St. Peter-Ording: Der überschätzteste Ort der Republik

St. Peter-Ording
Wer es karg und grau mag, hat hier meistens Glück. Auf ein Heißgetränk in den Pfahlbau? Das hat seinen Preis!

Geht es um norddeutsche Küstenorte, ist in den vergangenen Jahren ein merkwürdiger Hype zu beobachten: Die Menschen drehen total am Rad, wenn es um Sankt Peter-Ording geht. Die Hotels sind für Monate ausgebucht, wer abends eine Pizza essen möchte, sollte den Restaurant-Tisch lieber schon Tage im Voraus reservieren. Die hohe Nachfrage schlägt sich natürlich auch in den Preisen nieder: Ab der nächsten Saison ist die Kurtaxe in Sankt Peter-Ording sogar teurer als auf der Luxus-Insel Sylt! Was ist da los? Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Eins vorweg: Ich habe nichts Grundsätzliches gegen die Halbinsel Eiderstedt, auf der Sankt Peter-Ording liegt. Einöde ist voll mein Ding, seit meiner Kindheit verbringe ich freiwillig viele Wochen im Jahr in Dithmarschen. Schafe? Süß! Brise? Na gut! Und wer mal etwas Weite braucht, macht sich eben auf zu einem Spaziergang am Endlosstrand. Danach eine heiße Schokolade und der ausgelutschte Städter fühlt sich wiederbelebt.

Doch jetzt kommt das große ABER: Je beliebter Sankt Peter-Ording wird, desto mehr greift hier die Geschmacklosigkeit um sich. Beäugte ich die Entwicklung zunächst noch mit Interesse, schlich sich mit zunehmender Lammfell-Dichte auf den Restaurantbänken die Irritation ein.

Restaurants und Hotels werben mit wehenden Wuschelhaaren, „Aloha“ und Bulli-Nostalgie. Dass die Mehrheit der Gäste mit eher wenig Haar, in Steppjacke und im PS-starken Benziner anreist, scheint da nicht zu stören. Image und Realität liegen in Sankt Peter-Ording weiter auseinander, als der Sommergast vom Strandkorb zum Wasser laufen muss.

Sankt Peter-Ording ist dabei übrigens längst nur noch „SPO“. So nennt die Avantgarde der Nordseefreunde ihr karges Urlaubsziel, die Buchstaben werden dabei mit lässigem Zungenschlag ausgesprochen: very American! Nur mal am Rande: Wir sind hier fast in Dänemark und nicht in den Hamptons! Obwohl: Wo das Hotelzimmer inzwischen gern mal 300 Euro die Nacht kostet, ist eben auch kein Platz mehr für nordfriesische Bodenständigkeit.

St. Peter-Ording ist von Hamburg aus eher mies erreichbar

Stattdessen: Kitesurfkunst an den Wänden und Sand im Restaurant: In „SPO“ liebt man das maritime Detail. So, als könnte hier irgendjemand vergessen, dass er am Meer ist. Lieber schnell noch ein Surfbrett an die Hotelzimmer-Wand genagelt. Darauf einen Aperol Spritz!

Dabei sprechen allein die Eckdaten nicht gerade für die Reise an ausgerechnet diesen Deich: Der Ort ist von Hamburg aus eher mies erreichbar. Ab Heide ist da nur noch Landstraße – los geht’s mit der Gurkerei. Wer dann ein pittoreskes Mini-Dorf erwartet, hat die Rechnung ohne die vier (!) verschiedenen Ortsteile gemacht. Ich versichere Ihnen: Sie werden ganz sicher in dem Teil landen, in dem Ihre Unterkunft nicht liegt. Wo war noch mal Bad, Böhl – das verdammte DORF? Mit der Bahn ist die Anreise übrigens auch nicht besser: Drei Stunden für 140 Kilometer.

Warum ist St. Peter-Ording so beliebt?

Einen warmen Empfang müssen Nordseeurlauber ja eh nicht erwarten: Selbst im Hochsommer sehnt man sich hier an vielen Tagen nach seiner daunengefüllten Funktionsjacke. Baden? Bis zum Wasser ist es weit, ganz nach dem Motto: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Im Juli und August erreicht die Wassertemperatur 18 bis 19 Grad. Eltern packen im Hochsommer vorsichtshalber Neoprenanzüge und Wollmützen für die Kleinen ein. Und haben Sie schon mal versucht, mit dem Kinderwagen auch nur in die Nähe des Wassers zu kommen? Ach, lassen wir das.

Wer sich nach dem Eisbaden bei einem Happen Fisch aufwärmen will, tut das in den Läden hipper Hamburger Köche, die den „SPO“-Hype spät, aber doch eben noch rechtzeitig erkannt haben. Da glühen Wangen und Kreditkarte um die Wette!

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Ich scheine mit meiner Skepsis übrigens nicht ganz alleine zu sein. Gibt man Sankt Peter-Ording bei Google ein, erscheint in der Liste der häufigsten Suchanfragen: 1. Was ist das Besondere an Sankt Peter-Ording? Und 2.: Warum ist Sankt Peter-Ording so beliebt? Gute Fragen!

Auch auffällig: In der Bildersuche erscheinen fast nur Fotos vom Strand. Selten im Bild: der Ort. Woran das wohl liegen könnte? Tja, dreimal dürfen Sie raten. Im Kern ist Sankt Peter-Ording eben doch nur ein stinknormaler Kurort. Der überschätzteste Kurort der Republik.