die CO₂-Betäubung entspricht nicht mehr dem Stand der Wissenschaft und ist deswegen nicht mehr zulässig.“
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Aber warum wird sie weiterhin angewendet, warum gucken alle Verantwortlichen weg? Der Grund ist erschreckend simpel: Allein in Deutschland werden jedes Jahr rund 35 Millionen Schweine mit Kohlendioxid betäubt. Alternativen mit Edelgasen sind teurer, verlangsamen das Tempo beim Schlachten oder erfordern andere Abläufe – auch das kostet Geld. Wirtschaft vor Tierschutz – wer diesem kranken System entkommen will, hat eigentlich nur eine Wahl: das pflanzliche Steak, für das kein Tier sterben musste.