Vegan-Kolumne: Finger weg von Schillers Locke

Dornhai im Wasser
Bei der Schillerlocke handelt es sich um die Bauchlappen des Dornhais

Als Kind war ich mit meinen Eltern oft in einer Wedeler Fischräucherei. Forelle, Aal, Heilbutt – und für mich Schillerlocke. Natürlich ahnte ich nicht, dass die vom Hai ist. Viele wissen es auch heute nicht – oder wollen es lieber nicht wissen.

Vor 45 Jahren machte ich mir keine Gedanken, was ich da esse – Hauptsache, es schmeckt. Schillerlocke gab es in meiner Kindheit in jedem Fischgeschäft, auf dem Wochenmarkt, überall wurde das längliche geräucherte Stückchen Fisch angeboten. Er soll seinen Namen in Anlehnung an Friedrich Schillers Haarpracht bekommen haben. Wer käme bei so viel Poesie schon darauf, dass es sich bei der Schillerlocke um die Bauchlappen des Dornhais handelt. Er wurde so sehr überfischt, dass die Weltnaturschutzunion IUCN den Gemeinen Dornhai auf der Roten Liste der gefährdeten Arten führt. Der Fang von Dornhaien ist in Deutschland längst verboten, aber nicht der Import. Dem heimischen Aal geht es übrigens nicht besser.

An der Schillerlocke kann man sehen, wie mit zweierlei Maß gemessen wird

Warum ich Ihnen die Geschichte erzähle? Weil sie so symptomatisch für unsere Gier ist, für die Arten- und Umweltzerstörung, die Ausbeutung der Tiere und das Plündern des Planeten. Weil man stellvertretend an der Schillerlocke sehen kann, wie ich, wie alle, die die Fische gefangen und gekauft haben, Schuld auf sich geladen haben. Und weil man an der Schillerlocke sehen kann, wie mit zweierlei Maß gemessen wird.

Frank Wieding vor Teller mit Gras und Steinen
MOPO-Autor Frank Wieding (59) isst seit mehr als 40 Jahren kein Fleisch. Gras und Steine musste er trotzdem noch nie essen.

Beim Wort Hafermilch bekommen einige Zeitgenossen Schnappatmung, weil es keine Milch ist und deswegen offiziell „Drink“ heißen muss. Beim Hai, der getarnt als Schillerlocke daherkommt, stört das niemanden, im Gegenteil, es wird bewusst verschleiert. „Der Grund dafür ist, dass Hai für die Konsument:innen nicht attraktiv ist“, sagt Julian Münster, zweiter Vorsitzender des Vereins „Stop Finning Deutschland e.V. – Haischutz und Meer“. „Durch die Fantasienamen findet unserer Meinung nach eine Täuschung der Kund:innen statt, denn oft fehlt die genaue Bezeichnung an den Fischtheken.“

„Haie sind besonders anfällig für Überfischung“

Weil der Bestand vieler Haiarten kritisch ist, tritt „Stopp Finning“ dafür ein, generell keine Haiprodukte zu essen. „Aufgrund ihrer Langlebigkeit und ihrer langen Reproduktionszyklen sind Haie besonders anfällig für Überfischung“, sagt Julian Münster. Der Dornhai sei ein gutes Beispiel: Weibchen würden erst mit 12 bis 23 Jahren geschlechtsreif werden und bringen dann nach einer Tragzeit von 18 bis 24 Monaten ein bis 21 Junge zur Welt, so Münster: „Einmal überfischt, können sich die Bestände daher nur sehr langsam erholen.“

Und der Dornhai ist mit seiner traurigen Bilanz nicht alleine. „Seine Situation ist beispielhaft für einen Großteil der wirtschaftlich genutzten Arten“, sagt Julian Münster. „Von den 536 von der IUCN bewerteten Arten gelten 76 als gefährdet, 56 als stark gefährdet und 35 als vom Aussterben bedroht.“

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Als ich noch Vegetarier war und im Restaurant etwas ohne Fleisch haben wollte, wurde ich öfter gefragt: „Auch keinen Fisch?“ Ich fand die Frage immer merkwürdig und antwortete leicht patzig: „Nein, der hat doch auch zwei Augen und atmet.“ Zugegeben, das ist einige Jährchen her. Aber das Schicksal von Dornhai, Aal und Co. zeigt, wie wenig Emotionen Fische bei der Mehrheit der Menschen auslösen, obwohl Untersuchungen belegen, dass sie zumindest ein Schmerzverhalten zeigen. Wir können nur nicht hören, wie sehr sie leiden.